Da saß ich, eingequetscht auf einer Bank in einem kleinen Berliner Biergarten, umgeben von grölenden Deutschen in bizarrer Verkleidung: eingewickelt in die Deutschlandfahne, angemalt in den Deutschlandfarben, auf dem Kopf Stangen wie Insektenantennen, auf denen Deutschlandwimpel hin und her schwankten.

Auf einmal verschwand die deutsche Nationalelf vom Großbildschirm. Stattdessen sah ich Bilder von grölenden Amerikanern, in die US-Fahne eingewickelt, mit den US-Farben angemalt, auf den Köpfen bizarre Hüte mit US-Wimpeln.

Kurzzeitig verlor ich die Orientierung: "Hat Amerika gerade die Europameisterschaft gewonnen?" Doch im Hintergrund dieser jubelnden Masse war kein Stadion zu sehen, sondern der Oberste Gerichtshof in Washington .

Die Tagesschau sendete diese Bilder. Es ging um die überraschende Nachricht, dass Barack Obamas umstrittene Gesundheitsreform ("Obamacare") dank der Entscheidung des Gerichtshofs nun doch umgesetzt wird.

Würde sich auch nur ein einziger dieser Fußball feiernden Deutschen um mich vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in Schwarz-rot-gold einwickeln, um eine heiß erwartete Entscheidung zu bejubeln? Oder könnte es sein, dass wir Amerikaner eine völlig andere Vorstellung von Demokratie haben als andere?

In Amerikas Presse werden unsere neun Richter des Obersten Gerichtshofs wie Rockstars des Rechts bejubelt und verteufelt. Regelmäßig jammern Politiker aller Couleur hilflos und beleidigt, dass das oberste Gericht so handelt, als ob es selbst der wahre Präsident der Vereinigten Staaten sei.

Es war der Supreme Court , der (oft gegen den Willen amtierender Politiker) Entscheidungen durchsetzte wie die Legalisierung der Abtreibung (1973) oder das Verbot der Rassentrennung in der Schule (1954). Aber auch, dass aus Afrika "eingewanderte" Schwarze (doch, doch, wir sprechen hier von Sklaven) nicht unter dem Schutz der amerikanischen Gesetze standen (1857), geht auf eine Entscheidung der obersten Richter zurück.