Bis vor wenigen Jahren war klar: Reichtum an natürlichen Ressourcen ist für die meisten Länder der Erde kein Segen, sondern ein Fluch. Gemeint waren damit in erster Linie nicht-erneuerbare mineralische und fossile Rohstoffe. Sofern man nicht über die guten öffentlichen Institutionen von Norwegen oder Australien verfügte, würde die Ausbeutung von Bodenschätzen fast zwangsläufig zu niedrigeren Wachstumsraten, ungünstiger sozialer Entwicklung und undemokratischen politischen Verhältnissen führen. Der Aufstieg in die Champions League der entwickelten Staaten konnte nur über Industrie und verarbeitendes Gewerbe erfolgen, hieß es in der Entwicklungsforschung.

An dieser Einschätzung ist auch heute noch vieles richtig, aber in letzter Zeit hat sich der Blick auf Naturressourcen verändert. Vor allem zwei Tendenzen haben hierzu beigetragen: Zum einen haben einige Staaten, insbesondere aus der lateinamerikanischen Region, eine rasante Entwicklung hingelegt, bei der ein ressourcenbasierter Wachstumspfad mit gut fokussierten Sozialprogrammen verknüpft und in solide Wirtschafts- und Finanzpolitiken eingebettet war. Zum anderen hat die wissenschaftliche Begleitforschung in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse produziert, die eine differenziertere Interpretation nahelegen.

Eine zentrale Botschaft aus diesen Studien lautet: Auch für Entwicklungsländer muss Ressourcenreichtum kein Nachteil sein. Entscheidend für den gemeinwohlorientierten Umgang mit Ressourcen sind Transparenz sowie die Existenz institutioneller dhecks and balances im politischen System. Um einen entwicklungsförderlichen Kontext herzustellen, müssen nationale und internationale Anstrengungen ineinandergreifen. Hierin liegt eine wesentliche Aufgabe der Industrieländer, die mehr als bisher dazu beitragen können, dass Naturressourcen verantwortlich eingesetzt werden.

Durch Rohstoffreichtum leidet die Wettbewerbsfähigkeit

Die These vom Ressourcenfluch hat eine ökonomische und eine politische Dimension. Ökonomisch gilt, dass die hohe Abhängigkeit eines Landes vom Rohstoffexport eine verzerrte Wirtschaftsstruktur hervorbringt, bei der Investitionen und Produktivitätszuwächse in den übrigen Sektoren niedriger ausfallen, als sonst zu erwarten wäre. Hierunter leiden Wettbewerbsfähigkeit und Wachstumschancen der gesamten Volkswirtschaft. Preisschwankungen auf den Weltmärkten erschweren die Planung von Investitionen und staatlichen Haushalten zusätzlich. Außerdem führt die Aneignung der Rohstoffrente durch den Staat aufgrund fehlenden Wettbewerbs häufig zu Ineffizienzen, die auch die Entwicklung im Rohstoffsektor selbst beeinträchtigen.

Die ökonomischen Ursachen des Ressourcenfluchs sind also identifiziert. Auch die Lösungsansätze sind im Grunde bekannt. Wichtig ist es, Anreize für die Diversifizierung der Wirtschaft zu schaffen und einen Teil der Rohstoffeinnahmen zu sparen. Gelingt dies, hat man schon viel dazu getan, dass Staat und Wirtschaft nicht völlig von den schwankenden Weltmarktpreisen für Rohstoffe abhängen und sich das Wirtschaftswachstum verstetigt. Zusätzlich muss der Staat für humane Arbeitsbedingungen und den Schutz der Umwelt Sorge tragen. Eine zentrale Herausforderung besteht zudem darin, die Rohstoffrente so zu verteilen, dass sie auch den Armen zugutekommt, dass die Bevölkerung in besonders belasteten Gebieten entschädigt wird und dass auch künftige Generationen etwas vom Reichtum des Landes haben.

Entscheidend ist die politische Dimension

Wenn also im Prinzip bekannt ist, wie Rohstoffe nachhaltig für Entwicklung genutzt werden können – warum geschieht das nicht viel öfter?

Hier greift die politische Dimension des Ressourcenfluchs. Sie begründet sich in zwei Besonderheiten. Zum einen erwachsen einer Gesellschaft Einkünfte aus dem Rohstoffsektor in Form von Renten, also (teilweise) unabhängig von Eigenanstrengungen. Dies lähmt die Eigeninitiative. Außerdem fließen die Einnahmen vor allem dem Staat zu und werden von ihm verteilt. Die Kontrolle über den Staat wird zu einem Alles-oder-nichts-Spiel, wenn außerhalb des öffentlichen Sektors kaum profitable Tätigkeiten möglich sind. Im Ergebnis verfügen rohstoffreiche Länder häufig über schwache und ineffiziente Verwaltungsstrukturen und sind im Durchschnitt auch weniger demokratisch als rohstoffarme Länder mit vergleichbarem Pro-Kopf-Einkommen.

Fazit: Rohstoffbasierte Entwicklung ist möglich, bleibt aber eine besondere Herausforderung für Entwicklungsländer. Hieraus ergibt sich eine Agenda für die internationale Zusammenarbeit. In den Rohstoffe produzierenden Ländern sollte die friedliche und transparente Regulierung von Konflikten bei der Produktion und Verteilung des Rohstoffreichtums unterstützt werden. Das ist weniger eine Frage persönlicher Glaubwürdigkeit als eine des Aufbaus institutioneller Strukturen für Kontrolle, Öffentlichkeit und Mitsprache.

Derartige Maßnahmen können aber nur greifen, wenn auch auf internationaler Ebene mehr Anstrengungen unternommen werden, Rohstoffmärkte und angegliederte Finanzströme zu regulieren und internationale Rohstoffunternehmen weltweit gültigen Regeln zu unterwerfen. Solange Unternehmen und korrupte Einzelpersonen alle Möglichkeiten haben, dubiose Praktiken zu verschleiern und illegal erzielte Profite zu verschieben, wird auch die bestgemeinte Entwicklungspolitik ins Leere laufen.