Bürgerkrieg Exil-Syrer machen Radio für die Zeit nach Assad

Die Aktivisten von Radio Ana in Kairo haben eine schwierige Mission: Sie wollen unabhängige Nachrichten für Syrien veröffentlichen. Sie haben aus Fehlern gelernt.

Die Gründer von Radio Ana: Deiaa Dugnmoch (links) und Rami Jarrah (rechts)

Die Gründer von Radio Ana: Deiaa Dugnmoch (links) und Rami Jarrah (rechts)

Rami Jarrah trinkt einen Schluck Whiskey aus seinem Glas. "Noch jemand?", fragt er in die Runde, "anders hält man das bei solchen Nachrichten ja nicht aus", murmelt er. Auf seinem Computer ist gerade wieder ein Video aus Homs eingetroffen. Es zeigt Kämpfe, Blut, Tote. Jeden Tag bekommt der 28-Jährige solche Videos nach Kairo geschickt – gefilmt von rund 350 seiner Bekannten in ganz Syrien. Sie alle bezeichnen sich als Bürgerjournalisten, berichten vom Krieg in ihrem Land.

Bislang haben Rami und seine vier Kollegen in Kairo die Videos gesammelt und dokumentiert, um eines Tages Klage gegen Baschar al-Assad vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einzureichen. Die bloße Dokumentation reicht Jarrah nicht mehr, er will nun mit einem Teil seines Teams einen eigenen Radiosender in Kairo aufbauen, der über Syrien berichtet. "Ana" soll das Radio heißen, "Ich" auf Arabisch. "In Syrien haben wir kein Medium, das alle Stimmen repräsentiert", sagt Rami Jarrah. "Wir wollen alle Ansichten wiedergeben: Befürworter des Regimes, Gegner und auch die schweigende Mehrheit."

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Unabhängige Nachrichten über Syrien für Syrien gibt es so nicht. Das Assad-Regime nutzt die Staatsmedien als Sprachrohr für Propaganda. Private Radio- oder Fernsehstationen, die Lizenzen erhalten, meiden die Politik. Es ist verboten, den Präsidenten und dessen Familie zu kritisieren. Ausländische Sender zeigen zwar Videos von Aufständischen, doch können die oft nur schwer verifiziert werden. Ohnehin können sich nur wenige Syrer die hochgeladenen Videos überhaupt ansehen; schnelles Internet ist oft nicht verfügbar.

Auch ausländische Journalisten berichten nur noch vereinzelt aus Syrien. Wer heute als Journalist ein Visum erhält und offiziell einreist, sieht nur Plätze, die das Ministerium auswählt. Es sind nur wenige Reporter, die die illegale Einreise wagen und dadurch die Möglichkeit haben, mit Gegnern und Befürwortern zu sprechen.

Von Ägyptens Revolutionären lernen

Ziel von Radio Ana ist es, Diskussionen in Gang zu bringen, die so im Land nicht stattfinden. Doch vor allem will Radio Ana eines: einen Grundstein für ein demokratisches System nach Assad legen. Rami Jarrah und seine Kollegen wollen von den Fehlern lernen, die andere Länder gemacht haben, nachdem der Präsident gestürzt war. "In Ägypten konnte man sehen: Sobald die Medien entschieden haben, dass die Revolution vorbei ist, war sie vorbei", sagt Jarrah. Obwohl ein großer Teil des Landes die Revolution fortführen wollte, hätten sie keine Medien gehabt, die ihre Meinung publizierte.

In Kairo haben die Exil-Syrer diesen vergeblichen Kampf der ägyptischen Revolutionäre hautnah miterlebt. Jetzt hoffen sie, dass ihnen das Gleiche nicht auch passiert, nachdem das Regime Assad gestürzt ist. Dass es stürzt, darin ist sich die Redaktion von Ana einig. Es sei nur eine Frage der Zeit. Ana soll bis dahin auf jeden Fall schon eine große Radiostation sein.

Leser-Kommentare
  1. Ich wünsche den Machern von Radio Ana viel Erfolg.

    Und es ist ein guter Ansatz, beide Seiten, also Assads Unterstützer als auch seine Gegner, zu Wort kommen zu lassen.

    Sie könnten in Syrien gute Dienste leisten, wenn Assad endlich von der Bildfläche verschwunden ist.

    4 Leser-Empfehlungen
  2. ...ich bin nur gespannt, wann man aus dem Satz:

    "Bislang haben Rami und seine vier Kollegen in Kairo die Videos gesammelt und dokumentiert, um eines Tages Klage gegen Baschar al-Assad vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einzureichen."

    wieder unsinnigerweise schließen wird, es sei doch lediglich "ein Gemüsehändler aus London" in Personalunion, der dokumentiert.

  3. Das wird die Alkohol Lobby aber freuen, dass beim 'Freien Syrische Radio' die Schicht während Ramadan mit einer Tasse Whisky begonnen wird. Meines Erachtens wird dieser Sender das erste sein was bei einer Muslim Brüder Regierung mit Restmunition in die Luft gejagt wird.

    • ddde
    • 19.07.2012 um 14:13 Uhr

    video oder foto gesehen, dass eindeutig in Opfer, Täter, Zeit, und Region zuzuordnen ist. Was da in syrien passiert kann in userem heutigen zeitalter fast überall passieren.

    wir wissen garnicht was wirklich los ist, obwohl soviele medien darüber berichten.

    • ddde
    • 19.07.2012 um 14:27 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  4. .... gibt es demnächst eine Zeit nach Assad.

    Aber es wird wahrscheinlich blutiger und brutaler und korrupter werden als vorher. Und die USA werde sich dumm unschauen, wenn es ni Syrie eine neue Regierung gibt. Da wird nichts wo werden wie die sich das vorstellen. Mit noch größere Verbrecher werden sie es zu tun bekommen. Außerdem könnte sich der Krieg jetzt nach Europa ausdehnen. Die Anzeichen dafür sind schon da.

    Mit einem Radio-Senderlein wird man da auch nichts dran ändern können

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