Während sich Birma (offiziell Myanmar ) langsam öffnet , fällt der Blick nicht nur auf die neuen Freiheiten dort, sondern mehr und mehr auf einen alten Konflikt: Die muslimischen Rohingya im Westen des Landes sind von Verfolgung und schwerer Gewalt bedroht.

Der Staat Birma schützt die Minderheit nicht, im Gegenteil: Aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) geht hervor, dass sich Birmas Sicherheitskräfte bei Ausschreitungen im Juni sogar aktiv an der Verfolgung und Tötung von Rohingya beteiligt haben sollen. Bei den Gewaltexzessen zwischen der Minderheit und den mehrheitlich in Birma lebenden Buddhisten wurden mindestens 80 Menschen getötet, Zehntausende Muslime in die Flucht getrieben und Tausende Häuser und Hütten verbrannt.

Nur vier Prozent der Menschen in Birma sind Muslime, davon schätzungsweise 750.000 Rohingya. Diese leben vornehmlich in drei Landkreisen von Rakhine, dem birmanischen, vormals Arakan genannten Staat an der Grenze zu Bangladesch . Während der britischen Kolonialzeit wurde diese Region verstärkt besiedelt, zahlreiche Wanderarbeiter kamen seinerzeit aus dem angrenzenden Bangladesch, viele ließen sich in Arakan nieder und trafen auf Muslime, die dort bereits lebten. Deren Vorfahren wiederum waren möglicherweise arabische Händler.

Eine Million lebt im Exil

Obwohl die Rohingya also seit Generationen im Land leben, verweigert ihnen die Regierung Birmas bis heute die Staatsbürgerschaft. Sie bezeichnet sie als Bengalen aus Bangladesch. Ihr Leben in Rakhine unterliegt harten Restriktionen. Sie sind nicht nur staatenlos, sie brauchen auch Genehmigungen, wenn sie ihre Dörfer verlassen oder heiraten wollen. Geburten und Sterbefälle kosten sie hohe Sondersteuern, und wenn sie die Grenzen des Rakhine-Staates überqueren, droht ihnen Haft. Die Kindersterblichkeit hier ist dreimal höher, die allgemeine Sterblichkeit aufgrund von Infektionskrankheiten rund ein Drittel höher als im Rest des Landes.

Verantwortlich für die Repressionen in Rakhine sind primär die Polizisten des birmanischen Grenzschutzes Nasaka, von denen auch bekannt ist, dass sie Rohingyas zu Zwangsarbeiten verpflichten, ihr Land beschlagnahmen oder Frauen sexuell belästigen. Die UN bezeichnet die Rohingya daher als eine der am stärksten verfolgten Minderheiten der Welt.

Regierung hätte die Exzesse stoppen können

Zwischen 1978 und heute gab es immer wieder Wanderungsbewegungen heraus aus Rakhine – oft waren es von der birmanischen Regierung erzwungene Deportationen ins muslimische Nachbarland Bangladesch, teilweise flüchteten die Menschen aber auch nach jahrzehntelanger Repression. Mindestens 200.000 von ihnen leben illegal in Notsiedlungen oder Dörfern auf der anderen Seite der Grenze, wo sie auch nicht sonderlich gelitten sind. Manche haben das Glück, dort in UNHCR-Flüchtlingslagern unterzukommen. Rund eine Million leben heute im Exil, außer in Bangladesch auch in Malaysia , Saudi-Arabien , Pakistan und Thailand .

Rund ein Drittel der 50 Millionen Einwohner Birmas gehören ethnischen Minderheiten an. Konflikte zwischen ihnen und der Zentralregierung gibt es seit der Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien im Jahr 1948. Mehrere bewaffnete Gruppen kämpfen seit Jahrzehnten für mehr Rechte. Die Minderheiten leben vor allem in abgeschiedenen Regionen der bergigen Grenzgebiete, wo sie zum Teil schlagkräftige Milizen aufgebaut haben, oft finanziert durch Drogenhandel. Die Rohingya indes haben keine eigene Milizen und sind auch sonst kaum organisiert.

Buddhistische Nationalisten heizen die Stimmung an

Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR können nach den jüngsten Exzessen mehr als 60.000 Menschen nicht zurück in ihre Häuser – neben den Muslimen auch annähernd 6.000 Rakhine-Buddhisten. Konkret Schuldige für die Gewaltausbrüche der vergangenen Wochen zu ermitteln, ist nicht möglich. Banden buddhistischer Rakhine und ebensolche der Rohingyas sind aufeinander losgegangen und haben die jeweiligen Stadtviertel und Dörfer verwüstet. Auslöser soll Ende Mai die Vergewaltigung und Ermordung einer 26-jährigen Rakhine-Buddhistin durch drei Muslime gewesen sein. Unbestritten ist aber auch, dass in Rankhine buddhistische Nationalisten die Stimmung politisch anheizen.

Zeugen beider Bevölkerungsgruppen sind sich laut dem HRW-Bericht einig: Die Regierung hätte die Gewalt stoppen können. Doch auch das Ausland tut nach Ansicht des stellvertretenden Asien-Direktors von Human Rights Watch, Phil Robertson, zu wenig: "Die internationale Gemeinschaft verschließt offenbar die Augen angesichts der romantischen Geschichte rasanter Veränderungen in Birma", sagt er. Und weiter: "Regierungen unterzeichnen Handelsabkommen und heben Sanktionen auf, während die Gewalttaten weitergehen."

Die Regierung Birmas will die Muslime Rankhines weiterhin nicht im Land haben: "Die Rohingya sind nicht unter den 130 (anerkannten) Ethnien", kommentierte am Montag Thein Htay den Fall. Er ist Birmas Minister für Grenzangelegenheiten.