ÄgyptenPräsident Mursis Front auf dem Sinai

Die Ägypter sind wegen des tödlichen Anschlags auf dem Sinai wütend auf den Präsidenten und die Armee. Mursi setzt gegen die Extremisten nun auf schwere Waffen.

Angespannte Stimmung am Dienstag in Kairo bei der Bestattung der auf dem Sinai getöteten Soldaten

Angespannte Stimmung am Dienstag in Kairo bei der Bestattung der auf dem Sinai getöteten Soldaten

Am Montag hatte Präsident Mohammed Mursi mit Rache gedroht, am Mittwoch hielt er sein Wort. Zwei Tage nachdem 35 Angreifer auf der Sinai-Halbinsel einen ägyptischen Armeeposten nahe der israelischen Grenze eingenommen und dabei 16 Soldaten getötet hatten, schlug Ägyptens Militär zurück. Kampfhubschrauber und Jagdbomber greifen Extremisten an, im Dorf Tumah sollen mindestens 20 Bewaffnete getötet worden sein. Soldaten durchkämmten Scheich Suweid nahe der Provinzhauptstadt Al-Arisch und stellten angeblich Waffen und Munition sicher. Die Extremisten leisteten Widerstand: In der Nacht zum Mittwoch griffen sie sieben Checkpoints der Armee an, beschossen Patrouillen und verletzten einen Soldaten.

Die neue Offensive entspricht dem Volkswillen, denn in Ägypten ist die Wut groß. Zwei Tage nach dem Angriff werden Details bekannt, die Licht auf die Unfähigkeit des Militärs werfen. Im Sinai "beschützen Zivilisten die Soldaten statt umgekehrt", kommentierte eine Zeitung. "Die Toten lagen mit ihren Gesichtern im Essen", berichtete Bassam Uda, ein Zivilist, der den Soldaten im Checkpoint neben seinem Haus nach der Attacke zu Hilfe geeilt war.

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"Die Offiziere der anderen Checkpoints in der Nähe weigerten sich, uns zu helfen", sagte Uda. Die meisten Verletzten wurden von Bürgern ins Krankenhaus gebracht, die Armee rückte erst an, als der Angriff von Israel beendet und die Luft rein war. Während der Beerdigung der Gefallenen in Kairo griff ein wütender Mob die Karosse des neuen Premiers Hischam Kandil an, Präsident Mursi blieb dem Ereignis gleich ganz fern.

Deckungsfeuer aus Gaza begleitete den Angriff

Von islamistischer Seite wollte man die Verantwortung für den Angriff Israel zuschieben. Ein Kommuniqué der Muslimbrüder schrieb das Attentat dem Mossad zu. Der habe die Revolution von Anfang an verhindern wollen. Der Anschlag solle "einen Keil zwischen Ägypter und Palästinenser treiben." Die radikal-islamischen Machthaber der Hamas in Gaza behaupteten ebenfalls, die Angreifer, deren Identität noch nicht bekannt ist, seien keinesfalls Palästinenser. Auch sie beschuldigten Israel, schlossen aber vorsichtshalber Hunderte Schmugglertunnel, durch die sich die Wirtschaft Gazas über Wasser hält, um zu verhindern, dass die Täter nach Gaza flüchten. Daraufhin stieg der Preis von Zement sofort um rund 50 Prozent, Güter werden knapp.

Den meisten Ägyptern erscheint die Theorie, Israel habe versucht, von Ägypten aus sich selbst anzugreifen, zu abstrus. Laut Augenzeugen sprachen die Angreifer Arabisch mit palästinensischem Akzent, Deckungsfeuer aus Gaza begleitete den Angriff. Ägypter kritisierten Mursi, der nur wenige Tage zuvor den Grenzübergang zu Gaza in Rafah geöffnet und Palästinensern die Passage durch Ägypten gewährt hatte: "Dass wir mit den Palästinensern im Gaza-Streifen sympathisieren heißt nicht, dass wir Extremisten die Tür öffnen müssen", sagte Abdallah Gohama, Stammesführer des einflussreichen Tarabin-Clans im Sinai. Seit dem Attentat ist der Grenzübergang in Rafah geschlossen, Ägyptens Armee geht entschlossen gegen Schmugglertunnel vor.

Leserkommentare
  1. Was lernt man daraus? Nach dem arabischen Frühling kommt der "heiße" arabische Sommer!

    3 Leserempfehlungen
    • kyon
    • 08.08.2012 um 19:03 Uhr

    "Am Montag hatte Präsident Mohammed Mursi mit Rache gedroht, am Mittwoch hielt er sein Wort." (ZEITonline)

    Sind denn nicht alle stolz auf den demokratisch legitimierten Präsidenten Ägyptens?

    "Rache-Androhen" und "Rache-Begehen" sind, demokratisch betrachtet, doch recht zweifelhafte Methoden.

    Der Weg zur Demokratie ist noch weit in Ägypten.

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  2. Nüchtern, sachlich, fundiert und informativ. Dank an den Autor!

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    Schön zu lesen,daß es auch noch denkende Leser gibt.Gil Yaron ist schon öffter durch seine gemäßigteren Berichte aufgefallen.Und wenn Er keine Ahnung vom Nahen Osten hat,na,dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Hat mich gefreut Sie zu lesen! Schicken Abend noch !

    Schön zu lesen,daß es auch noch denkende Leser gibt.Gil Yaron ist schon öffter durch seine gemäßigteren Berichte aufgefallen.Und wenn Er keine Ahnung vom Nahen Osten hat,na,dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Hat mich gefreut Sie zu lesen! Schicken Abend noch !

  3. 4. [....]

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  4. "Den meisten Ägyptern erscheint die Theorie, Israel habe versucht, von Ägypten aus sich selbst anzugreifen, zu abstrus."

    Wirklich? Ich hab schon absurdere Theorien gehört...

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    http://de.wikipedia.org/wiki/USS_Liberty_(AGTR-5)

    http://de.wikipedia.org/wiki/USS_Liberty_(AGTR-5)

  5. 6. [...]

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  6. 7. [..]

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    2 Leserempfehlungen
  7. Wenn es rechtslose Landstraßen gibt, dann muß es doch auch linkslose Landstraßen geben. Wahrscheinlich meinten Sie "rechtlose" Landstraßen, was allerdings auch ein merkwürdiger
    Ausdruck ist, da diese Straßen wohl kein rechtsfreier Raum sind. Vielmehr mangelts nur an der Rechtsdurchsetzung.

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