Angesichts der Mythen, die sich um Griechenland ranken, erkenne ich meine Heimat nicht wieder. Nach dem, wie in den letzten zwei Jahren in Deutschland über die Krise berichtet wird, scheint Griechenland ein Paralleluniversum zu sein.

Mythos 1: Die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt.

Diese Aussage trifft nur auf eine kleine Minderheit der Griechen zu. Es gab beeindruckende Einzelbeispiele, wie Beamte, die 4.000 Euro im Monat bekommen, und andere, die im Alter von 50 Jahren schon in Rente gehen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Fast nie wurde über Fakten gesprochen, zum Beispiel über das Durchschnittsgehalt, das schon vor der Krise nur 820 Euro betrug. Dabei sind die Preise von vielen Waren in Griechenland höher als in Deutschland. Die Griechen arbeiten mehr Stunden pro Woche als die Menschen in allen anderen OECD-Staaten und sie gehen im Schnitt später in Rente als die Deutschen.

Jeder, der Griechenland kennt, weiß, dass vor der Krise sehr viele Griechen hart gearbeitet haben, viele hatten sogar zwei Jobs. Wer heutzutage noch einen Job hat, gehört zu den wenigen, die sich glücklich schätzen dürfen. Die meisten verdienen dabei gerade einmal soviel, wie ein Hartz-IV-Empfänger in Deutschland bekommt.

Natürlich haben viele Leute ihre Steuern nicht regelmäßig bezahlt; das ist wahrscheinlich das größte Problem. Doch dafür werden die Griechen längst bestraft. Schauen Sie sich in griechischen Krankenhäusern, Schulen, Universitäten und Straßen um: Die Infrastruktur in Griechenland ist nicht zu vergleichen mit im Rest der EU, nicht einmal mit anderen südeuropäischen Ländern. Auch die Sozialleistungen in Griechenland sind erbärmlich.

Mythos 2: Die Griechen wollen nicht gerettet werden.

Das Hilfspaket enthält so wenig Hilfe wie eine Honigmelone Honig. Im besten Falle ist es ein Paket zur Selbsthilfe, denn es handelt sich ja nicht um geschenktes, sondern um geliehenes Geld.

Deutschland profitiert bereits heute von den Zinsen. Der Großteil des Rettungsfond-Geldes fließt in deutsche und französische Banken, nur um die fünf Prozent landen tatsächlich in griechische Kassen. Deutschland hat infolge der Eurokrise 35 bis 55 Milliarden am Anleihemarkt gespart. Außerdem hat Deutschland infolge der Abwertung des Euro seine Exporte um geschätzt 50 Milliarden Euro gesteigert.

Das Hilfspaket ist vor allem deshalb keine Hilfe, weil es mit Bedingungen verknüpft ist, die die griechische Wirtschaft zerstören. Das BIP ist in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosigkeit hat sich mehr als verdoppelt. Die Steuern sind zwar erhöht worden und die Steuerbehörden arbeiten effizienter bei der Aufklärung von Steuerhinterziehung. Trotzdem gibt es wegen des wirtschaftlichen Abschwungs viel weniger Steuereinnahmen.

Mythos 3: Die Griechen wollen nicht sparen.

Die Griechen sind nicht generell gegen das Sparen. Als das erste Sparpaket kam, erkannten viele die Nachteile, sahen aber ein, dass gespart werden muss. Mit den weiteren Sparpaketen wurde das Sparen aber zum Totsparen.

In den letzten zwei Jahren des Rettungspakets gab es einen dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Abschwung in Griechenland, wie ihn die Welt in den vergangenen 80 Jahren nicht gesehen hat. Tausende von Unternehmen wurden infolge des Abschwungs geschlossen, die Anzahl der Selbstmorde hat massiv zugenommen. Es gibt in Griechenland die größte Hungerwelle seit dem zweiten Weltkrieg, 400.000 Menschen werden von der Kirche ernährt. Eltern bringen ihre Kinder in SOS-Kinderdörfer, weil sie ihnen nichts mehr zu essen geben können.

Die griechische Bevölkerung verhungert im wahrsten Sinne des Wortes, damit die europäischen Banken gerettet werden. Trotzdem werden die Griechen als faul und undankbar beschimpft.

Nobelpreisträger haben davor gewarnt, die Sparpakete nicht anzuwenden. Dieselben Konzepte hat der IWF bereits zur angeblichen Rettung anderer Ländern benutzt. Das Ergebnis war die wirtschaftliche Zerstörung vieler dieser Länder. Wenn man also dem gesunden Menschenverstand oder den Nobelpreisträgern nicht trauen will, dann wenigstens der Geschichte.