"Die größte Goldmine Tschechiens liegt direkt unter Prag", erzählt Petr Šourek seinen Zuhörern mit einem feinen Lächeln. Die wissen sofort, wovon er redet, denn der Autobahntunnel Blanka ist seit seinem Baubeginn vor fünf Jahren wegen zahlreicher Pannen und Skandale im ganzen Land berüchtigt. Dreimal stürzte während der unterirdischen Bauarbeiten der Erdboden ein, im jüngsten Krater nahe der Prager Burg verschwand sogar ein Stück vom Garten des Kulturministeriums.

Schwerer noch lastet der Vorwurf der Korruption auf dem Großprojekt. Die vereinbarten Baukosten von einer Milliarde Euro werden ersten offiziellen Stellungnahmen zufolge um fast 50 Prozent überschritten. Nachforschungen ergaben, dass die Baufirma Metrostav offenbar manches doppelt in Rechnung gestellt hat und laut Vertrag ohne Begrenzung Mehrkosten abrechnen darf.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für solche Fälle macht sich Petr Šourek zunutze, um das grundsätzliche Problem der Korruption in Tschechien anzuprangern. Die Tunnelbaustelle ist eine der Attraktionen seiner ungewöhnlichen Stadtführung: Er besichtigt die Denkmäler von Bestechung und Betrug. Wenn sein Team ein- bis zweimal pro Woche den rund 20 Teilnehmern einer Tour die Baustelle vorführt, marschiert der Trupp auch gern in das großzügige Info-Zentrum der Baufirma. Heftige Wortgefechte zwischen den dortigen PR-Leuten und den ungebetenen Besuchern sind garantiert.

Petr Šourek ist eigentlich Theater-Regisseur und Philosoph, doch die Lage im Land hat ihn dazu angeregt, die etwas andere Reise-Agentur namens Corrupt Tour zu gründen. Damit bewies er das richtige Gespür, denn die Korruption in Tschechien hat ein alarmierendes Niveau erreicht. Findige Geschäftemacher beuten längst schon eine noch größere Goldmine aus: die Fördertöpfe der EU. Anfang Juni hat Brüssel alle bereits genehmigten Mittel für Tschechien eingefroren, immerhin 2,4 Milliarden Euro, und eine Untersuchungskommission in das EU-Land geschickt. Das war schon öfter wegen Unregelmäßigkeiten aufgefallen, doch der jüngste Korruptionsskandal um den ehemaligen Gesundheitsminister David Rath war zu groß, um weiterzumachen wie bisher.

300.000 Euro im Weinkarton

Rath ging der tschechischen Polizei an einem Montagabend im Mai ins Netz, als er gerade das Haus einer Freundin verließ. Der Ex-Minister und Kreishauptmann von Mittelböhmen hatte einen Weinkarton bei sich, den ihm die Leiterin eines Krankenhauses übergeben hatte. Darin befanden sich keine Flaschen, sondern sieben Millionen Kronen in bar (rund 300.000 Euro). Die Polizei nahm Rath fest, und als sie anschließend seine Villa in Hostivice durchsuchte, fand sie unter den Bodendielen weitere 30 Millionen Kronen (rund 1,2 Millionen Euro).

Seitdem steht Hostivice auf dem Programm der Korruptions-Tour. Als die Gruppe im Wohnort David Raths aus dem Bus steigt, bekommt jeder von der Reiseleiterin erst mal einen leeren Weinkarton in die Hand gedrückt. "Das ist hier so üblich", erklärt sie schmunzelnd.

Die Methoden von Corrupt Tour stammen von der Bühne. Die Reiseleiterin ist ausgebildete Schauspielerin und die Stadtführung ähnelt durchaus einer Performance, mit Requisiten, Drehbuch und ständig wechselnden Szenerien. Corrupt Tour will mit den Stadtführungen auf das Ausmaß der Korruption im Land aufmerksam machen und den öffentlichen Druck zur Aufklärung erhöhen.

Rath und sieben andere Festgenommene sollen jahrelang tschechische Fördermittel und EU-Subventionen veruntreut haben. Bei öffentlichen Projekten wie der Sanierung eines Krankenhauses sollen Aufträge zu überhöhten Preisen an befreundete Firmen vergeben worden sein, die stattliche Summen an die Beschuldigten zurückfließen ließen. Vermutungen zufolge werden auf diese Weise 25 bis 40 Prozent der EU-Mittel für Tschechien abgezweigt. Im Juli will Brüssel entscheiden, ob es der tschechischen Verwaltung zutraut, Strukturförderungen in Zukunft ordentlich zu verteilen, oder ob der Auslöser für die Kontrolle, der Fall David Rath, die Regel ist.