UmbruchTunesien ringt um seine Demokratie

Einst war Tunesien einer der säkularsten Staaten der arabischen Welt. Jetzt werden die Salafisten stärker. Die Regierung hält sich aus dem Konflikt heraus. von 

Tunesische Polizeikräft gehen mit Tränengas gegen Salafisten vor

Im Juni kam es zu schweren Unruhen in Tunis, Salafisten attackierten die Kunsthochschule in Sousse und zerstörten Kulturzentren in allen Teilen des Landes.  |  © Zoubeir Souissi/Reuters

Mohamed Ali Bouaziz ist Gerichtsvollzieher. Er war immer ein unbescholtener Mann und frommer Muslim. Bis er "rein zufällig", wie er vor Gericht behauptete, seine Nase in den Abdelya-Palast steckte, eine Kunstgalerie im Nobelvorort La Marsa von Tunis . Wieder draußen, rannte er zur Moschee und trommelte seine Mitbeter für 18 Uhr zum Protest zusammen.

Denn eines der Ölbilder der Ausstellung "Frühling der Kunst" zeigte eine nackte junge Frau, hinter der ein bärtiger Mann steht. In einem zweiten war das Wort Allah mit schwarzen Ameisen gezeichnet, die aus dem Schulranzen eines Kindes krabbelten. In Windeseile verbreiteten sich Fotos über Facebook. Noch am selben Abend stürmten Salafisten die Ausstellungsräume. Danach gab es auch im übrigen Tunesien kein Halten mehr, was Mohamed Ali Bouaziz jetzt die Anklage wegen Volksaufhetzung einbrachte.

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Drei Tage dauerten Mitte Juni die Unruhen , die schwersten seit dem Sturz des Ewig-Potentaten Zine el Abidine Ben Ali vor 18 Monaten. Polizeistationen und Feuerwachen gingen in Flammen auf, Salafisten attackierten die Kunsthochschule in Sousse und zerstörten Kulturzentren in allen Teilen des Landes. Die Bilanz: ein Toter, mehr als hundert Verletzte, nächtliche Ausgangssperren und eine Regierungskrise. Es zeigte sich einmal mehr, wie fragil und instabil die Verhältnisse auch in dem Geburtsland des Arabischen Frühlings sind.

Kulturkampf um Demokratie und Religion

Wie Ägypten kämpft auch Tunesien mit schwacher Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit, mit Korruption und wachsender Gesetzeslosigkeit. Gleichzeitig wird der Kulturkampf über die künftige Stellung des Islams sowie das Verhältnis zwischen Demokratie und Religion immer polarisierter – und das in einem Land, das in den vergangenen fünf Jahrzehnten zu den säkularsten Nationen der arabischen Welt gehörte.

Die von Ennahda , der tunesischen Variante der Muslimbruderschaft, geführte Regierung tut sich schwer, Position zu beziehen. Parteichef Rachid Ghannouchi verurteilte zwar die Gewalt gegen die Galerie, wertete die umstrittenen Gemälde aber als "Angriff auf den Glauben der Tunesier" und forderte, die "heiligen Symbole" des Islams müssten geschützt werden. Ähnlich ambivalent äußerte sich auch Kulturminister Mehdi Mabrouk. Innenminister Ali al-Arid gar machte gleich Salafisten und Künstler gleichermaßen für die Ausschreitungen verantwortlich.

Die Salafisten jedenfalls, die mittlerweile ein Fünftel der 2.500 Moscheen Tunesiens kontrollieren, denken nicht daran einzulenken. Im vergangenen Herbst griffen sie das Privathaus des Besitzers von Nessma-TV mit Molotow-Cocktails an, weil dieser den preisgekrönten iranischen Animationsfilm "Persepolis" hatte ausstrahlen lassen , in dem Gott als älterer bärtiger Mann dargestellt ist. Die Manouba-Universität in Tunis legten sie monatelang lahm, sperrten den Rektor ein, um zu erzwingen, dass Frauen mit dem Niqab, dem Vollschleier, studieren dürfen.

Leserkommentare
    • TDU
    • 03. Juli 2012 16:36 Uhr

    Islamophobie, wenn ich sowas nicht in klitzekleinsten Ansätzen in Deustchland oder Europa haben möchte? Von mir aus gehört der Islam zu Deutschland. Diese Variante aber nicht.

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    Es scheinen sich in den Medien jetzt folgende Begrifflichkeiten durchzusetzen:
    "Islam" für die harmlose Religion,
    "Islamismus" für den politisch wirksamen Teil des Islam,
    "Salafismus" für islamisch-fundamentalistische Unduldsamkeit.

    Diese Begriffstrennung verschiedener Aspekte des Islam hat den Vorteil, daß man grundgesetzkonform die Religionsfreiheit hochhalten kann, und gleichzeitig den politischen Teil des Islam (Islamismus) politisch angreifen und den unduldsamen Teil (Salafismus) verfolgen kann.

    Man könnte von einer "divide-et-impera"-Strategie gegen den Islam sprechen. Den Versuch ist es wert.

  1. Tendenz wohl eher : arabische Eiszeit/Mittelalter.

  2. Die Arabellion frißt jetzt ihre Kinder.
    Wen wundert es?

  3. Es scheinen sich in den Medien jetzt folgende Begrifflichkeiten durchzusetzen:
    "Islam" für die harmlose Religion,
    "Islamismus" für den politisch wirksamen Teil des Islam,
    "Salafismus" für islamisch-fundamentalistische Unduldsamkeit.

    Diese Begriffstrennung verschiedener Aspekte des Islam hat den Vorteil, daß man grundgesetzkonform die Religionsfreiheit hochhalten kann, und gleichzeitig den politischen Teil des Islam (Islamismus) politisch angreifen und den unduldsamen Teil (Salafismus) verfolgen kann.

    Man könnte von einer "divide-et-impera"-Strategie gegen den Islam sprechen. Den Versuch ist es wert.

    Antwort auf "Ist das jetzt"
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    Religion? Haben Sie den Koran gelesen? Wenn nicht, empfiehlt es sich, erst recht wenn man ein paar schlaflose Nächte genießen will. Gruß aus England

    Octavian

    • TDU
    • 03. Juli 2012 18:29 Uhr

    Da bin ich skeptisch. Innerhalb dieser Richtungen gibts dann wieder Richtungen bis niemand mehr durchblickt und Lust drauf hat, und die Unfriedlichen können Spielchen treiben.

    Ausserdem sind ja Sunniten und Schiiten, die auch radikale Flügel haben, nicht drin. Friedliche Veränderungswünsche sind Gegenstand der Debatte, die sowieso laufen würde.

    Meine Frage war eh rhetorisch. Den Schuh Islamophobie zieht mir keiner an. Wer Kunstwerke zerschlägt oder Bilder zerstört, den lehne ich ab. Egal welche Religion oder Weltanschauung er als Begründung für sich in Anspruch nimmt.

    Für mich reicht: Gewaltbereite oder gewalttätige Muslime, die ihre Anschauungen politischer oder religiöser Art oktroieren wollen, selbst wenn sie versuchen würden wie die Neonazis auf parlamentarischem Weg an die Macht zukommen.

    Wenn jemand hierzulande Veränderungen zu seinen Gunsten möchte: Verhandeln, Anträge, Rechtsmittel und Abstimmungen.

    Spannungsfelder zwischen Religion und Staat gibts. Kann man verhandeln ohne die Religionen auszuspielen oder das Grundgesetz anzutasten.

    Weihnachten Ostern, Pfingsten und die "logischen" Mai und Juni (Frühlingsfeiertage) wie in NRW müssen bleiben.

    Die Gleichberechtigung der Frau sowie die Freiheit der Kunst in Wort, Bild, Schrift, Ton und Bewegung gegenüber dem Staat (Religion ist in Grenzen frei, bei freiwilliger Zugehörigkeit) ist geschützt. Wer das nicht will, möge dahin gehen, wo er die Einschränkung findet, sich verändern oder hier bleiben aber friedlich.

    ist - wie jede andere Religion auch - nur dann akzeptabel, wenn seine Vertreter im säkularen Staat machtlos sind.

  4. 'Sie rufen völlig offen zum Mord an Künstlern, Schauspielern und Journalisten auf, die sie online mit Foto und voller Adresse an den Pranger stellen.' Und was, bitte, hat man anders erwartet? Toleranz darf nur Moslems gegenüber eingefordert werden, von ihnen dies aber zu erwarten, ist bestenfalls naiv und schlimmstenfalls, wie es der Salman Rushdie erfahren hat, lebensgefährlich. Gruß aus England

    Rofrano

  5. achja die Polemiker und die Unsachlichen im Kommentarbereich.

    Das wird leider erst der Anfang sein, und die Geister die man auch im Westen rief, wird man so schnell nicht mehr los werden. Aber man muss es auch positiv sehen schliesslich sind wir nach Hidschra erst im Jahr 1433, da sind es noch gut 60 jahre bis zur islamischen Reformation und 360 Jahre bis zur kalifatischen Revolution.

  6. Religion? Haben Sie den Koran gelesen? Wenn nicht, empfiehlt es sich, erst recht wenn man ein paar schlaflose Nächte genießen will. Gruß aus England

    Octavian

    Antwort auf "Trinität"
  7. ...das da eine Gegenbewegung kommt ist nicht verwunderlich.
    Europa hat Jahrhunderte und viele Generationen gebraucht.
    Von Tunesiern zu erwarten das sie es binnen eines Jahres schaffen eine Demokratie der westlichen Art aufzubauen ist eigentlich naiv. Die Gesellschaft muss sich erst neu finden, sich entwickeln auch Fehler machen und daraus lernen.
    Es gibt kein Land auf dieser Welt in dem die Demokratie beim ersten Anlauf, säkular, aufgeklärt und gleichberechtigt war.
    Auch hier ist der Weg das Ziel...

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    Fehler machen und daraus lernen. Sehr richtig, aber nur beiläufig gefragt, möchten Sie etwa Opfer eines dieser Fehler sein? Ich auch nicht.....

    • LaoLu
    • 04. Juli 2012 3:16 Uhr

    man muß ihn den Religiösen (aller Coleur!!!) aufzwingen.

    • TDU
    • 04. Juli 2012 8:59 Uhr

    Als die Aufklärung "begann", gab es keine Demokratie in Europa. Es gibt Freiheiten, diese haben mit Demokratie nichts zu tun. Würde über Genehmigung Kunst und Gedanken demokratisch abgestimmt, wäre die Freiheit dieser Güter ausser Kraft gesetzt.

    Sollten Gefühle im Übermass verletzt werden, kann das im Diskurs und vor Gericht, aber nicht durch Zerstörung geregelt werden. Und dieser Prozess kann schnell gehen. Man siehts ab den 68igern. Die Katholiken und auch Protestanten hatten einiges auszuhalten in Bild, Theater und Musik. Und das war gut so im Sinne der Freiheit der Gedanken und der Kunst.

    Da ist die Demokratie hilfreich, weil sie friedliche Verfahren anbietet, um die Dinge zu klären. In diesem Punkt gebe ich Ihnen recht, das muss sich entwickeln.

    Aber die Kunst hat sich in Tunesien schon entwickelt und jeder Versuch, sie zu unterdrücken oder zu zerstören, ist lediglich ein einseitiges Bewahren wollen und damit ein Rückschritt.

    So als würde man die Computer verbieten und die Schreibmaschine sowie die Rechenwerkzeuge der Vor- Datenverarbeitungszeit vorschreiben. Natürlich sollte man den Tunesiern nichts vorschreiben, aber ein grundsätzliches kritisches "Nein" und "hierzulande nicht" ist selbstverständlich erlaubt.

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