US-Wahlkampf: Nur ein rückgratloser Präsident ist ein guter Präsident
Mal diese, mal jene Position vertreten, für jede Wählergruppe eine eigene Botschaft? Die Amerikaner finden das nicht schlimm, schreibt Eric T. Hansen in seiner Kolumne.
© Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney spricht vor der National Association for the Advancement of Colored People in Houston.
Ganz schön mutig, dieser Mitt Romney. In der vergangenen Woche stellte sich der Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner vor die versammelte Schwarzenlobby (National Association for the Advancement of Colored People, NAACP). Bei deren Versammlung in Houston erklärte er, ohne mit der Wimper zu zucken, warum er für die Schwarzen der bessere Präsident sei als jener, der zurzeit im Weißen Haus sitzt.
Zwar wurde gebuht, aber hinterher, draußen vor den TV-Kameras, merkten einige Schwarze dann doch anerkennend an, wie tapfer der Mann war, überhaupt dort aufzutauchen.
Immerhin gehört Romney einer Kirche an, die erst in den Siebzigern Schwarze zur Priesterweihe zugelassen hat. Ich war auch Mormone damals – und ich weiß noch, wie mein Vater das einzige schwarze Mitglied unserer Gemeinde daraufhin zum Sonntagsbraten einlud. Es war ein Abend der politischen Korrektheit und des peinlichen Schweigens. Ich glaube, am Tisch wurden insgesamt drei Sätze gewechselt.

Die Wahrheit ist: Romney hatte keine Wahl. Er kann es sich nicht leisten, auf die Stimmen irgendeiner Wählergruppe zu verzichten. Das ist einer der großen Unterschiede zu Deutschland: Wer in Amerika Präsident werden will, muss sich mit 1.000 kleinen, unübersichtlichen Interessenverbänden gut stellen, die allesamt sich widersprechende Erwartungen haben: Schwarze, Latinos, Frauen, Farmer im Westen, die Finanzhaie der Wall Street, konservative Christen im Süden, Collegestudenten, linke Reiche, rechte Reiche, Waffennarren, Anhänger der Todesstrafe, Abtreibungsbefürworter... Und das ist nur die kurze Liste.
Sobald ein Kandidat seinen Heimatbundesstaat verlässt, wo er die Welt noch versteht, und auf die nationale Bühne tritt, muss er anders denken und reden. Auch wenn er sich selbst widerspricht. Das macht ihn für uns nicht zu einem Lügner, sondern zu einem guten Politiker.
Flip-flopping seit 1851
Meine deutschen Freunde fragen mich dann: "Wie kann Romney behaupten, er wolle ObamaCare rückgängig machen? Er hat doch genau dieselbe Gesundheitsreform in Massachusetts erfolgreich eingeführt. Den kann doch keiner ernst nehmen!"
Das ist schwer zu verstehen für Deutsche, aber für uns ganz leicht: Als republikanischer Gouverneur im traditionell linken Bundesstaat Massachusetts (Heimat von JFK!) musste Romney links stehen. In einem nationalen Wahlkampf braucht er nicht nur seine links-moderaten Freunde in Massachusetts, sondern vor allem auch die konservativen Christen im Süden – eine viel größere Gruppe.
Die Deutschen nennen so etwas "sein Fähnchen in den Wind hängen" oder "Wendehals". Wir nennen es "flip-flopping". Seit 1851 wird dies fast jedem Politiker, ob rechts oder links, in Wahlkämpfen zum Vorwurf gemacht.





Weniger Rückgrat als Obama kann man doch nicht beweisen. Das Konzept funktioniert aber nur, bis Bilanz gezogen wird und all die Versprecher nicht eingelöst werden konnten. Demnach muss Obama jetzt zahlen und Romney wird "Kredit" für Versprechen erhalten, die er auch nicht einlösen wird. Welcome Mr. President elect!
Seit Kennedy hat es kein Präsident der Vereinigten Staaten mehr gewagt sich in die Politik einzumischen.
Und bei unserer Leiendarstellertruppe war noch nie einer dabei.
der es gewagt hat, der Finanz-Oligarchie auf die Füße zu steigen, indem er wieder anfing, US-Dollar-Noten zu drucken statt der Federal-Reserve-Noten. Er hat damals die Fed quasi entmachtet - nun, wie das Ganze ausgegangen ist, dürfte bekannt sein.
Die amerikanische Verfassung sieht eigentlich eine gerechte Teilung der Macht zwischen dem Präsidenten und dem Parlament vor.
Schon vor Kennedy verschoben sich die Gewichte jedoch zu gunsten des Präsidenten. Was in Kriegszeiten noch prakmatische Gründe hatte und unter Truman nicht erodierte vertiefte sich unter Eisenhower, der zum einen als Kriegsheld fast sakrosankt war und zum anderen nicht nur einer Partei zu gerechnet werden kann.
Kennedy war nur 34 Monate im Amt und nutzte die ererbten Umstände um Amerika, insbesondere Gesellschaftlich zu mobilisieren. "And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country" (JFK). Diese Inspiration, die er seinem Volk gegeben hat, macht den Mythos JFK aus.
Da die Nachfolger Johnson, Nixon, Ford und Carter das rhetorische Niveau von JFK nicht annährend erreichten, konnten und holten sich Kongress und Senat Stück für Stück ihre verfassungsrechtlichen Befugnisse wieder zurück.
Eingemischt und gestaltet (im Guten wie im Schlechten) haben die weiteren Präsidenten sich sehr wohl, allein der Gestaltungsspielraum war nicht mehr der, den JFK hatte.
Mal abgesehen von den beiden Kühlerfiguren Reagen und George W. Bush (wer auch immer zu der Zeit am Steuer saß die waren es nicht) haben alle Präsidenten nach JFK auch ihre persönlichen Spuren hinterlassen, zum Mythos hat es nicht gereicht aber gelenkt haben die schon selber.
Und er war der Einzige, der es wagte sich gegen die Bestrebung Israels zur Akquisition von Atomwaffen zu stellen und auch noch so bekloppt war und öffentlich vor der Gefahr für die amerikanische Demokratie durch Geheimgesellschaften und -bünde warnte.
Wahrlich genug Gründe, um ihm ans Leder zu wollen. :D
der es gewagt hat, der Finanz-Oligarchie auf die Füße zu steigen, indem er wieder anfing, US-Dollar-Noten zu drucken statt der Federal-Reserve-Noten. Er hat damals die Fed quasi entmachtet - nun, wie das Ganze ausgegangen ist, dürfte bekannt sein.
Die amerikanische Verfassung sieht eigentlich eine gerechte Teilung der Macht zwischen dem Präsidenten und dem Parlament vor.
Schon vor Kennedy verschoben sich die Gewichte jedoch zu gunsten des Präsidenten. Was in Kriegszeiten noch prakmatische Gründe hatte und unter Truman nicht erodierte vertiefte sich unter Eisenhower, der zum einen als Kriegsheld fast sakrosankt war und zum anderen nicht nur einer Partei zu gerechnet werden kann.
Kennedy war nur 34 Monate im Amt und nutzte die ererbten Umstände um Amerika, insbesondere Gesellschaftlich zu mobilisieren. "And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country" (JFK). Diese Inspiration, die er seinem Volk gegeben hat, macht den Mythos JFK aus.
Da die Nachfolger Johnson, Nixon, Ford und Carter das rhetorische Niveau von JFK nicht annährend erreichten, konnten und holten sich Kongress und Senat Stück für Stück ihre verfassungsrechtlichen Befugnisse wieder zurück.
Eingemischt und gestaltet (im Guten wie im Schlechten) haben die weiteren Präsidenten sich sehr wohl, allein der Gestaltungsspielraum war nicht mehr der, den JFK hatte.
Mal abgesehen von den beiden Kühlerfiguren Reagen und George W. Bush (wer auch immer zu der Zeit am Steuer saß die waren es nicht) haben alle Präsidenten nach JFK auch ihre persönlichen Spuren hinterlassen, zum Mythos hat es nicht gereicht aber gelenkt haben die schon selber.
Und er war der Einzige, der es wagte sich gegen die Bestrebung Israels zur Akquisition von Atomwaffen zu stellen und auch noch so bekloppt war und öffentlich vor der Gefahr für die amerikanische Demokratie durch Geheimgesellschaften und -bünde warnte.
Wahrlich genug Gründe, um ihm ans Leder zu wollen. :D
"Im Großen und Ganzen scheint mir Deutschland, logisch und gut organisiert wie immer, in zwei übersichtliche Gruppen aufgeteilt zu sein: Sozialaffine und Wirtschaftsaffine. Also: Schwarz und Rot. Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geändert."
Da hat Hr. Hansen aber in unserem Land einiges nicht verstanden oder mitbekommen. Die politische Landschaft Deutschlands und die verschiedenen Milieus sind schon um einiges komplizierter und haben darüber hinaus in den letzten 100 Jahren viele Erdbeben gesehen, die alles verändert haben.
Ansonsten ganz netter Artikel, der die Schwierigkeiten, ein derart großes Land regieren zu wollen, versucht zu illustrieren.
MfG aus dem Pott
LB
..meint Hansen wohl eher 164 Jahre.
....werden will, muss sich mit 1.000 kleinen, unübersichtlichen Interessenverbänden gut stellen, die allesamt sich widersprechende Erwartungen haben: Schwarze, Latinos, Frauen, Farmer im Westen, die Finanzhaie der Wall Street, konservative Christen im Süden, Collegestudenten, linke Reiche, rechte Reiche, Waffennarren, Anhänger der Todesstrafe, Abtreibungsbefürworter... Und das ist nur die kurze Liste."
Weil es ist hier augenscheinlich auch so. Aber hinter der Kulisse gewinnt, wer den öffentlichen Dienst und verwandte Verbände bekommt. Und deren Interessen sind relativ homogen. Das ist der hiesige Fluch.
..meint Hansen wohl eher 164 Jahre.
....werden will, muss sich mit 1.000 kleinen, unübersichtlichen Interessenverbänden gut stellen, die allesamt sich widersprechende Erwartungen haben: Schwarze, Latinos, Frauen, Farmer im Westen, die Finanzhaie der Wall Street, konservative Christen im Süden, Collegestudenten, linke Reiche, rechte Reiche, Waffennarren, Anhänger der Todesstrafe, Abtreibungsbefürworter... Und das ist nur die kurze Liste."
Weil es ist hier augenscheinlich auch so. Aber hinter der Kulisse gewinnt, wer den öffentlichen Dienst und verwandte Verbände bekommt. Und deren Interessen sind relativ homogen. Das ist der hiesige Fluch.
..diese Einstellung passt zu der US-Lebensphilosophie wie das Pünktchen auf das " I"
Fastfoot, Waffenfreiheit, unbegrenzte Freiheit....(wie Pflichtkrankenversicherung ...nein...im Krankheitsfalle aber: Heul.. Klag......Jammer...Protest...!!!!!!!!
Mit dem Klischee im Rücken liefern wir der Welt technische Produkte.
"A German Joke is no laughing matter"
Wenn wir seit Mark Twain das Image nicht los werden, ist vielleicht doch etwas drann.
Da hilft Mutti keine 180 Grad Wende bei der Energiepolitik, sie ist und bleibt Madame No, solide und langweilig während selbst der in Berlin lebende Autor das flip-flopping seiner Politiker interessanter (im Umkehrschluß zu langweilig) findet.
Ist eigentlich nur in meiner schwarz-rot-goldenen Brille etwas verrutscht oder sind dem Autor vor lauter Stripes die Stars erschienen?
In dieser Welt haben wir offensichtlich nur noch Politiker die beim alten Adenauer in der Lehre waren (wat intressiert misch mein dummes Geschwätz von gestern).
Mal aus Spass ein Abriss der letzten Tage:
GR: Nachverhandeln - ach nee wir erfüllen alle Auflagen.
Japan: Keine Steuererhöhung - MwSt. von 5 auf 10%
Spanien: keine Hilfen - na gut aber nur für die Banken (vorab, zumindest erst einmal oder so)
Das könnte ich noch locker verlängern aber ich wollte etwas ganz anderes Fragen.
Wundert sich eigentlich irgendwer noch, das die Glaubwürdigkeit der Politik, in allen Demokratien, ganz unten im Keller ist?
btw. Persönlich finde ich Typen wie Gauweiler, Ströbele usw. kein Stück langweilig. Die stehen für ihre Werte (auch wenn es meist nicht meine sind) ein, egal was den Anderen gerade opportun erscheint. Okay, vielleicht kein großes Kino, aber glaubwürdig.
Have a nice day.
Ihr Artikel ist erfrischend, da er als einer der Wenigen (im seriöse Journalismus) offen die Bedeutungslosigkeit eines Präsidenten darstellt.
Nur stört mich dieser verknappte Einwurf enorm:
"...die Linken übernehmen die Gruppe Unzufriedener im Osten, und die Piraten haben die Nerds entdeckt."
Ich bin definitiv kein Nerd und sympathisiere doch stark mit den Piraten, obwohl ich diese wiederum nicht wähle; da aufrichtiger Nichtwähler.
Und die LINKE würde ich ebenso wählen, da Sie sich schon zig mal als Verteidger des Grundgesetzes zu erkennen gaben.
Gilt das nur für US-Politiker?!
Die deutschen Parlamentarier sind doch auch ziemlich "flexibel", z.B, wenn's um die Abstimmung über den ESM geht.
Gewissermaßen flexibel bis zur Rückgratlosigkeit...
Zeigen solche Dinge nicht einfach wieder mit unglaublicher Deutlichkeit, wie unmöglich eine nationale "Demokratie" mit 300 Millionen Menschen ist und welche Umwege genommen werden (müssen), um das Bild, es handele sich um eine solche, aufrecht zu erhalten? Uns wird gezeigt, dass die Wahl zwischen diesen beiden Kandidaten keine große ist - schließlich beugen sie sich am Ende ohnehin wieder Partikularinteressen.
Wer das Demokratie nennt, hat deren Konzept nicht wirklich verstanden.
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