Nahost : Israels zerrissene Jugend

Ein Haus im besetzten Westjordanland bauen, aber auch die Räumung der Siedlungen fordern: Viele Jugendliche in Israel haben ein widersprüchliches Weltbild.
Proteste in Tel Aviv © Uriel Sinai/Getty Images

Der großen Demonstration am Samstag blieb Refael Yucha fern. Dabei hätte der Student allen Grund gehabt, sich den 10.000 Demonstranten in Tel Aviv anzuschließen. Er will soziale Gerechtigkeit und gleiche Rechte für alle Israelis, egal ob Juden oder Araber. Er will sogar noch mehr: einen föderalen binationalen Staat. "Das ist die einzige Möglichkeit, die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit und der Gegenwart zu beseitigen", sagt er. Palästinenser sollen die gleichen Rechte haben. Aus Yuchas Mund kommt das überraschend. Er ist Sohn einer Siedlerfamilie aus dem besetzten Westjordanland .

Als Refael Yucha vier Jahre alt war, zogen seine Eltern in die acht Jahre zuvor gegründete Siedlung Sha’arei Tikva. Seinem Vater, einem jüdischen Flüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion , gefiel die Idee, das biblische Samaria wieder zu besiedeln. Wenn die Väter nachts aufbrachen, um weitere Häuser auf palästinensischen Privatgrund zu errichten, nahmen sie ihre Söhne mit. Nach getanem Nachtwerk schliefen die Siedlerjungs oft so lange, dass sie die Schule verpassten und sich stattdessen gleich zum Fußballplatz aufmachten. Nur Stunden, nachdem sie ihnen das Land gestohlen hatten, spielten sie dort mit den Kindern aus den benachbarten arabischen Dörfern.

Die zweite Intifada brachte den Sinneswandel

Refael ist heute 25 Jahre alt, lässt sich Rafi rufen und studiert in Tel Aviv Philosophie. Vom väterlichen Streben nach einem jüdischen Großisrael ist er so weit entfernt, wie man es als Israeli nur sein kann. Er unterstützt die nichtzionistische Linke. Damit ist er in Sha’arei Tikva zumindest in seiner Generation bei Weitem keine Ausnahme. Als Kinder sangen sie die nationalistischen Lieder der revisionistisch-zionistischen Jugendgruppe Beitar, heute lehnt die Mehrheit der 22- bis 26-Jährigen, die nicht religiös erzogen wurde, die zionistische Idee eines Judenstaats ab. Es ist die Altersgruppe, die alt genug ist, um die israelisch-palästinensische Interaktion in der Kindheit erlebt zu haben, und gleichzeitig jung genug, um am Höhepunkt der zweiten Intifada noch vor dem Armeedienst zu stehen.

Denn während des palästinensischen Aufstandes begannen sie umzudenken. Sie wurden Augenzeugen, wie das Leid der palästinensischen Nachbarn sich täglich vergrößerte. Die säkulare Siedlerjugend fragte sich, warum die Palästinenser diesen Kampf fochten, obwohl er ihre Situation nur verschlechterte. Händler verloren ihre israelischen Kunden, Angestellte ihre Arbeitsplätze in Israel und vor allem können sich die Palästinenser seitdem nicht mehr frei bewegen. Denn wo einst nur Olivenhaine die Ortschaften trennten, zieht sich nun eine Mauer um Sha’arei Tikva .

"Anders als die Menschen innerhalb Israels haben wir die Intifada nicht als lokales Problem der Besatzung wahrgenommen", erklärt Rafi. Während die Bewohner Israels das Problem auf die Besatzung und die Siedlerbewegung schoben, entwickelten Rafi und seine Freunde eine Sensibilität für die Ungerechtigkeiten im Westjordanland, aber auch in Israel selbst. Wenn er über das Leben arabischer Israelis und Palästinenser redet, verwendet er Begriffe wie Kolonialmacht, Hegemonie, Apartheid und Rassismus.

Ideologisch haben sich die Jugendlichen aus dem ultranationalistischen Umfeld ihrer Eltern geflüchtet. Doch viele haben den Sinneswandel nicht zu Ende gedacht. So leben etliche Freunde von Rafi immer noch in Sha’arei Tikva. Der Ort ihrer Kindheit ist zur Heimat geworden und gerne genießen sie das staatlich subventionierte Leben in der Siedlung. Rafis bester Freund hat sich dort sogar ein Haus gebaut. Nichtsdestotrotz stimmte er für die Demokratische Front für Frieden und Gleichheit, kurz Hadash. Die jüdisch-arabische Partei fordert die umfassende Räumung aller Siedlungen im Westjordanland und die Schaffung eines palästinensischen Staates.

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Kommentare

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Der Schrecken der Falken

Mit Angst und Schrecken schauen die Parteigänger Benjamin Nethanjahus auf die Demokratisierung im Nahen Osten. Mit den allermeisten Despoten hatte man sich abgefunden und führte mit ihnen eine Strategie friedlicher Koexistenz: der jordanische König Abullah oder der ägyptische Machthaber Mubarak, ja selbst ein Assad in Syrien galten als berechenbar - auch wenn man das im Falle Assads niemals zugegeben hätte. Und mit der Herrscherfamilie Saud in Saudi-Arabien pflegt man - wenn auch indirekt über die USA - gute Beziehungen.

Die Demokratisierung des Nahen Ostens gefährdet nun die überkommenen Machtverhältnisse. Das Schlimmste dabei wäre, wenn der äußere Feind auf einem Mal verschwunden wäre: die Regierung Nethanjahu stünde auf einem Male vollständig nackt da - die stetig andauernde äußere Bedrohung ist nämlich ein probates Mittel, von der neoliberalen Innenpolitik in Israel abzulenken - von den massiven Wirtschaftsproblemen, explodierenden Lebenshaltungskosten und von der exorbitant hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Der arabische Frühling hat schon längst auf Israel übergegriffen - zum Schrecken der Falken.

Oberflächlicher geht es ja wohl kaum noch

Es kann ja sein, dass es für Netanjahu das schlimmste ist keine äußere Bedrohung zu haben. Doch die momentanen Veränderungen im Nahen Osten werden und können zu Entspannung kein Stück beitragen.
Ich will nicht übertreiben, aber darauf verwette ich meinen Arsch.
Also wovon reden Sie überhaupt?

Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mk

Eine konsistente Weltanschauung

wäre der sichere Weg zur Lebensuntüchtigkeit. Das gilt nicht nur für junge Israelis. Die Anforderungen, denen Menschen im heutigen Kapitalismus ausgesetzt sind, sind dermaßen widersprüchlich, dass nur noch situativ gehandelt werden kann. Das verhindert eine Kontinuität der Lebensführung und macht moralisches Handeln extrem schwierig. Sich einigermaßen durchs Leben schlagen, ist alles was bleibt.

Das wusste schon Tucholsky

Tucholsky schrieb über die SPD-Mitgliedschaft:

“Es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich.”

Genauso leicht ist es, gegen die Besetzung des Westjordanlandes zu sein, in dem beruhigenden Gefühl, dass sich nichts ändern wird.