Wahlplakate in Libyen © MOHAMMED ABED/AFP/GettyImages

Bis zu den ersten nationalen Wahlen im Libyen der Post-Gaddafi-Ära sind es nur noch wenige Tage. Doch die Abstimmung am 7. Juli wird von bewaffneten Demonstranten gefährdet. Sie drohen, die Wahlen im Osten des Landes zu stören, weil sie sich auch nach dem Ende der Diktatur wirtschaftlich und politisch marginalisiert fühlen.

Die libyschen Behörden sollten gar nicht erst vortäuschen, dass sie die Sicherheit am Wahltag unter Kontrolle haben. Stattdessen sollten sie einen echten Dialog mit den Demonstranten beginnen und die Ursachen hinter den Beschwerden ansprechen. Alternativen, wie etwa die Wahlen überall im Osten abzusagen, Gewalt anzuwenden oder heftige Eingriffe von anderen Brigaden zuzulassen, würden den bereits fragilen Übergang des Landes nur weiter untergraben.

Bewaffnete Männer plünderten am 1. Juli Wahlbüros in mehreren Städten im Osten, darunter Bengasi, die Wiege des Aufstands im Jahr 2011. Seit Ende Mai patrouillieren bewaffnete Fahrzeuge Wadi Ahmar, die symbolische Grenze entlang der Küstenstraße etwa 600 Kilometer östlich von Tripolis, die das östliche vom westlichen Libyen trennt. Mit Straßensperren verhindern die Demonstranten die Durchfahrt von Regierung und Militär, gelegentlich auch von kommerziellen Fahrzeugen. All das ist eine dreiste Demonstration der Stärke, die als direkte Herausforderung an die zentralen Behörden verstanden werden kann.

Nach Ansicht der Protestierenden vernachlässigt die Regierung den Osten und gesteht der Region nicht genügend Autonomie oder ausreichende finanzielle Hilfe zu, obwohl diese einen Fünftel der natürlichen Ressourcen des Landes besitzt. Sie werfen der Regierung auch vor, Millionen-Dollar-Deals mit Brigaden aus Sintan und Misrata, den zwei Zentren der bewaffneten Gruppen im Westen, gemacht zu haben. Wie auch Bürger in anderen Teilen des Landes misstrauen sie dem Nationalen Übergangsrat (NTC), der selbst ernannten vorläufigen Legislative, und beschuldigen ihn mangelnder Transparenz. Obwohl deren Vorsitzender Mustafa Abdel Dschalil aus der Region stammt, verachten sie ihn für seinen "Verrat gegen Barqa", das ist der lokale Begriff für das Gebiet im Osten. Kurz gesagt: Sie fühlen sich praktisch genauso machtlos wie zu den Zeiten des Gaddafi-Regimes.

Gewalt wäre die falsche Antwort

Noch sind diejenigen, die mit einem Boykott der Wahl drohen, eine Minderheit. Doch im Osten sympathisieren viele mit deren Forderungen. Mittlerweile gehören auch verärgerte revolutionäre Streitkräfte, bestehend aus zwei führenden östlichen Stämmen und dem pro-föderalistischen Barga-Rat, zu den Gegnern der Wahl. Einige dieser Truppen sind von der noch im Aufbau befindlichen und schwachen Nationalarmee (Jaysh al-Watani) übergelaufen. Andere sind bewaffnete Gruppen, die zuvor unter offizieller Kontrolle des Verteidigungsministerium standen. Die meisten kämpften während des Aufstands gegen Gaddafi.

Auf keinen Fall sollten die libyschen Behörden diese Gruppe der Unzufriedenen unterschätzen, sie kann den politischen Prozess empfindlich stören. Und sie würden einen schweren Fehler begehen, sollten sie auf Gewalt gegen potenziell bewaffnete Gruppen zurückgreifen, egal wie provokant diese sein mögen. Im Gegenteil sollte alles dafür getan werden, um verärgerte Brigaden oder Einzelpersonen davon abzuhalten, wegen der Ereignisse im Osten die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Gewalt gegen die Demonstranten würde deren Ressentiments nur verschärfen und die Legitimität ihres Autonomiekampfes auch in den Augen der Wähler nur steigern.