Pussy-Riot-ProzessPutins Angst vorm eigenen Volk

Abschreckung durch Schauprozesse wie in der Sowjetunion: Der Prozess gegen die Punkrockband Pussy Riot demaskiert das Putin-Regime, kommentiert Claudia von Salzen. von Claudia von Salzen

Es war ein bewusster Tabubruch: Acht junge russische Frauen in selbst gehäkelten Sturmmasken singen an einem symbolischen Ort ein Protestlied gegen Wladimir Putin . Nicht viele Russen kannten bis dahin die Punkrockband Pussy Riot . Damals, im Januar, traten sie auf dem Roten Platz auf. Doch ihr Protestlied verhallte. Sie wurden nur vorübergehend festgenommen.

Wenig später reagierte der Staat mit aller Härte auf einen anderen Auftritt der Band: Weil sie in der Christ-Erlöser-Kathedrale in einem Punk-Gebet die Mutter Gottes darum baten, Putin zu verjagen, müssen sich drei Bandmitglieder jetzt vor Gericht verantworten . Dabei ist Blasphemie in Russland gar nicht strafbar, den Frauen wird deshalb "Rowdytum" vorgeworfen. Ihnen drohen lange Haftstrafen. Dass es ein politischer Prozess ist, steht außer Frage – nicht nur, weil dasselbe Gericht über Pussy Riot verhandelt, das schon den Oligarchen und Putin-Kritiker Michail Chodorkowski abgeurteilt hat.

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Der Prozess gegen Pussy Riot zeigt exemplarisch die Nervosität der russischen Staatsmacht nach den Großdemonstrationen rund um die Wahlen – und deren Unfähigkeit, darauf eine angemessene Antwort zu finden. Noch ist Putin keine hundert Tage im Amt, da hat er bereits mehr als deutlich gemacht, wie er auf die Proteste reagiert . In dieser kurzen Zeit hat er die Geldbußen für nicht genehmigte Demonstrationen so drastisch erhöhen lassen, dass sich kaum jemand die Teilnahme noch leisten kann. Nichtregierungsorganisationen, die auch aus dem Ausland Geld erhalten, werden als "ausländische Agenten" gebrandmarkt . Und von den Behörden als gefährlich eingestufte Webseiten sollen künftig gesperrt werden.

Plötzlich Märtyrerinnen der Oppositionsbewegung

Der Staat zeigt Härte gegen seine Kritiker. Im Verfahren gegen Pussy Riot wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben und zugleich ad absurdum geführt. Ist eine Punkrockband wirklich der Staatsfeind Nummer eins? Wie Schwerverbrecher sollen die drei Frauen zehn Monate lang in Untersuchungshaft bleiben , dabei haben zwei von ihnen kleine Kinder. Die Überreaktion des Staates demonstriert letztlich die Unsicherheit der russischen Führung, die Angst Putins vor dem eigenen Volk.

Abschreckung der Bürger durch demonstrative Härte und durch Schauprozesse ist ein Rezept aus der Mottenkiste der Sowjetunion . Im heutigen Russland funktioniert das nicht mehr. Denn gerade durch die irrationale Reaktion des Staates sind die Frauen von Pussy Riot, bei denen nicht ganz klar ist, ob ihre Aktion wirklich einer politischen Haltung entsprang oder eher der Lust am doppelten Tabubruch (gegen Putin, gegen die Kirche), zu Symbolfiguren mit weltweiter Bekanntheit geworden. Plötzlich sind sie Märtyrerinnen einer Oppositionsbewegung, der sie nie wirklich angehörten.

Hätten Staat und Kirche den Auftritt in der Kathedrale ähnlich gelassen hingenommen wie die Performance auf dem Roten Platz, hätte bald niemand mehr darüber geredet. So aber führt dieser Prozess zu einer weiteren Entfremdung der Bürger vom Staat.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • kyon
    • 31. Juli 2012 17:50 Uhr

    Entfernt. Bitte achten Sie auf die Einhaltung fremder Urheberrechte. Danke, die Redaktion/ds

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das von Ihne zitierte Gedicht/Protestlied "Seid wachsam" von Reinhard May kann man sich auch über YouTube anhören, die Vorrede ist zwar etwas lang, lohnt sich aber anzuhören, wie auch der eigentliche Liedvortrag.
    Ein guter Tipp! Vielen Dank

    Protestsong, dürfte zum Thema passen.

    Hier der Link zum Video:
    http://www.youtube.com/wa...

  1. Und warum haben wir dann trotzdem mehr Vertraunein die Vernunft der Russen als in die Taten der US-Amerikaner?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..ich meinte natürlich, wir haben mehr Vertrauen in die Vernunft der Amerikaner als in die Taten der Russen.

    Sory, klar, Amerika ist eben ein wesentliches freiers Land.

  2. 3. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/ds

  3. 4. [...]

    Gelöscht. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Das mit der Grossmütigkeit haben die russischen Politiker noch nie verstanden, woher sollten sie dies auch lernen."

    Ich fand Gorbatschow eigentlich sehr grossmütig.

    • gooder
    • 31. Juli 2012 18:15 Uhr

    Würde ein Band in Deutschland einen derartigen Auftritt hinlegen, würden sie unter Umständen strafbar machen. 1.Blasphemie,weil sie durch diese Aktion Religionsgesellschaften brüskiert hätten, was widerum den öffentlichen Frieden stören könnte. 2. Hätten sie gegen das Vermummungsverbot verstoßen, denn mit so einem Auftritt sollte ja gegen etwas demonstriert werden.

    Blasphemie erfüllt in Russland keinen Starftatsbestand, es existiert dort auch kein Vermummungsverbot.

  4. 5. Ach ja

    Eine Petition gibt's übrigens auch -> http://openpetition.de/pe...

  5. Ob die jungen Damen überhaupt verurteilt werden, weiß man doch noch gar nicht.
    Immer locker bleiben und nicht schon vorher in Rage reden und schreiben.

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    • Kelhim
    • 01. August 2012 17:36 Uhr

    Die dürfen also erst mal ewig in U-Haft sitzen bleiben, werden nach eigenen Aussagen schlecht behandelt, und auch andere politische Schauprozesse in der Vergangenheit endeten nicht mit Freispruch, aber an einen fairen Prozess für "Pussy Riot" glauben manche trotzdem?

    Sehr optimistisch ...

  6. "Das mit der Grossmütigkeit haben die russischen Politiker noch nie verstanden, woher sollten sie dies auch lernen."

    Ich fand Gorbatschow eigentlich sehr grossmütig.

    Antwort auf "[...]"
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    • WmdE
    • 31. Juli 2012 18:12 Uhr

    Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Beiträge und belegen Sie Tatsachenbehauptungen mit stützenden Quellen. Danke, die Redaktion/ds

    • WmdE
    • 31. Juli 2012 18:12 Uhr
    8. ......

    Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Beiträge und belegen Sie Tatsachenbehauptungen mit stützenden Quellen. Danke, die Redaktion/ds

    Antwort auf "Grossmut"

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  • Schlagworte Wladimir Putin | Abschreckung | Agent | Blasphemie | Demonstration | Gericht
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