Amerika ist das gelobte Land und wurde erstmals dauerhaft etwa 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung von einem jüdischen Propheten namens Nephi und seinen Anhängern besiedelt. Das klingt wie ein Fantasyroman oder schlecht recherchierte Alternative History. Für Millionen Mormonen weltweit ist es die Wahrheit, an die sie glauben. Alljährlich wird diese Geschichte auf einem Hügel nahe der Stadt Palmyra im Bundesstaat New York neu aufgeführt – es ist das wichtigste Fest des mormonischen Kalenders.

Auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist ein Anhänger dieser Religion . Gegenüber der Steuerbehörde hat er angegeben, in den nächsten beiden Jahren insgesamt mehr als vier Millionen Dollar an die mormonische Kirche zu spenden. Seit dem Beginn seiner politischen Karriere gehören mormonische Familien zu den wichtigsten Spendern seiner Kampagnen. Dennoch hält man sich auf dem Cumorah Hill auffällig zurück mit politischen Sympathiebekundungen oder gar Wahlempfehlungen.

Kaum 20 Meter hoch ist der bewaldete Hügel zwischen Manchester und Palmyra direkt an der State Road 21, auf dem 1823 der Gründer der Mormonen die Schriftstücke der ersten frühgeschichtlichen, aus Israel stammenden Bewohner Nordamerikas gefunden haben will – für eine heilige Stätte reichlich unscheinbar. Eine Woche lang schmückt ein tempelartiger Aufbau diesen Ort. Er soll nach orientalischer Frühgeschichte aussehen, erinnert aber eher an einen billigen Sandalenfilm. Allabendlich wird dort der mormonische Mythos aufgeführt.

In der Nähe sitzen meist große Familien in Zelten, verspeisen gegrillte Hähnchen und Hot Dogs. Die Stimmung ist bisweilen sogar ausgelassen, obwohl niemand Alkohol trinkt – das ist für Mormonen verboten. Laienschauspieler in pseudohistorischen Kostümen gehen durch die Reihen und sprechen mit den Menschen über ihren Glauben. Einige Hundert Autos parken auf der angrenzenden Wiese, an den besten Tagen sollen jeweils mehr als 6.500 Menschen die Veranstaltung besucht haben.

Keine Romney-Sticker auf den Stoßstangen

Die meisten Nummernschilder stammen aus Utah , wo die Mehrheit der Mormonen seit der Vertreibung der Religionsgemeinschaft aus den östlichen Staaten lebt. Romneys Kandidatur muss ein Wendepunkt für diese kleine Gemeinde sein. Dennoch klebt auf keinem der parkenden Autos einer der verbreiteten Stoßstangen-Aufkleber , die für den Republikaner oder seine Partei werben.

Wären da nicht die Menschen mit Transparenten auf der anderen Seite des Zauns, hätte man den Eindruck, es ginge hier nur um die Hähnchen, die Hot Dogs und das skurrile Freilufttheater. Sie rufen "Prostituierte" und meinen damit mormonische Frauen, auch wenn es nur noch in fundamentalistischen Einzelfällen vorkommt, dass diese sich denselben Ehemann teilen. Sie rufen "Götzendiener" und prangern damit das Theatralische der mormonischen Religion an.

Die Demonstranten sind Fanatiker, radikale Christen, die auf Nachfrage bestätigen, die Republikaner zu wählen. Ob sie wollen oder nicht, ist Romney also auch ihr Kandidat in diesem Wahlkampf, den einige als Kulturkampf wahrnehmen – sprechen wollen sie nicht über ihn. Es gehe hier um Religion, nicht um Politik.