Ägyptens Öffentlichkeit ist nach der Entlassungswelle im Militär sprachlos, die westlichen Staatschefs schweigen. Zeitungen am Nil sprechen von einer "Revolution", andere befürchten eine "Diktatur der Muslimbruderschaft". In den politischen Talkshows kursieren die wildesten Spekulationen, während sich Hauptakteur Mohammed Mursi , der neue Präsident Ägyptens, nach seinem politischen Paukenschlag betont leutselig gab.

"Ich habe im besten Interesse des Landes gehandelt", sagte Mursi in einer kurzen Ramadan-Ansprache in der angesehenen Al-Azhar-Universität. Auch gehe es ihm in keiner Weise darum, das Ansehen der Armee und ihrer Führung zu schmälern. "Wir müssen zu neuen Horizonten aufbrechen, mit neuen Generationen und frischen Kräften", fügte Mursi hinzu.

Andere Mitstreiter der Muslimbruderschaft dagegen schätzten die Lage weitaus brisanter ein. Eilig trommelten sie Tausende Anhänger auf dem Tahrir-Platz zusammen, die dort seitdem trotz brütender Hitze ausharren und Mursis dramatischen Konfrontationskurs gegen das Militär mit Sprechchören feiern.

"Wir haben immer wieder gesungen 'Nieder mit der Militärherrschaft'. Heute ist es endlich Wirklichkeit geworden", jubelte einer der Aktivisten. Lob kam auch von der Demokratiebewegung "6. April", die Mursis Vorgehen einen "ersten Schritt zur Etablierung eines zivilen Staates" nannte. Andere skandierten "Mursi, das Volk steht hinter dir" und "Wir sind hundert Prozent für die Dekrete des Präsidenten".

Alle Macht auf Mursi vereint

In der Tat, Ägypten erlebt das schwerste politische Erdbeben seit dem Sturz von Hosni Mubarak . Und niemand kann sagen, welche Erschütterungen in den nächsten Tagen noch folgen werden, ob die Armee Mursis Handstreich vom Sonntag so einfach hinnehmen wird. Mit seinen Dekreten hat der Muslimbruder auf dem Präsidentensessel nicht nur den allgewaltigen Obersten Militärrat entmachtet, sondern zugleich auch die komplette Armeespitze entlassen.

Mursi beansprucht künftig allein die volle Gewalt von Exekutive und Legislative, kontrolliert den Haushalt, kann Gesetze erlassen und ersetzt das Parlament, welches Mitte Juni vom Verfassungsgericht aufgelöst worden war. Darüber hinaus entzog der Staatschef dem Obersten Militärrat die gesamte Autorität über die Verfassungsgebende Versammlung.

Bislang hatten sich die Generäle das Recht vorbehalten, das 100-köpfige Plenum aufzulösen und seine Zusammensetzung nach eigenem Gutdünken neu zu bestimmen, falls es beim künftigen Grundgesetz zu keinem Konsens käme. Jetzt beansprucht Mursi dieselbe Macht für sich und könnte die Verfassungsgebende Versammlung ganz nach seinen Vorstellungen gestalten, sollte das gegenwärtige Gremium vom Obersten Verwaltungsgericht doch noch annulliert werden.

Gleichzeitig schickte der Präsident die gesamte Führung der Armee in den Ruhestand, allen voran den seit 1991 als Verteidigungsminister und seit dem 11. Februar 2011 als Chef des Obersten Militärrates amtierenden Mohammed Hussein Tantawi . Zusammen mit dem 76-jährigen Feldmarschall abgelöst wurden auch der Oberste Befehlshaber der Armee, Generalleutnant Sami Anan, der Chef der Luftwaffe, Luftmarschall Reda Mahmoud Hafez, der Chef der Luftabwehr, Generalleutnant Abd El Aziz Seif-Eldeen sowie der Chef der Marine, Vize-Admiral Mohab Mamish.