In einem Slum vor der tunesischen Hauptstadt Tunis © Reuters

Im Zuge der Unruhen des Arabischen Frühlings steht Tunesien als Modell für einen relativ friedlichen, demokratischen Wandel. Doch unter der ruhigen Oberfläche brodelt es: Von den Arbeiterunruhen bis hin zu den explosiven salafistischen Ausschreitungen – einem Magneten für frustrierte Jugendliche – gibt es klare Anzeichen dafür, dass die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen des Aufstandes nach wie vor bestehen.

Die Revolution hat zweifellos große politische Veränderungen gebracht. Ex-Präsident Ben Ali, dessen Abgang eine Bedingung der Revolution war, wurde vor Kurzem zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die wirtschaftliche Verwüstung der Revolution und die Nebenwirkungen der europäischen Wirtschaftskrise untergraben das Vertrauen in die neue Regierung. Der neue tunesische Präsident, Moncef Marzouki, warnte vor Kurzem davor, dass, wenn die tunesische Wirtschaft sich nicht erhole, es zu einer "Revolution innerhalb der Revolution" kommen könne.


Noch befindet sich Tunesien nicht an der Schwelle zu einer zweiten Revolte. Sowohl die großen politischen Parteien als auch die großen Gewerkschaften scheuen sich vor einer weiteren Machtprobe. Doch um wachsende wirtschaftliche und soziale Unruhen wirksam einzudämmen, müssen Premierminister Hamadi Jebali und sein Team drei Schlüsselfragen beantworten. Als erstes müssen sie die Arbeitslosigkeit bekämpfen, vor allem die der Hochschulabsolventen. Zweitens muss sich Tunesien mit den extremen regionalen Ungleichgewichten befassen, die die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Gebiete und von Stadtrandgebieten verhindern. Drittens muss die Regierung die korrupten Praktiken des alten Regimes bekämpfen und verhindern, dass diese jetzt in neue, gleichermaßen verheerende Methoden übergehen.

Tourismusbranche erholt sich langsam

Jebalis Regierung, von der gemäßigten islamistischen Partei Ennahda angeführt, ist sich der Probleme bewusst. Und doch hat sie es bisher versäumt, seit den Wahlen im Oktober 2011 den Anforderungen des Wandels gerecht zu werden. Damals hatte Tunesiens verarmte Bevölkerung politisch nicht korrumpierte, aber auch unerfahrene, revolutionäre Parteien in die regierende Koalition gewählt. Dies geschah auf Kosten der bekannteren Politiker, die wegen ihrer Nähe zur Macht als verdorben wahrgenommen wurden. Nun erwarten diese Wähler ein gewisses Maß an Wohlstand, sonst werden die revolutionären Arbeiter und die arbeitslose Jugend den Nutzen ihrer Proteste nicht erkennen.

Doch es ist lange nicht alles verloren. Trotz der jüngsten Kündigung des Zentralbankchefs sind Tunesiens Finanzinstitutionen kompetent und die Unternehmen funktionieren. Die Tourismusbranche ist zwar schwer angeschlagen, erholt sich aber langsam wieder. Tunesiens Regierung hat einige erfolgreiche Maßnahmen eingeführt, unter anderem maßvolle Mittelzuweisungen an die rund 200.000 arbeitslosen Hochschulabsolventen, Zehntausende öffentliche Arbeitsstellen und massive Subventionierung für Grundnahrungsmittel und Treibstoff. Jetzt geht es darum, auf dieser wirtschaftlichen Basis aufzubauen, ohne neue Forderungen hervorzurufen, denn das würde die Erholung des öffentlichen und privaten Sektors verzögern.