TschechienAuf Korruptionstour in Prag

In Tschechien hat die Korruption ein alarmierendes Niveau erreicht. Brüssel prüft die Auswüchse. Gewitzte Aktivisten bieten Stadtführungen dazu an. von Thorsten Herdickerhoff

Unter Korruptionsverdacht: Ex-Gesundheitsminister David Rath

Unter Korruptionsverdacht: Ex-Gesundheitsminister David Rath  |  © David W Cerny / Reuters

"Die größte Goldmine Tschechiens liegt direkt unter Prag", erzählt Petr Šourek seinen Zuhörern mit einem feinen Lächeln. Die wissen sofort, wovon er redet, denn der Autobahntunnel Blanka ist seit seinem Baubeginn vor fünf Jahren wegen zahlreicher Pannen und Skandale im ganzen Land berüchtigt. Dreimal stürzte während der unterirdischen Bauarbeiten der Erdboden ein, im jüngsten Krater nahe der Prager Burg verschwand sogar ein Stück vom Garten des Kulturministeriums.

Schwerer noch lastet der Vorwurf der Korruption auf dem Großprojekt. Die vereinbarten Baukosten von einer Milliarde Euro werden ersten offiziellen Stellungnahmen zufolge um fast 50 Prozent überschritten. Nachforschungen ergaben, dass die Baufirma Metrostav offenbar manches doppelt in Rechnung gestellt hat und laut Vertrag ohne Begrenzung Mehrkosten abrechnen darf.

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Die öffentliche Aufmerksamkeit für solche Fälle macht sich Petr Šourek zunutze, um das grundsätzliche Problem der Korruption in Tschechien anzuprangern. Die Tunnelbaustelle ist eine der Attraktionen seiner ungewöhnlichen Stadtführung: Er besichtigt die Denkmäler von Bestechung und Betrug. Wenn sein Team ein- bis zweimal pro Woche den rund 20 Teilnehmern einer Tour die Baustelle vorführt, marschiert der Trupp auch gern in das großzügige Info-Zentrum der Baufirma. Heftige Wortgefechte zwischen den dortigen PR-Leuten und den ungebetenen Besuchern sind garantiert.

Petr Šourek ist eigentlich Theater-Regisseur und Philosoph, doch die Lage im Land hat ihn dazu angeregt, die etwas andere Reise-Agentur namens Corrupt Tour zu gründen. Damit bewies er das richtige Gespür, denn die Korruption in Tschechien hat ein alarmierendes Niveau erreicht. Findige Geschäftemacher beuten längst schon eine noch größere Goldmine aus: die Fördertöpfe der EU. Anfang Juni hat Brüssel alle bereits genehmigten Mittel für Tschechien eingefroren, immerhin 2,4 Milliarden Euro, und eine Untersuchungskommission in das EU-Land geschickt. Das war schon öfter wegen Unregelmäßigkeiten aufgefallen, doch der jüngste Korruptionsskandal um den ehemaligen Gesundheitsminister David Rath war zu groß, um weiterzumachen wie bisher.

David Rath

Der 46-jährige Internist begann seine politische Karriere als Mitglied der konservativen Partei ODS, wechselte bald zur liberalen SD-LSNS und trat 2006 der sozialdemokratischen ČSSD bei. Die hatte ihn im Jahr zuvor zum Gesundheitsminister ernannt, doch er blieb nur zehn Monate im Amt. Ebenfalls 2006 zog Rath ins Parlament ein.  2008 wurde er Hauptmann des Kreises Mittelböhmen. Von diesem Amt ist er am 16. Mai 2012 zurückgetreten, zwei Tage nach seiner Festnahme wegen Verdacht auf Korruption. Auf Drängen der Sozialdemokraten ist er aus der Partei ausgetreten, das Parlament hat seine Immunität aufgehoben. Zurzeit sitzt David Rath in U-Haft und wartet auf seinen Prozess.

Korruption

In Tschechien wurden jüngst 35 Projekte mit einem Gesamtvolumen von vier Milliarden Kronen geprüft (rund 160 Millionen Euro). Bei mindestens jedem dritten ging es nicht mit rechten Dingen zu, ergab die Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. 

Den EU-Ländern entstehen durch Korruption jedes Jahr Schäden in Höhe von 120 Milliarden Euro, schätzt die EU-Kommission.

Weltweit beträgt der jähr­liche Schaden durch Kor­rup­tion laut Weltbank ein bis vier Billionen US-Dollar oder zwölf Prozent der globalen Bruttowirtschaftsleistung.

300.000 Euro im Weinkarton

Rath ging der tschechischen Polizei an einem Montagabend im Mai ins Netz, als er gerade das Haus einer Freundin verließ. Der Ex-Minister und Kreishauptmann von Mittelböhmen hatte einen Weinkarton bei sich, den ihm die Leiterin eines Krankenhauses übergeben hatte. Darin befanden sich keine Flaschen, sondern sieben Millionen Kronen in bar (rund 300.000 Euro). Die Polizei nahm Rath fest, und als sie anschließend seine Villa in Hostivice durchsuchte, fand sie unter den Bodendielen weitere 30 Millionen Kronen (rund 1,2 Millionen Euro).

Seitdem steht Hostivice auf dem Programm der Korruptions-Tour. Als die Gruppe im Wohnort David Raths aus dem Bus steigt, bekommt jeder von der Reiseleiterin erst mal einen leeren Weinkarton in die Hand gedrückt. "Das ist hier so üblich", erklärt sie schmunzelnd.

Die Methoden von Corrupt Tour stammen von der Bühne. Die Reiseleiterin ist ausgebildete Schauspielerin und die Stadtführung ähnelt durchaus einer Performance, mit Requisiten, Drehbuch und ständig wechselnden Szenerien. Corrupt Tour will mit den Stadtführungen auf das Ausmaß der Korruption im Land aufmerksam machen und den öffentlichen Druck zur Aufklärung erhöhen.

Rath und sieben andere Festgenommene sollen jahrelang tschechische Fördermittel und EU-Subventionen veruntreut haben. Bei öffentlichen Projekten wie der Sanierung eines Krankenhauses sollen Aufträge zu überhöhten Preisen an befreundete Firmen vergeben worden sein, die stattliche Summen an die Beschuldigten zurückfließen ließen. Vermutungen zufolge werden auf diese Weise 25 bis 40 Prozent der EU-Mittel für Tschechien abgezweigt. Im Juli will Brüssel entscheiden, ob es der tschechischen Verwaltung zutraut, Strukturförderungen in Zukunft ordentlich zu verteilen, oder ob der Auslöser für die Kontrolle, der Fall David Rath, die Regel ist.

Leserkommentare
  1. .
    ... den Alltag im konterrevolutionären Tschechien zu karikieren ("... das ist hier so üblich ...").

    Auch in Schland und anderswo wären die Möglichkeiten für derart humorvolle Führungen vielfältig.

    Hat was Beppe Grillo-artiges.

    Danke, Zeit! (...muss ja bei passender Gelegenheit auch mal angemerkt werden)

    • CM
    • 11. Juli 2012 14:16 Uhr
    2. Hessen

    Es geht das Gerücht um, daß die Korruption vor 2.000 Jahren in Hessen erfunden wurde, um die römischen Besatzer mit einem sich virusartig verbreitenden Problem zu bekämpfen. Bald darauf war das Römische Reich Geschichte. Der Wissensvorsprung Hessens in der Gestaltung von Korruption dürfte demnach beachtlich sein.

    Die Tschechen pflegen Korruption auf Kreisklassen-Niveau. Korruption ist erst dann auf UEFA-Niveau, wenn man sie nur erahnt, keine handfesten Belege in der Öffentlichkeit sieht und nichts dagegen unternommen werden kann.

    Hessen ist in Sachen Korruption so etwas wie Dortmund im Fußball, bei Bayern München wäre der geografische Vergleich natürlich leichter.

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    >> Die Tschechen pflegen Korruption auf Kreisklassen-Niveau. <<

    ... sich ja fast die Kleinkorruption herbei - da kann der Normalbürger mit der Flasche Whisky in der Hand wenigstens noch was erreichen. Bei uns läuft das auf gehobenem Niveau, der Bürger mit durchschnittlichem Geldbeutel kann da nur kopfschüttelnd zusehen.

    Aber das Prager Beispiel sollten wir aufnehmen.

    Vielleicht möchte der eine oder andere Tourist gern mal im selben Hotel nächtigen, in dem Wulff - natürlich von der Schwiegermutter gesponsort ??! - auf Sylt einzukehren pflegte? Und gerade heute erfährt man ja, dass gegen Mappus ermittelt wird. Daraus ließen sich bestimmt ein paar hübsche Sight-Seeing-Touren stricken.

    Müllverbrennungsanlagen rund um Köln sind da leider weit weniger attraktiv.

  2. >> Die Tschechen pflegen Korruption auf Kreisklassen-Niveau. <<

    ... sich ja fast die Kleinkorruption herbei - da kann der Normalbürger mit der Flasche Whisky in der Hand wenigstens noch was erreichen. Bei uns läuft das auf gehobenem Niveau, der Bürger mit durchschnittlichem Geldbeutel kann da nur kopfschüttelnd zusehen.

    Aber das Prager Beispiel sollten wir aufnehmen.

    Vielleicht möchte der eine oder andere Tourist gern mal im selben Hotel nächtigen, in dem Wulff - natürlich von der Schwiegermutter gesponsort ??! - auf Sylt einzukehren pflegte? Und gerade heute erfährt man ja, dass gegen Mappus ermittelt wird. Daraus ließen sich bestimmt ein paar hübsche Sight-Seeing-Touren stricken.

    Müllverbrennungsanlagen rund um Köln sind da leider weit weniger attraktiv.

    Antwort auf "Hessen"
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    • Chali
    • 11. Juli 2012 15:57 Uhr

    Das denke ich aber auch.

    Wenn ich da so an die Elb-Phiharmonie denke, an PPP und so weiter ... Oder an Herrn Keitels Ubahn in Athen ...

    Goldenes Prag, kann ich da nur sagen. Eure Korruption möchten wir haben.

  3. kann mir jemand erklären, wie man als EU so naiv sein kann und Geld nem Staat geben, also Menschen, und sagen "aber gell, seids so nett und renoviert mal das Krankenhaus". Für jedes Pöstle ist Geld da, nur ne Behörde die Fördermitteleinsätze konkret überwacht, indem SIE die Rechnungen der Wirtschaft für das Land bezahlt -- muss wohl erst noch erfunden werden.

  4. .
    ... so etwas wie Dortmund im Fußball ..."

    ... oder so etwas wie Kracherl im Masskrug oder Dada in der Kunst.

    Die G'schicht hat Potenzial, sag ich doch!

  5. jemand, der bereit ist zu bestechen, und jemand der sich bestechen lässt. Interssieren würde mich eine gute Erklärung, warum Finnland und ähnliche Länder dieses Problem so überhaupt nicht zu kennen scheinen.

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    1.) Die Epoche der Aufklärung hat im Land gewirkt (Kategor. Imperativ von Kant u.a.)
    2.) Protestantische Religion "Arbeit adelt"
    3.) Gut funktionierende staatliche Strukturen (mit eher stärkerer staatlicher Kontrolle)
    4.) Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen im Land (in DK etwa duzt Jeder Jeden, fühlt gewisse Mitverantwortung für ein kleines Volk, mit dem sie/er sich identifiziert
    5.) Demokratische Verhältnisse.
    6.) Eher geringe Wohlstands- und Einkommensunterschiede der Bewohner (effiziente Umverteilungsmechanismen)
    Transparenz, Demokratie und Wohlstand bedingen sich dann in gewissem Maße gegenseitig

    • Chali
    • 11. Juli 2012 15:57 Uhr

    Das denke ich aber auch.

    Wenn ich da so an die Elb-Phiharmonie denke, an PPP und so weiter ... Oder an Herrn Keitels Ubahn in Athen ...

    Goldenes Prag, kann ich da nur sagen. Eure Korruption möchten wir haben.

    Antwort auf "Man wünscht ..."
  6. Wer Interesse an einem ähnlichen Thema hat. LobbyControl bietet eine Berliner Städteführung durch die PR Abteilungen der Hauptstadt. Sicher empfehlenswert.

    via ZEIT ONLINE plus App

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