Arabische Unruhen : Wie Tunesien seine Probleme lösen kann

Auch im Musterland des Arabischen Frühlings gibt es Unruhen. Doch die Regierung könnte die Krise durch weitreichende Wirtschaftsreformen bekämpfen.
In einem Slum vor der tunesischen Hauptstadt Tunis © Reuters

Im Zuge der Unruhen des Arabischen Frühlings steht Tunesien als Modell für einen relativ friedlichen, demokratischen Wandel. Doch unter der ruhigen Oberfläche brodelt es: Von den Arbeiterunruhen bis hin zu den explosiven salafistischen Ausschreitungen – einem Magneten für frustrierte Jugendliche – gibt es klare Anzeichen dafür, dass die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen des Aufstandes nach wie vor bestehen.

William Lawrence

ist Projektleiter für Nordafrika bei der International Crisis Group, www.crisisgroup.org.

Die Revolution hat zweifellos große politische Veränderungen gebracht. Ex-Präsident Ben Ali, dessen Abgang eine Bedingung der Revolution war, wurde vor Kurzem zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die wirtschaftliche Verwüstung der Revolution und die Nebenwirkungen der europäischen Wirtschaftskrise untergraben das Vertrauen in die neue Regierung. Der neue tunesische Präsident, Moncef Marzouki, warnte vor Kurzem davor, dass, wenn die tunesische Wirtschaft sich nicht erhole, es zu einer "Revolution innerhalb der Revolution" kommen könne.


Noch befindet sich Tunesien nicht an der Schwelle zu einer zweiten Revolte. Sowohl die großen politischen Parteien als auch die großen Gewerkschaften scheuen sich vor einer weiteren Machtprobe. Doch um wachsende wirtschaftliche und soziale Unruhen wirksam einzudämmen, müssen Premierminister Hamadi Jebali und sein Team drei Schlüsselfragen beantworten. Als erstes müssen sie die Arbeitslosigkeit bekämpfen, vor allem die der Hochschulabsolventen. Zweitens muss sich Tunesien mit den extremen regionalen Ungleichgewichten befassen, die die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Gebiete und von Stadtrandgebieten verhindern. Drittens muss die Regierung die korrupten Praktiken des alten Regimes bekämpfen und verhindern, dass diese jetzt in neue, gleichermaßen verheerende Methoden übergehen.

Tourismusbranche erholt sich langsam

Jebalis Regierung, von der gemäßigten islamistischen Partei Ennahda angeführt, ist sich der Probleme bewusst. Und doch hat sie es bisher versäumt, seit den Wahlen im Oktober 2011 den Anforderungen des Wandels gerecht zu werden. Damals hatte Tunesiens verarmte Bevölkerung politisch nicht korrumpierte, aber auch unerfahrene, revolutionäre Parteien in die regierende Koalition gewählt. Dies geschah auf Kosten der bekannteren Politiker, die wegen ihrer Nähe zur Macht als verdorben wahrgenommen wurden. Nun erwarten diese Wähler ein gewisses Maß an Wohlstand, sonst werden die revolutionären Arbeiter und die arbeitslose Jugend den Nutzen ihrer Proteste nicht erkennen.

Doch es ist lange nicht alles verloren. Trotz der jüngsten Kündigung des Zentralbankchefs sind Tunesiens Finanzinstitutionen kompetent und die Unternehmen funktionieren. Die Tourismusbranche ist zwar schwer angeschlagen, erholt sich aber langsam wieder. Tunesiens Regierung hat einige erfolgreiche Maßnahmen eingeführt, unter anderem maßvolle Mittelzuweisungen an die rund 200.000 arbeitslosen Hochschulabsolventen, Zehntausende öffentliche Arbeitsstellen und massive Subventionierung für Grundnahrungsmittel und Treibstoff. Jetzt geht es darum, auf dieser wirtschaftlichen Basis aufzubauen, ohne neue Forderungen hervorzurufen, denn das würde die Erholung des öffentlichen und privaten Sektors verzögern.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ein langer Prozess

bis dass der Wandel zur Demokratie vollzogen ist. Ob Tunesien ein Musterland bleibt wird sich zeigen. Fakt ist nur, dass man aaleine vom Tourismus nicht leben kann. Um eine wirtschaftliche Struktur zu installieren bedarf es Investoren - und die lassen sich Zeit um abzuwarten bis sich alles beruhigt.Nur dies sehr lange dauern. Bisher fehlt es an allem - und ob die Menschen bis dahin durchhalten ist zu bezweifeln.

Bevölkrtungswachstum

seit den fünfiger Jaheren hat sich die Bevölkerung verdreifacht, seit den 70igern verdoppelt.
Liegt da vielleicht ein Problem, da man durch subventionierte Grundnahrungsmittel und Treibstoff dieses Wachstum noch gefördert hat ?
Früher wurden auch aus Deutschland Produktionen aus Kostengründen nach Tunesien ausgelagert, das ist natürlich seit der Öffnung Chinas und Indiens nicht mehr der Fall.
Welche interessanten Produkte werden denn in Tunesien hergestellt ? Welche Innovationen werden im Bereich Technik dort getätigt ? Die hohe Studienabsolventenzahl mag je stimmen, was haben diese aber studiert, dass sich auch wirtschaftlich nutzen lässt ?
Wieso sollen denn Innovationen immer aus dem Ausland kommen ?
Vergessen wir auch nicht, das ein übler Islamistenanschlag auf die Synagoge auf Djerba verübt wurde, der ältesten in Nordafrika. Die Unsicherheit durch die politische Freiheit, die auch diese Extremisten jetzt erfahren, schlägt sich natürlich auf den Tourismus durch.