WahlErste freie Wahl in Libyen beendet

Zum ersten Mal seit 50 Jahren gibt es in Libyen wieder freie Wahlen. In vielen Wahllokalen haben die Menschen den Tag gefeiert. Im Osten des Landes gab es Proteste.

Eine Libyerin nach der Stimmabgabe in Benghasi

Eine Libyerin nach der Stimmabgabe in Benghasi

Libyen hat am Samstag in der ersten freien Wahl seit mehr als 50 Jahren einen Nationalkongress gewählt, der die Interimsperiode nach dem Sturz des Regimes von Muammar al-Gaddafi beendet. Damit beginnt eine bislang unbekannte Ära demokratisch legitimierter Institutionen für das Land.

Der Vorsitzende der Wahlkommission, Al-Abbar, sagte dass in 94 Prozent der Bezirke die Wahl normal abgelaufen sei. Die Libyer machten die Wahl zu einem Fest. Frauen stießen in den Wahllokalen Freudentriller aus und verteilten Schokolade. Männer machten das Victory-Zeichen. Vor den Wahllokalen in der Hauptstadt Tripolis hatten sich schon am Morgen trotz der großen Hitze lange Warteschlangen gebildet. Einige Wähler warteten 90 Minuten, um endlich ihre Stimme abgeben zu können.

Anzeige

"Ich hätte diesen Augenblick um nichts in der Welt versäumt", sagte eine 53-jährige Lehrerin, nachdem sie gewählt hatte. Einige Wähler fotografierten nach der Stimmabgabe ihre mit Tinte aus dem Wahllokal gefärbten Finger. Analog zum Ruf der libyschen Revolutionäre "Erhebe dein Haupt, du bist ein freier Libyer!" riefen sie dabei: "Erhebe deinen Finger, du bist ein freier Libyer!"

Abschied von der Diktatur

Libyen ist das viertgrößte Land Afrikas. Es hat etwas mehr als sechs Millionen Einwohner und verfügt über große Öl- und Gasvorkommen. Libyen besteht aus drei Regionen: der Cyrenaika im Osten, Tripolitanien im Westen und Fessan im Süden. Zwischen den Regionen gibt es immer wieder Spannungen. Von 1911 bis 1942 war Libyen italienische Kolonie. 1942 besetzten die Alliierten das Land, von 1951 an wurde es in die Unabhängigkeit entlassen. 1969 putschte sich Oberst Muammar al-Gaddafi an die Macht. Er regierte Libyen 42 Jahre lang mit harter Hand.

Nach Gaddafi

Im Zuge des Arabischen Frühlings brach Mitte Februar 2011 ein Aufstand gegen den Diktator aus. Gaddafi versuchte ihn zu unterdrücken. Im März intervenierte die Nato mit Luftangriffen. Am 20. Oktober 2011 töteten Rebellen den fliehenden Gaddafi.

Anfang 2012 wurde das Parteienverbot aufgehoben. Seitdem formierten sich über 130 Parteien. Am 7. Juli wählten die Libyer zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ein Parlament, den Nationalkongress. Seit dem Sturz des Diktators brechen immer wieder gewaltsame Konflikte zwischen verfeindeten Milizen aus.

Kritik der Föderalisten

Übergangsregierungschef Abdel Rahim al-Kib sagte: "Die ganze Welt wurde überrascht vom Erfolg der libyschen Revolution, und genauso wird sie überrascht werden vom Erfolg dieser Wahl."

Auf die Frage nach den Störversuchen der Föderalisten sagte er: "Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung." Die Föderalisten beklagen die angebliche Benachteiligung der östlichen Gebiete und streben eine weitgehende Autonomie an. Sie sind zudem der Meinung, für ihre Region hätten mehr als 60 Sitze im Nationalkongress reserviert werden müssen.

Mehrere Wahlgegner hatten Hunderte Stimmzettel aus einem Wahllokal entwendet und öffentlich verbrannt. Noch in der Nacht seien frisch gedruckte Stimmzettel nach Libyen geflogen worden, hieß es am internationalen Flughafen von Kairo, wo eine libysche Maschine Zwischenstation machte. Andere Wahllokale im Osten des Landes waren verwüstet worden und konnten daher nicht öffnen. 

Übergangsregierung versucht Wahlgegner zu besänftigen

Die Föderalisten sind landesweit eine kleine Minderheit. Allerdings fiel es ihnen auch in ihrem Kerngebiet im Osten schwer, die Menschen zum Wahlboykott zu überreden. Trotzdem machte die Übergangsregierung noch kurz vor der Wahl überraschend Zugeständnisse, um die Demonstranten in Cyrenaica zu besänftigen. Nicht der Allgemeine Nationalkongress soll nun die Mitglieder des Rates bestimmen, der die neue Verfassung ausarbeitet. Diese sollen stattdessen direkt vom Volk gewählt werden.

Der neue Allgemeine Nationalkongress wird 200 Abgeordnete haben. Um die Mandate bewarben sich 3.707 Kandidaten. 120 Mandate sind für Direktkandidaten reserviert. 80 Sitze gehen an die Kandidaten politischer Bündnisse. Die ersten Ergebnisse aus einzelnen Städten werden frühestens im Laufe des Sonntags erwartet.

 
Leserkommentare
    • gl1963
    • 07.07.2012 um 21:53 Uhr
    2 Leserempfehlungen
  1. Ich hab da mal einen wirklich guten Spruch zu gehört.
    "Wahlen sind ein Instrument was es erlaubt so zu tun als ob man etwas tut. Jeder ist danach zufrieden und alles läuft wie vorher nur das alle daran jetzt beteiligt sind."
    Das hab ich von einen Bekannten gehört. (Hotel Partei^^)

    Ob man in Libyen nun Wählt oder nicht am ende wird das Land so zersplittert sein das einige viel haben und andere nichts. Und solange das Land Öl hat wird das so bleiben.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eine zynische Anmerkung zur notwendigen, hoffnungsvollen und engagierten Initiative der Libyer, ihre Gesellschaft eigenverantwortlich aus sich selbst heraus zu organisieren, haben Sie da mal eben im Sessel rausgelassen.

    Und wie weit denken Sie? Was ist Ihre schlussfolgernde Alternative zu Wahlen, nachdem Sie sie durch den Kakao gezogen haben?
    Am Ende wieder der Starke Mann, der laut Selbstüberschätzung alles weiß, sieht und kann?

    • joG
    • 08.07.2012 um 10:36 Uhr

    ....sie sagten etwas bedeutungsvolles, würden eine tiefere Wahrheit preis geben würden schockieren, wenn sie etwas zynisches sagen. Es gibt solche Wahrheiten. Meist sind die Sprüche aber nur ein Sammelsurium unverstandener Halbwahrheiten und Vorurteile sowie oft das Zeichen, dass man sich nie wirklich um das Thema intellektuell kümmerte. So hier: "Ob man in Libyen nun Wählt oder nicht am ende wird das Land so zersplittert sein das einige viel haben und andere nichts. Und solange das Land Öl hat wird das so bleiben."

    Eine zynische Anmerkung zur notwendigen, hoffnungsvollen und engagierten Initiative der Libyer, ihre Gesellschaft eigenverantwortlich aus sich selbst heraus zu organisieren, haben Sie da mal eben im Sessel rausgelassen.

    Und wie weit denken Sie? Was ist Ihre schlussfolgernde Alternative zu Wahlen, nachdem Sie sie durch den Kakao gezogen haben?
    Am Ende wieder der Starke Mann, der laut Selbstüberschätzung alles weiß, sieht und kann?

    • joG
    • 08.07.2012 um 10:36 Uhr

    ....sie sagten etwas bedeutungsvolles, würden eine tiefere Wahrheit preis geben würden schockieren, wenn sie etwas zynisches sagen. Es gibt solche Wahrheiten. Meist sind die Sprüche aber nur ein Sammelsurium unverstandener Halbwahrheiten und Vorurteile sowie oft das Zeichen, dass man sich nie wirklich um das Thema intellektuell kümmerte. So hier: "Ob man in Libyen nun Wählt oder nicht am ende wird das Land so zersplittert sein das einige viel haben und andere nichts. Und solange das Land Öl hat wird das so bleiben."

    • xpeten
    • 07.07.2012 um 22:54 Uhr

    ausschauende Libyerin ist das schönste Bild,
    das ich seit der Befreiung vom Diktator Ghaddafi gesehen habe.

    Möge es solche Bilder bald aus Syrien und dem Iran geben.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wieviele hunderttausend Tote in Syrien oder dem Iran sind ihnen denn so schicke Propagandafotos auf Zeit Online wert?
    Die realen Folgen der NATO "Befreiung" sind ~50.000 Tote, zerstörte Städte, zerstörte Infrastruktur, zerstörte Trinkwasserversorgung, unbezahlbare Medikamente, ethnische Säuberungen und durch die unkontrollierte Waffenschwemme ein Nachbarland im Chaos.
    Aber so Klienigkeiten kann man ja mal ausblenden wenn uns ein von Quatar finanzierter Jihad-Prediger und Gaddafis ehemaliger Justizminister vorspielen, sie seien überzeugte Demokraten;)

    Für mich schaut sie eher spöttisch drein. Vor allem sieht sie aus, als hätte sie einen Kandidaten gewählt, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann.
    Zugegebenermassen hatte ich nicht einmal damit gerechnet, dass es überhaupt so etwas wie Wahlen geben würde. Allerdings deutet nicht viel, ausser dem Wahlmodus, auf Demokratie hin.

    ...nebst beGEISTerter Kommentare über beGEISTerte Menschen.

    "BeGEISTert" bitte ich im Sinne von "rauschhaft" zu verstehen, GEWÄHLT haben, die Leute schweben förmlich handspannenweit überm Boden, je weniger hoch, desto weniger tief fallen sie...

    Ob und wenn ja wie viel sich für sie zum Besseren ändert: völlig offen.
    Aber das GEFÜHL, demokratisch was mitbestimmen dürfen, das ist nicht gering zu schätzen.

    wieviele hunderttausend Tote in Syrien oder dem Iran sind ihnen denn so schicke Propagandafotos auf Zeit Online wert?
    Die realen Folgen der NATO "Befreiung" sind ~50.000 Tote, zerstörte Städte, zerstörte Infrastruktur, zerstörte Trinkwasserversorgung, unbezahlbare Medikamente, ethnische Säuberungen und durch die unkontrollierte Waffenschwemme ein Nachbarland im Chaos.
    Aber so Klienigkeiten kann man ja mal ausblenden wenn uns ein von Quatar finanzierter Jihad-Prediger und Gaddafis ehemaliger Justizminister vorspielen, sie seien überzeugte Demokraten;)

    Für mich schaut sie eher spöttisch drein. Vor allem sieht sie aus, als hätte sie einen Kandidaten gewählt, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann.
    Zugegebenermassen hatte ich nicht einmal damit gerechnet, dass es überhaupt so etwas wie Wahlen geben würde. Allerdings deutet nicht viel, ausser dem Wahlmodus, auf Demokratie hin.

    ...nebst beGEISTerter Kommentare über beGEISTerte Menschen.

    "BeGEISTert" bitte ich im Sinne von "rauschhaft" zu verstehen, GEWÄHLT haben, die Leute schweben förmlich handspannenweit überm Boden, je weniger hoch, desto weniger tief fallen sie...

    Ob und wenn ja wie viel sich für sie zum Besseren ändert: völlig offen.
    Aber das GEFÜHL, demokratisch was mitbestimmen dürfen, das ist nicht gering zu schätzen.

  2. wieviele hunderttausend Tote in Syrien oder dem Iran sind ihnen denn so schicke Propagandafotos auf Zeit Online wert?
    Die realen Folgen der NATO "Befreiung" sind ~50.000 Tote, zerstörte Städte, zerstörte Infrastruktur, zerstörte Trinkwasserversorgung, unbezahlbare Medikamente, ethnische Säuberungen und durch die unkontrollierte Waffenschwemme ein Nachbarland im Chaos.
    Aber so Klienigkeiten kann man ja mal ausblenden wenn uns ein von Quatar finanzierter Jihad-Prediger und Gaddafis ehemaliger Justizminister vorspielen, sie seien überzeugte Demokraten;)

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie vergaßen in Ihrer Replik auf Expeten noch, uns zu erklären, warum Oberst Ghaddafi einen Bürgerkrieg anzettelte, indem er Demonstrationen niederschießen ließ und warum die Libyer nach dem Bürgerkrieg nicht wählen und aus den Wahlen keine konstruktive Hoffnung schöpfen sollen.

    Sie vergaßen in Ihrer Replik auf Expeten noch, uns zu erklären, warum Oberst Ghaddafi einen Bürgerkrieg anzettelte, indem er Demonstrationen niederschießen ließ und warum die Libyer nach dem Bürgerkrieg nicht wählen und aus den Wahlen keine konstruktive Hoffnung schöpfen sollen.

  3. Für mich schaut sie eher spöttisch drein. Vor allem sieht sie aus, als hätte sie einen Kandidaten gewählt, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann.
    Zugegebenermassen hatte ich nicht einmal damit gerechnet, dass es überhaupt so etwas wie Wahlen geben würde. Allerdings deutet nicht viel, ausser dem Wahlmodus, auf Demokratie hin.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Für mich schaut sie eher spöttisch drein. Vor allem sieht sie aus, als hätte sie einen Kandidaten gewählt, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann."

    Welch eine Begabung, Sie können tatsächlich sehen das diese junge Dame einen Kandidaten gewählt hat, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann?

    Welch eine Begabung, hätte ich auch gerne oder lieber doch nicht...

    • xpeten
    • 08.07.2012 um 0:34 Uhr

    wie lange hat es in Westeuropa und in Deutschland gedauert...

    - und auch da ist noch viel zu tun.

    "Für mich schaut sie eher spöttisch drein. Vor allem sieht sie aus, als hätte sie einen Kandidaten gewählt, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann."

    Welch eine Begabung, Sie können tatsächlich sehen das diese junge Dame einen Kandidaten gewählt hat, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann?

    Welch eine Begabung, hätte ich auch gerne oder lieber doch nicht...

    • xpeten
    • 08.07.2012 um 0:34 Uhr

    wie lange hat es in Westeuropa und in Deutschland gedauert...

    - und auch da ist noch viel zu tun.

  4. ...

    Eine Leserempfehlung
    • kyon
    • 07.07.2012 um 23:57 Uhr

    "Erhebe deinen Finger, du bist ein freier Libyer!"

    Dadurch, dass man seinen Finger schwärzt, mag man vielleicht demokratisch gewählt haben, ein "freier Libyer" wird man dadurch nicht.

    Ein freier Libyer wird man dadurch, dass man religions- und geschlechtsunabhängig seine Meinung öffentlich sagen und uneingeschränkt die universellen Menschenrechte in Anspruch nehmen kann.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Manche Menschen sehen Ihre Freiheit darin das sie nach dem Islam leben, wenn Sie dafür abgestimmt haben ist es Ihr Recht.
    Nicht jedes demokratische System muss eine 0/8/15 Kopie des westens sein, ist auch in vielen Ländern dieser Erde nicht erwünscht, auch wenns viele Bewohner des Westens nicht glauben wollen, aber das ist eine Tatsache.

    Manche Menschen sehen Ihre Freiheit darin das sie nach dem Islam leben, wenn Sie dafür abgestimmt haben ist es Ihr Recht.
    Nicht jedes demokratische System muss eine 0/8/15 Kopie des westens sein, ist auch in vielen Ländern dieser Erde nicht erwünscht, auch wenns viele Bewohner des Westens nicht glauben wollen, aber das ist eine Tatsache.

  5. "Für mich schaut sie eher spöttisch drein. Vor allem sieht sie aus, als hätte sie einen Kandidaten gewählt, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann."

    Welch eine Begabung, Sie können tatsächlich sehen das diese junge Dame einen Kandidaten gewählt hat, welcher mit demokratisch-freiheitlichen Werten nur wenig anfangen kann?

    Welch eine Begabung, hätte ich auch gerne oder lieber doch nicht...

    Antwort auf "Ausschauen"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Kommentare 33
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Wahl | Libyen | Autonomie | Fest | Flughafen | Minderheit
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service