Bürgerkrieg : Syrien droht bei "ausländischer Aggression" mit Chemiewaffen

Nicht gegen Syrer, wohl aber gegen Angriffe von außen sei ein C-Waffeneinsatz möglich, sagt ein Sprecher des Regimes. Die EU bereitet die Ausreise von Ausländern vor.
Rauch über einem syrischen Dorf nahe der Hauptstadt Damaskus © Atef Sadafi/EPA/dpa

Die Führung in Damaskus hat damit gedroht, im Falle eines "ausländischen Angriffs" auch Chemiewaffen einzusetzen. Die Kampfstoffe seien dazu entwickelt worden, um das Land im Falle eines Angriffs von außen verteidigen zu können, sagte der Sprecher des syrischen Außenministeriums, Dschihad Makdessi.

In der derzeitigen Krise im Land seien Chemiewaffen keine Option, so der Sprecher. Syrien würde "niemals" Chemiewaffen "gegen unsere eigenen Bürger" richten. Anders wäre es "im Fall einer ausländischen Aggression". Die chemischen und biologischen Waffen des Landes würden derzeit unter Aufsicht der Streitkräfte gelagert und gesichert, fügte der Sprecher hinzu. "Die Generäle werden entscheiden, wann und wie die Waffen benutzt werden."

Die Europäische Union reagierte umgehend auf die Drohungen. Die EU-Außenminister erklärten, sie seien "ernsthaft besorgt über den möglichen Einsatz chemischer Waffen in Syrien". Sie warnten vor einer weiteren Militarisierung des Konflikts und riefen "alle Staaten dazu auf, von Waffenlieferungen an das Land abzusehen". Auch die USA warnten Syrien vor dem Einsatz chemischer Waffen.

In einer vom Fernsehen übertragenen Pressekonferenz wies der Ministeriumssprecher zudem die Forderungen nach einem Rücktritt von Präsident Baschar al-Assad als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Syriens zurück. Die Lage in der Hauptstadt, wo Aufständische ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle gebracht hatten, verbessere sich, sagte er, ohne konkrete Angaben zu machen, was diese Einschätzung stütze. Die Situation werde sich innerhalb von Tagen normalisieren, so der Sprecher.

EU bereitet sich auf Flüchtlingsstrom vor

Unterdessen bereitet sich die Europäische Union darauf vor, letzte im Land verbliebene Europäer, Amerikaner und Angehörige anderer Nationen in Sicherheit zu bringen. Die Situation wird international fast übereinstimmend als Bürgerkriegswirren eingeschätzt. Rund 200.000 Menschen müssten ihre Gastländer Syrien und Libanon bei einer weiteren Verschärfung der Lage wohl verlassen, sagte die zyprische Innenministerin Eleni Mavrou beim Treffen der EU-Innenminister in der zyprischen Hauptstadt Nikosia.

Der Notfallplan sieht vor, die Flüchtlinge zunächst nach Zypern in Sicherheit zu bringen. Dort könnten sie für mindestens 48 Stunden Unterkunft und Versorgung finden. "Die Vorbereitungen dafür sind abgeschlossen", sagte Mavrou. "Wir haben schon festgelegt, wo wir die Evakuierten unterbringen werden." Mehrere EU-Regierungen , darunter auch die Bundesregierung, hätten inzwischen Experten nach Nikosia geschickt, um die Betreuung ihrer Landsleute zu organisieren.

Der kleine Inselstaat Zypern, der derzeit die EU-Präsidentschaft innehat, liegt etwa 170 Kilometer von Syrien entfernt im Mittelmeer . Flüchtlinge könnten aber auch über die Türkei und den türkischen Nordteil Zyperns über die lange grüne Grenze in den Süden gelangen.

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Kommentare

133 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

@1: Welche Lieferungen?

Das Assad-Regime hat diese Waffen selbst hergestellt. Glauben Sie im Ernst, man braucht für Kampfstoffe, die in Europa schon im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden, die Hightechhilfe der westlichen Welt? Es sind, das auch an Kommentar Nr. 3, nicht immer die bösen westlichen Regierungen, die den Rest der Welt wie eine Marionettenpuppe steuern und für alles Übel der Erde verantwortlich sind. Meisten ist es halt auch einfach blöd gelaufen, wenn irgendwo etwas schiefläuft.
In einer komplexen Welt ist vieles nicht vorhersehbar und die Idee, dass da irgendwo eine kleine Clique die Weltgeschichte steuert, ist nun wirklich grenzenlos naiv und trägt nichts dazu bei, sich solchen Problemen produktiver zu nähern.

Tatsache ist, dass Syrien und die internationale Gemeinschaft in einer vertrackten Lage stecken, aus der es keinen Königsweg heraus gibt. Manchmal wäre es vielleicht angebrachter, das einfach anzuerkennen, anstatt anderen Leuten zu erklären, dass man ganz genau weiß, wie es "in Wirklichkeit" funktioniert.

Selbstverständlich haben Chemikalien einen mehrfachen

Verwendungszweck,

aber die Chemiekonzerne und Zwischenhändler wissen sicher ganz genau, wer was für welchen Zweck bestellt, da muss nicht einmal das Syrische Verteidigungsministerium auf dem Briefkopf stehen,

zudem werden die Geschosshülsen für die C-Waffen wohl kaum in Syrien gedreht werden, oder.

Man könnte, wenn man wollte, einen weltweiten Verzicht auf solche Waffen beschließen, aber die USA, RU und China wollen das ja -aus naheliegenden Gründen- nicht.

Werter Mitforist...

...Sie schreiben:

"Chemische Waffen sind dagegen lokal begrenzt und man kann sich recht einfach dagegen schützen."

So wie die kurdischen Frauen und Kinder, als Saddam auf diese "grandiose" Idee kam ?

Die Drohung richtet sich natürlich gegen die eigene Bevölkerung, denn Intervention von außen ist Ansichtssache, und da ausländische Truppen kaum ohne vorherige Luftangriffe kämen und gegen diese Chemiewaffen keinen Sinn machen.

Assad hat (wieder) sein wahres Gesicht gezeigt, er muss weg, je schneller, desto besser.

"

Syrische Chemiewaffen

"Insofern sehen Sie z. B. dem Kunststoffdünger nicht unbedingt an, ob er auf den Acker kommt oder unangenehm "veredelt" wird (@ Grundsubstanzen und Zulieferteilen)."

Da haben Sie recht. Genau das war ja der Grund, warum bestimmte Dünger im Gazastreifen verboten wurden - weil daraus - perfider weise in Verbindung mit Zucker und Wasser - Raketentreibstoff gemacht werden kann - und dies von Kriminellen auch gemacht wird.

Bei den C-Waffen in Staatlicher Hand geht es jedoch weniger um Treibstoffe, sondern um Gifte, die großflächig wirken sollen. Diese Gifte wurden in Syrien in industriellem Maßstab gefertigt, und die für solche Anlagen benötigte Technologie kommt aus der europäischen Indistrie. Insbesondere aus Deutschland, Holland, Schweiz, Frankreich und Österreich.

Die Raketen, auf die die Gifte aufgesetzt werden, sind dabei russischer Bauart.

Eine Zusammenfassung diesbezüglich mit einigen Links zu entsprechenden Analysen gibt es hier:
http://jungle-world.com/v...

"22.07.2012 12:47 Uhr"

"Israel sieht das Regime Assad am Ende. Im Endzeitchaos gilt die größte Sorge den Chemiewaffen, die radikalen Gruppen in die Hände fallen könnten. Israel will das verhindern - notfalls militärisch."

http://www.tagesspiegel.d...

Eine verdammt unangenehme Situation: würde(n) Israel und andere militärisch eingreifen, damit die Waffen nicht in die Hand von Terroristen fallen, steht nun die Drohung Assads im Raum, von der ich nicht annehme, dass sie einfach so daher gesagt wurde. Unterbleibt eine (militärische) Aktion dürfte es ziemlich wahrscheinlich sein, dass die Chemiewaffen in den Untergangswirren des jetzigen Regimes die Hand von Terroristen gelangen.

Eine klassische Dilemma-Situation. Leider!

Nur dass...

aus den israelischen Aussagen nirgends abzuleiten ist, dass sie das Regime am Ende sehen. Das hat der Autor lediglich dazu phantasiert.
Überall anders ließt man laut israelischen Informationen sitzt Assad in Damaskus, die Armee steht recht geschlossen hinter ihm, und die Israelis haben hauptsächlich Angst davor, dass Chemiewaffen in die Hände der Rebellen(tm) fallen. In Jerusalem hält man nämlich weder auf Mulimbrüder noch auf Al Kaida sonderlich große Stücke;)

OK....

....dann haben wir also schonmal Massenvernichtungswaffen. Jetzt brauchen wir nur noch jemanden, der unbedingt meint den Syrern die Demokratie (also den gewählten Islamismus) bringen zu müssen und wir haben es geschafft uns einen Kriegsgrund zu basteln.

Wie sagte Volker Pispers bereits vor 9 Jahren über Saddam (das A§)=$(§§ch im Wandschrank der USA): "Und was macht der blöde Dabbleju, er macht den Wandschrank leer und jetzt haben die Syrer Angst, dass sie rein müssen!".

Man könnte meinen, der Westen will den Clash of Civilizations um jeden Preis. Erst unterstützen wir die Diktatoren, damit Ruhe herrscht. Friedhofsruhe. Dann muckt das Volk auf und unsere Politchargen können schlechterdings eine Demokratiebewegung nicht schlecht reden. An die Macht kommen dann immer Islamisten, gegen die man mittelfristig zu Felde ziehen muss.

Der militärisch-industrielle Komplex funktioniert.

Können Sie Beispiele

nennen, bei denen Ihre letzte Bemerkung 'immer' zutrifft?

Was Unterstützung von Diktatoren angeht stimme ich Ihnen jedoch zu, allerdings ist dies auch eine Gradwanderung. Soll Russland und China boykottiert werden? Amerika für den Irakkrieg? Wenn ja wieviel?
Vom Öl abgesehen besteht vielleicht auch die Hoffnung, dass durch die west. Annäherung ein friedlicher Übergang stattfindet.
Verkauf von Nokia oder Siemens Uberwachungstechnik ist auf jeden Fall zu verurteilen.

Gerne.

Es ging darum, dass in muslimisch geprägten Staaten demokratiieähnliche Verhältnisse zu islamistischen Regierungen führen.

Hier:
Türkei (obwohl schon lange keine Diktatur im eigentlichen Sinne mehr).
Tunesien.
Ägypten.
Libyen.
Jordanien (obwohl die Herrscherfamilie dies mit Weltoffenheit kaschiert).
Afghanistan und Irak wird es demnächst wohl ähnlich ergehen.

Also eigentlich stimmt das "immer" schon...

Flüchtlinge oder Landsleute ?

" Der Notfallplan sieht vor, die Flüchtlinge zunächst nach Zypern in Sicherheit zu bringen. Dort könnten sie für mindestens 48 Stunden Unterkunft und Versorgung finden. "Die Vorbereitungen dafür sind abgeschlossen", sagte Mavrou. "Wir haben schon festgelegt, wo wir die Evakuierten unterbringen werden." Mehrere EU-Regierungen, darunter auch die Bundesregierung, hätten inzwischen Experten nach Nikosia geschickt, um die Betreuung ihrer Landsleute zu organisieren. "

Was den nun Flüchtlinge oder Landsleute ?