AtomstreitNordkorea will Atomprogramm "vollständig überprüfen"

Nach dem Umbau der Armeespitze wendet sich Nordkoreas Führung an die internationale Gemeinschaft: Das Land habe keine andere Wahl, als die atomare Frage neu zu prüfen. von afp und reuters

Ein nordkoreanischer Soldat vor einer Unha-3-Rakete

Ein nordkoreanischer Soldat vor einer Unha-3-Rakete  |  © Bobby Yip/Files/Reuters

Die nordkoreanische Regierung will ihr Atomprogramm neu überdenken. "Die Umstände zwingen uns, die atomare Frage vollständig zu überprüfen", teilte das Außenministerium in Pjöngjang laut der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA mit. Experten rechnen seit Wochen mit einem dritten Atomtest , nachdem Pjöngjang im Oktober 2006 und im Mai 2009 bereits Bomben getestet hatte.

Nach Auffassung von Beobachtern wollte Nordkorea mit der Botschaft ein Warnsignal setzen. Die eigentliche Absicht des Regimes sei es, Druck auf die USA auszuüben, damit Washington wieder den Dialog mit Pjöngjang aufnehme, zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap einen Regierungsbeamten in Seoul .

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Die Erklärung des Außenministeriums erfolgt wenige Tage nach dem Umbau der Militärspitze. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hatte den Armeeführer Ri Yong Ho entlassen und wurde selbst in den Rang eines Marschalls erhoben . Zudem wurde der bisher unbekannte General Hyon Yong Chol zum Vize-Marschall ernannt. Nach der Entmachtung der alten Armeeführung steht das verarmte Land einem Insider zufolge vor den umfangreichsten Wirtschaftsreformen seit Jahrzehnten.

Ein Informant mit Verbindungen nach Pjöngjang und Peking berichtete der Nachrichtenagentur Reuters, Kim und sein einflussreicher Onkel Jang Song Thaek wollten der Armee das Kommando über die maroden Betriebe nehmen und diese einer zivilen Führung unterstellen. Dazu seien in der Regierung und in der kommunistischen Arbeiterpartei spezielle Gruppen eingesetzt worden. Generalstabschef Ri Yong Ho habe gegen den Bedeutungsverlust der Armee als Folge der geplanten Reformen opponiert und sei deshalb geschasst worden.

Es ist nicht bekannt, wie viele Gefolgsleute Ri Yong Hos ihrer Posten enthoben wurden. Sie seien aber nicht inhaftiert worden, sagte der Insider. Einer Schätzung der südkoreanischen Regierung zufolge wurden seit Amtsantritt Kims etwa 20 hohe Militärs abgesetzt.

Kim Jong Un entzieht Militär Kontrolle über Wirtschaft

"In der Vergangenheit hatte die Regierung in der Wirtschaft nichts zu sagen. Die Armee kontrollierte die Wirtschaft, aber das wird sich nun ändern", sagte der Insider. In der Regierung sei ein "politisches Büro" eingesetzt worden, das den Soldaten die Zuständigkeit für die Betriebe und die Landwirtschaft nehmen soll. Ein vergleichbares Gremium sei auch in der Partei geschaffen worden. Die Reformen orientierten sich an China , dem einzigen Verbündeten des international isolierten Landes.

Unter Kim Jong Uns verstorbenem Vater Kim Jong Il galt in der Politik und der Wirtschaft Nordkoreas der Grundsatz "Das Militär zuerst". Das sicherte den 1,2 Millionen Soldaten zählenden Streitkräften den Vorrang vor anderen gesellschaftlichen Gruppen. Vize-Marschall Ri Yong Ho sei der entschiedenste Anhänger der Politik des alten Staats- und Parteichefs gewesen, sagte der Insider. Der Generalstabschef, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg an der Seite von Staatsgründer Kim Il Sung gegen die Japaner kämpfte, habe die Änderungen abgelehnt.

Machtkampf in Nordkorea

Die Äußerungen des Insiders sind ein Hinweis auf einen Machtkampf in dem weitgehend abgeschotteten Land, dessen Bevölkerung wegen der schlechten Wirtschaftslage Hunger leidet. "Kim Jong Un und Jang Song Thaek haben das Militär unter Kontrolle", sagte der Informant, dessen frühere Vorhersagen etwa über den ersten nordkoreanischen Atomtest 2006 sich als korrekt erwiesen hatten.

Unter der Führung des jungen Kim gibt es erste Zeichen für eine Lockerung in einem der letzten kommunistisch regierten Länder. So strahlte das Staatsfernsehen Bilder des Machthabers bei einer Ausstellung und einem Rockkonzert aus. Jang Song Thaek gilt seit längerer Zeit als Befürworter einer Reformpolitik. Der mit einer Schwester Kim Jong Ils verheiratete Funktionär steht zudem im Ruf, der eigentliche Machthaber hinter dem Staatschef zu sein.

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Leserkommentare
    • joG
    • 20. Juli 2012 19:16 Uhr

    ....zu verschrotten, wäre das ein großer Schritt vorwärts, der den Iranern ein gutes Beispiel wäre.

  1. ...das wäre wohl auch für manch andere Staaten ein gutes Beispiel

  2. Sobald Nordkorea sein Atomwaffenprogramm aufgibt, wird es fallen.

    Reformen ja - Aufgeben der Selbstverteidigung - auf keinen Fall!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xy1
    • 21. Juli 2012 13:08 Uhr

    Wie tief kann es noch fallen? Geht noch was?

    • xy1
    • 21. Juli 2012 13:08 Uhr

    Wie tief kann es noch fallen? Geht noch was?

  3. Weil es der Kommunismus ist, der Nordkorea so schlecht macht.

    Ich finde es traurig, dass selbst die Zeit es bis heute nicht schafft, einen Unterschied zwischen Kommunismus und Diktatur zu machen. Selbst wenn es bis heute keinen Kommunismus ohne Diktatur gab, ist am Kommunismus selbst nichts Tyrannisches zu finden.

    Lt. meinem Verständnis hat sich die Diktatur lange vor dem Kommunismus entwickelt und hat auch im Kapitalismus immer wieder eine Heimstätte gefunden.

  4. ...sich Nordkorea öffnen würde.

    Der westlichen Welt bzw. der Internationalen Staatengemeinschaft (obwohl bis jetzt niemand weiss welche genau Staaten genau damit gemeint sind) sollte bewusst sein, dass sie sich langsam nämlich genau in die Richtung Nordkoreas bewegen und zwar mit Social Media Monitoring Tools & Background Checks.

  5. ...nicht nach USA-EU-NATO-Pfeife tanzen, werden quasi gezwungen sich bestmöglich zu bewaffnen.

    Die Frage ob die " politischen Systeme" dieser Staaten gut/schlecht sind, ist hier eher zweitrangig.

    • Voce
    • 23. Juli 2012 10:19 Uhr

    Es bleibt abzuwarten, ob Kim Jong Un tatsächlich den Willen und die Macht hat Reformen und eine Öffnung des Landes anstreben und durchsetzen zu können oder ob ,wenn er es so vorhaben solte, konservative Kräfte insbesondere im Militär ihn daran hindern werden wollen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, Reuters
  • Schlagworte Kim Jong Un | Atomprogramm | Nordkorea | Militär | Atomtest | Nachrichtenagentur
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