Sexuelle Belästigung : Frauen, die Opfer der ägyptischen Revolution

Sexuelle Übergriffe auf Ägyptens Frauen nehmen zu, Demonstrantinnen werden offen eingeschüchtert. Sie glauben, dass die Angriffe politisch motiviert sind.
Ein Bild zeigt Polizisten, die eine ägyptische Demonstrantin zusammenschlagen. © KHALED DESOUKI/AFP/Getty Images

"Ihre Hände waren überall", sagt Nihal Saad Zaghloul. "Sie waren wie Tiere." Es war ein Freitag, Ende Juni, als Nihal wie so oft mit ihren Freunden auf den Tahrir-Platz zum Demonstrieren ging . Es wurde ein Tag, der Nihal nicht mehr loslässt. "Ich wurde von meinen Freunden getrennt, Leute zogen mir mein Kopftuch herunter und dann begrapschten sie mich am ganzen Körper", sagt Nihal.

Doch Nihal, 26, hatte Glück. Andere eilten ihr zur Hilfe, zogen und drückten sie aus der Männermenge. Andere, die nicht befreit wurden, berichten von Schlimmerem. Davon, wie Männer ihnen die Kleider vom Körper reißen, bis sie nackt sind. Darüber, wie diese Männer sie am ganzen Leib befingern, vereinzelt gar vergewaltigen.

Diese Männer – wer sie sind, weiß niemand so genau. Seit ein paar Wochen tauchen sie auf, wenn auf dem Tahrir-Platz in Kairo demonstriert wird. Sie trennen Freunde von Freunden, Ehefrauen von Ehemännern, Töchter von Vätern. Das Alter ihrer Opfer ist ihnen egal, was zählt ist das Geschlecht. Meist treten sie am gleichen Ort auf, sie sind in Gruppen von bis zu 30 Leuten organisiert.

Übergriffe politisch motiviert?

Sally Zohney vom UN-Frauenprogramm ist sich sicher, dass ein Teil der Männer angeheuert ist, um Frauen vom Protestieren abzuhalten. "Die Art der Belästigung beim Demonstrieren ist anders als die alltägliche Belästigung auf der Straße", sagt Zohney. "Sie ist vulgärer, zielt auf Ehre und Stolz. Es soll den Willen der Frauen brechen." Doch gibt es auch Mitläufer unter den Angreifern. Viele der Männer ergreifen die Gelegenheit, wenn das Opfer hilflos ist. Wenn sie die Möglichkeit haben, eine Frau zu berühren. Sie nutzen den Raum der Anonymität, wenn große Menschenmengen zusammenkommen.

Auch in alltäglichen Situationen nehmen die sexuellen Übergriffe in Ägypten zu, werden extremer. Kaum eine Frau betritt derzeit die Innenstadt von Kairo, ohne durch Zurufe oder Begrapschungen belästigt zu werden. Laut einer Studie des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte erlebten bereits 2006 mehr als 80 Prozent der ägyptischen Frauen täglich entsprechende Übergriffe. Mehr als die Hälfte der Männer gab damals zu, Frauen zu belästigen.

Sally Zohney von der UN-Frauenorganisation glaubt, dass die Zahl heute deutlich höher ist. Denn seit der Revolution sind die Sicherheitskräfte von den Straßen Ägyptens verschwunden . Niemand zieht die Täter zur Rechenschaft. Auch Polizisten unternehmen nichts. "Sie machen manchmal sogar noch mit", sagt Zohney. Die Belästiger wissen, dass sie nicht bestraft werden. "Wir brauchen ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung", fordert Zohney. Doch setzt sich Ägyptens Frauenbewegung schon lange vergeblich ein.

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Kommentare

116 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Kein Wunder

in all diesen Ländern herrscht ein patriarchales Selbstverständnis, eine Kultur der "Männerehre", in der Frauen nur als Teil einer Familie etwas gelten. Autonomie für Frauen ist nicht vorgesehen.

Die Einstellung einer Gesellschaft gegenüber Frauen sagt sehr viel über eine Kultur und ihren Zivilisationsgrad aus.

Im aufgeklärten und säkularen Mitteleuropa wachsen Jungs mit einer Erziehung auf, die sie lehrt, dass man Frauen auch dann nicht begrabschen darf, wenn sie aufreizend angezogen oder halb nackt sind. Tut man es doch, kann man bestraft werden.

Was aber soll man von Kulturen erwarten, die ihre Frauen zwingen, ihre Haare unter Kopftüchern zu verstecken und mitten im Sommer lange Mäntel zu tragen, damit sie bloß keinen Mann zu falschen Gedanken verführen? Diese Einstellung impliziert, dass Mann per se keinen Triebverzicht leisten kann und daher jede Gelegenheit beim Schopf packt, sobald sich die Frauen aus dem Schutz der Familie wagen.

Mich erstaunen diese Übergriffe nicht. Kaum ist der Deckel weg, explodiert der Druck im Kessel.

@32 Horatio Hornblower: Menschenrechte als Maßstab

Natürlich gibt es allgemeingültige feststellbare Kriterien zur Beurteilung der zivilisatorischen Reife bzw. der zivilisatorischen Rückständigkeit bei den verschiedenen Gesellschafften dieser Welt.

Ein Maßstab (unter vielen aus dem Fundus der universellen, unveräußerlichen und unteilbaren Menschenrechte) ist etwa der Grad der Gleichwertigkeit von Mann und Frau.

Ein anderer ist der Grad, seine Meinung äußern und danach handeln zu dürfen.

Menschenrechte sind keine Folklore

Ich denke wir sollten Geschehnisse in anderen Zivilisationen nicht beurteilen und schon gar nicht nicht auf die ganze Zivilisation herabblicken.

Meiner Ansicht nach tun wir das GERADE dann, wenn wir z.B. sexuelle Gewalt in anderen Kulturen als deren Eigenheit betrachten und uns eines Urteils darüber enthalten oder gar das gut heißen. Herunter blicken wir dann in jedem Fall auf die Betroffenen, denen wir damit ja praktisch bescheinigen, ihnen geschehe Recht.
Im Grunde ist das Ethnopluralismus, eine neurechte Ideologie.

Unsere moralischen Werte entstammen unserer Zivilisation und sind nicht auf andere Zivilisationen anwendbar.

Soweit es sich um fundamentale Werte wie menschliche Würde und Menschenrechte handelt, ist das falsch. Menschenrechte können ihrem Wesen nach nur universell sein, oder es sind eben keine, sondern bloß Privilegien. Folklore sind sie nicht. Tatsächlich hatte die traditionelle Kultur des Abendlandes eher wenig mit Menschenrechten am Hut, auch hier hat sich auch erst allmählich die Erkenntnis durchgesetzt, wie wichtig sie sind. Sie sind also auch nichts spezifisch Deutsches oder Europäisches, sondern haben auch hier traditionelle Wertvorstellungen verdrängt. Wir haben dadurch nicht aufgehört, Deutsche und Europäer zu sein, und ebenso wenig werden die Ägypter aufhören, Ägypter zu sein, wenn sie in der Menschenwürde die Grundlage jedes Moralbegriffs erkennen.

Antwort auf: 55. Menschenrechte sind keine Folklore

Dann gehen sie doch bitte mit ihren Ansichten, welche ich nun wahrlich nicht komplett, doch überwiegend, für Falsch halte, nach Ägypten und erklären den dortigen Männern, warum es UN Frauenrechte gibt, aber nichts dergleichen für Männer.Keine UN Männerrechte, als ob Männer nur als Täter existieren, doch nie als Opfer..als ob nur Frauen Schutz benötigen, Männer jedoch übersehen werden, bestenfalls als Täter behandelt werden.
Erklären sie den dortigen Männern warum diese für etwas kämpfen sollen, wenn diese gleichzeitig fast alle Rechte verlieren könnten.
Das ist doch absoluter Irrsinn...
Wenn dieser Irrsinns-feministische Wahnsinnskurs beibehalten wird, da Männerverachtend und vor allem Männer-ignorierend, wird sich Österreich eher Ägypten angleichen als umgekehrt.

Übertriebene Furcht vor Hyper-Feminismus

Dann gehen sie doch bitte mit ihren Ansichten, welche ich nun wahrlich nicht komplett, doch überwiegend, für Falsch halte,...

Was bitteschön halten Sie daran für falsch? Dass ich Vergewaltigung für verwerflich halte, egal wo auf der Welt sie stattfindet, sollte es doch wohl nicht sein.

...nach Ägypten und erklären den dortigen Männern, warum es UN Frauenrechte gibt, aber nichts dergleichen für Männer.

Also MIR brauchen Sie DAS nicht vorzuhalten! Ich habe nicht von Frauenrechten, sondern von Menschenrechten geredet. Dass das Männer - und Kinder - mit einschließt, versteht sich von selbst.

Keine UN Männerrechte, als ob Männer nur als Täter existieren, doch nie als Opfer..als ob nur Frauen Schutz benötigen, Männer jedoch übersehen werden, bestenfalls als Täter behandelt werden.

Das stimmt ja nun so auch wieder nicht. In vielen Gesellschaften herrscht bis heute ein Machtgefälle zu Ungunsten der Frauen. Genau diesem Faktum trägt es Rechnung, wenn verstärkt von Frauenrechten die Rede ist. Darin männerverachtenden Hyper-Feminismus sehen zu wollen, halte ich für bestenfalls übertrieben.

Erklären sie den dortigen Männern warum diese für etwas kämpfen sollen, wenn diese gleichzeitig fast alle Rechte verlieren könnten.

Ich sehe den Mann i. Allg. und den ägyptischen Mann im Besonderen nicht in Gefahr, rechtlos zu werden. Das "Recht", daheim wie ein Diktator zu herrschen und Frauen wie Freiwild zu behandeln, sehe ich nicht als erstrebens- oder erhaltenswert an.

Gerechtigkeitssinn

Und trotz der zivilisatorischen Überlegenheit werden auch in Europa Frauen vergewaltigt.

Das mit der zivilisatorischen Überlegenheit ist angesichts des Folgenden wohl eher ironisch gemeint, und ich halte diesen Begriff auch nicht für hilfreich, denn er klingt arrogant.
Entscheidend allerdings ist nicht, ob Frauen hier wie dort vergewaltigt werden, sondern wie die strafrechtlichen und gesellschaftlichen Folgen einerseits für den Täter und andererseits für die Geschädigte aussehen.

Für eine positive Überraschung in Bezug auf Letzteres sorgte vor Jahren übrigens mal ein Vorfall ausgerechnet in Saudi-Arabien, wenngleich der Vorfall selbst natürlich abartig war: Ein junger Mann hatte ein Auge auf eine junge Frau geworfen und war von ihr abgewiesen worden. Daraufhin vergewaltigte er sie nicht nur, sondern filmte dies auch noch mit seinem Handy, in der Erwartung, man werde ihr die Schuld geben und sie ächten.
Zu seiner Überraschung war dem nicht so, die Polizei musste ihn vor einer aufgebrachten Menge schützen, die ihn kurzerhand lynchen wollte. Ich bin nun keinesfalls ein Fan von Lynchjustiz, aber dass die Wut der Leute dem Vergewaltiger galt, werte ich als positives Zeichen für den Gerechtigkeitssinn der Menschen auch in einem so patriarchanischen Land.

Übrigens sehe ich diesbezüglich und auch in einigen anderen Dingen die "barbarischen" Kelten als zivilisierter an als die Römer, die von einer vergewaltigten Frau erwarteten, dass sie Suizid beging.

@ 40 kyon: Menschenrechte sind westlich 1

Menschenrechte sind meiner Meinung nach eine westliche Erfindung. Zwar gibt es sicherlich Überschneidungen in den ein oder anderen Bereichen. Aber die von ihnen angesprochene Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung, ist nicht in jeder Kultur verankert und gewachsen.
Ich halte die Menschenrechte für die richtige ethische und rechtliche Grundlage der westlichen Welt. Vor allem in der EU sollten wir Deutschen auf die Durchsetzung dieser Rechte pochen.
In ihrer Universalität halte ich die Menschenrechte aber für gefährlich. Alle anderen Moralvorstellungen die universelle Gültigkeit beanspruchen halte ich ebenfalls für gefährlich. Sie bergen ein erhebliches Konflikt Potenzial – ein Scharia Anhänger wird sich in einer Diskussion nicht von der Gültigkeit der Menschenrechte überzeugen lassen, umgekehrt wird sich ein Anhänger der Menschenrechte nicht von der Scharia überzeugen lassen. Beanspruchen nun beide die globale Gültigkeit ihrer Ideologie, muss es zwangsläufig zu Konflikten kommen.
Durch die sich Globalisierung kommt es zu immer mehr Kontakt zwischen den Kulturen und dementsprechend zu immer mehr Konfliktpotential. Daher wäre es schon aus unserem eigenen Interesse heraus wünschenswert wenn die Kulturkreise die Gültigkeit ihrer Moralvorstellungen auf sich selbst begrenzen würden.

Menschenrechte westlich oder universell?

"Menschenrechte sind meiner Meinung nach eine westliche Erfindung. Zwar gibt es sicherlich Überschneidungen in den ein oder anderen Bereichen. Aber die von ihnen angesprochene Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung, ist nicht in jeder Kultur verankert und gewachsen."

Das ist ja ein häufig gehörtes Argument. Dem steht aber entgegen, dass es in den Ländern, die "vom Westen" kritisiert werden, immer Menschen gibt, die anders denken als das herrschende Regime und Menschenrechte fordern. Chinesischen Dissidenten kann man kaum vorwerfen, sie seien vom Westen indoktriniert, auch wenn das natürlich die dortige Führung tut. Und selbst wenn Dissidenten von "westlichen" Ideen inspiriert sein sollten, sind sie dennoch genuine Vertreter/innen der Menschenrechte ihres Landes.

Das Argument würde nur gelten, wenn es in den betreffenden Ländern selbst keine Menschen gäbe, die die Einhaltung von Menschenrechten fordern würden. Was Ägypten angeht, so gibt es dort ja verschiedene Meinungen, nicht nur die der Muslimbrüder. Und eine ägyptische Frauenbewegung.

Abgesehen davon: Die Frauen im Alten Ägypten hatten ziemlich weitreichende Rechte. :-p

@ 55 DerKezzer 1

„Meiner Ansicht nach tun wir das GERADE dann, wenn wir z.B. sexuelle Gewalt in anderen Kulturen als deren Eigenheit betrachten und uns eines Urteils darüber enthalten oder gar das gut heißen. Herunter blicken wir dann in jedem Fall auf die Betroffenen, denen wir damit ja praktisch bescheinigen, ihnen geschehe Recht.
Im Grunde ist das Ethnopluralismus, eine neurechte Ideologie.”

Ich heiße Aktionen in anderen Kulturkreisen nicht gut, ich beurteile sie nicht. Ich treffe keine moralische Aussage. Dementsprechend bescheinige ich nicht, dass den Leidtragenden Recht geschieht und blicke auch nicht auf sie herab. Mit Ethnopluralismus habe ich mich nicht beschafft und „rechts“ bin ich ganz sicher nicht.

„Menschenrechte können ihrem Wesen nach nur universell sein, oder es sind eben keine…“

Lesen sie dazu bitte kommentar 93 und 94

Eine Umbenennung der Menschenrechte wäre meinem Vorschlag folgend angebracht.

@55 Der Kezzer 2

„Tatsächlich hatte die traditionelle Kultur des Abendlandes eher wenig mit Menschenrechten am Hut, auch hier hat sich auch erst allmählich die Erkenntnis durchgesetzt, wie wichtig sie sind. Sie sind also auch nichts spezifisch Deutsches oder Europäisches, sondern haben auch hier traditionelle Wertvorstellungen verdrängt. Wir haben dadurch nicht aufgehört, Deutsche und Europäer zu sein, und ebenso wenig werden die Ägypter aufhören, Ägypter zu sein, wenn sie in der Menschenwürde die Grundlage jedes Moralbegriffs erkennen.“

Die Menschenwürde ist aber nicht Grundlage jedes Moralbegriffs. Die Menschenwürde ist Prämisse unserer Moral. Andere Moralvorstellungen haben andere Prämissen. Warum sollten die Ägypter ihre moralischen Prämissen aufgeben und durch die Menschenwürde ersetzen?
Wenn sie darauf eine ethische Antwort liefern, bedenken sie, dass ihre Moral dann für die Ägypter eine falsche Prämisse hat.

@55 Der Kezzer 3

Natürlich ist es möglich, dass sich der Gedanke der Menschenrechte in Ägypten ausbreitet, vielleicht entsteht aber auch ein Gottestaat oder man beschreitet ganz neue Wege der Ethik. Die Menschenrechte sind die aktuelle Situation der ethischen Entwicklung in der westlichen Kultur. Sie sind ein Resultat der vorhergegangen Entwicklungen. In anderen Ländern gab es andere Entwicklungen, deshalb gibt es in anderen Ländern andere Moralvorstellungen. Wenn die westliche Kultur die Menschenrechte nicht bedingen würde, wären die Menschenrechte in nicht westlichen Kulturen viel Stärker vertreten und würden auch viel einfacher und schneller aufgenommen werden.
Ich denke wir sollten die Ägypter ihre moralische Entwicklung selbst bestimmen lassen.
Mit der Vorgehensweise: „Wir wollen, dass ihr euch nach unseren ethischen Grundsätzen verhaltet.“ werden wir ohnehin wenig Erfolg haben. Wir haben außenpolitisch schon so oft gegen die von uns selbst propagierten Menschenrechte verstoßen, dass wir uns nur lächerlich machen wenn wir ihre Einhaltung von anderen einfordern.

@95 leanders

Es gibt auch in Deutschland Salafisten, Kommunisten, Nazis, diese Menschen fordern auch Dinge, die von der Gesellschaft und vom Staat nicht erfüllt werden. Ich denke wir würden wenig positiv reagieren, wenn China uns sagen würde, wie wir mit diesen Leuten verfahren sollen. Genauso halte ich ähnliche Vorschriften gegenüber China für unangebracht.
Ich vermute, das Wort „Menschenrechte“ gibt es so im Chinesischen nicht und es wurde erst als Übersetzung des westlichen Wortes geschaffen. (Ich lasse mich gerne belehren.)

@ 100 leanders

Ihre Verurteilung von Nazis und ihre positive Beurteilung von Dissidenten, kann nur auf Basis ihrer Moral entstehen.
Objektiv betrachtet (ich versuche es objektiv zu betrachten) sind es aber nur Anhänger einer Ideologie die von ihrem Land nicht unterstützt wird. Ich persönlich kann Nazis auch nicht leiden, aber das ist in diesem Fall unerheblich. Es ging mir lediglich um die Nennung von Beispielen zur Stützung einer sonst abstrakten These.

Invasiv vs. nicht-invasiv

Lesen sie dazu bitte kommentar 93 und 94

Das habe ich getan und finde sie nicht überzeugend. Wie Sie selbst in #94 richtig feststellen, lassen manche Ideologien einen Kompromiss vermöge ihrer Natur überhaupt nicht zu. Das hehre Ziel der Konfliktvermeidung ist also unerreichbar, auch UND GERADE wenn die Verfechter der Menschenwürde und Menschenrechte als Grundlage von Ethik und Recht die Flinte ins Korn werfen sollten. Das Feld würden sie damit den agressivsten und menschenverachtendsten Idelogien überlassen, und eine Welt ähnlich wie in "1984" wäre eine mögliche Folge, oder irgendeine andere Art Hölle auf Erden.
Die Menschenwürde als Grundlage der Ethik ist KEINE Idelogie, sondern eher eine Art Minimalkonsens, der die mehr oder weniger gleichberechtigte Koexistenz verschiedener Ideologien und Wertesysteme nebeneinander erlaubt. Selbst eventuelle Konflikte entschärft sie, indem sie die Form ihrer Austragung Regeln unterwirft. In einer Gesellschaft, die sie anerkennt, kann man sehr wohl persönlich nach den strengen Regeln einer bestimmten Ideologie leben, man kann diese nur nicht Anderen aufzwingen. Umgekehrt geht das nicht. Ich spreche gern von einem nicht-invasiven Wertesystem, im Unterschied zum invasiven Wertesystem einer Ideologie.
Nicht invasive Wertesysteme sind friedensfördernd, invasive konfliktfördernd; daher können sie nicht gleichwertig sein.

Was "umgekehrt nicht" bedeutet.

Mit "umgekehrt" meine ich Folgendes: Ideologien mit invasiven Wertvorstellungen regeln alles so durch, dass dem Einzelnen kaum die Luft zum Atmen bleibt, vom Leben nach einem anderen Wertesystem ganz zu schweigen.
Insbesondere kann es lebensgefährlich sein, für Leben oder Unversehrtheit eines Menschen einzutreten bzw. Ihn mit Respekt zu behandeln, den die herrschende Ideologie z.B. wegen eines ihm zugesprochenen Attributs namens "Rasse" entweder als "lebensunwert" brandmarkt oder ihm nur den Status einer Sache zuerkennt.
Ich bin Deutscher und spiele natürlich auf die Geschichte meines eigenen Landes an.
Anderes, konkreteres Beispiel mit NS-Bezug: Zwischen 1935 und 1945 konnte in Deutschland wegen der Nürnberger Rassegesetze niemand z.B. einen Juden bzw. eine Jüdin heiraten, egal wie das eigene Wertesystem aussieht. Heute dagegen hindert niemand einen Nazi daran, nach diesen längst defunkten Gesetzen zu leben und sich seine Partnerin/ seinen Partner nach "rassischen" Gesichtspunkten auszusuchen.

@ DerKeezer

„Das hehre Ziel der Konfliktvermeidung ist also unerreichbar“

Natürlich wird man Konflikte nicht ausschließen können, aber man kann das Konfliktpotenzial dennoch reduzieren. Schon wenn eine Ideologie ihre Ansprüche zurücksteckt ist die Gefahr eines Konfliktes geringer, da von ihr kein Angriff mehr ausgehen wird.

Die Menschenrechte sind kein Minimalkonsens, ein Monarchist wird sich nicht mit Artikel 21 Paragraph 3 (Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt…) abfinden. Ein Monarchist kann nicht nach den Regeln seiner Ideologie in einer nach den Menschenrechten geformten Gesellschaft leben, nach den Regeln seiner Ideologie müsste die Gesellschaft anders aufgebaut sein. Als Folge daraus wird der Monarchist, die Menschenrechte ablehnen.

Wenn die Menschenrechte ein MinimalKONSENS sind warum wird er dann nicht ganz einfach von allen Kulturen angenommen? Warum gab es dann auch in Europa während der Aufklärung Konflikte um die Durchsetzung der den Menschenrechten zu Grunde liegenden Werte? Wären die Menschenrechte ein Minimalkonsens, hätte es niemandem etwas ausmachen dürfen sie einzuführen.

@ DerKeezer 2

Viele Ideologien erachten sich als absolut gültig, ist diese Ideologie bereits von einer die Menschenrechte achtenden Gesellschaft "eingebetet" ist das nicht weiter schlimm. Die Anhänger einer solchen Ideologie können niemanden gegen seinen Willen in ihr Schema pressen.

Dominiert aber eine absolute Ideologie eine Gesellschaft und treten nun die Menschenrechte auf, um die Gesellschaft zu reformieren, verhält es sich mit den Menschenrechten -obwohl sie als etwas höheres, umfassenderes gedacht sind- nicht anders als mit einer "gewöhnlichen" absoluten Ideologie. Kurz: es kommt zu einem Konflikt zwischen beiden Wertesystemen. Dieser Konflikt kann bis zur Waffengewalt eskalieren. Findet diese Eskalation zwischen den Bürgern eines Landes statt, kann es also zu einem Bürgerkrieg kommen. Dies betrifft in der Regel relativ wenige Menschen. Findet dieser Konflikt zwischen den Bürgern verschiedener Staaten statt, handelt es sich um einen Krieg zwischen Staaten.
Am Rande eines Krieges aus dem Motiv zweier sich widersprechender Wertesysteme heraus standen wir in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Auf der einen Seite die kapitalistisch geprägte NATO auf der anderen Seite der kommunistische Warschauer Pakt. Über die Folgen eines Krieges zwischen diesen beiden Blöcken brauche ich sie nicht aufzuklären.

Konflikte vs. Appeasement

Natürlich wird man Konflikte nicht ausschließen können, aber man kann das Konfliktpotenzial dennoch reduzieren. Schon wenn eine Ideologie ihre Ansprüche zurücksteckt ist die Gefahr eines Konfliktes geringer, da von ihr kein Angriff mehr ausgehen wird.

Ich bin überzeugt davon, dass dies nur dann der Fall ist, wenn es die agressivere, repressivere Ideologie ist, die zurücksteckt, und sei es auch nicht aus Einsicht, sondern aus Klugheit. Anderenfalls läuft das Ganze auf eine Art Appeasement hinaus, wie es die Westmächte in den 1930er Jahren gegenüber Deutschland gemacht haben. Dadurch haben sie sich ihren Feind erst herangezüchtet, und das Ergebnis ist bekannt. Das Schlimmste war dabei nicht einmal der Krieg als Gegenseitige Gewaltanwendung, sondern die einseitige Gewalt des Völkermordes.

Im Übrigen lehne ich weiterhin die Bezeichnung der Idee einer unantastbaren Menschenwürde als "Ideologie" strikt ab. Sie ist einfach grundfalsch. Ideologien sind geschlossene Gedankengebäude mit oft sehr spezifischen Grundsätzen und Wertvorstellungen. Das Gebot der Achtung vor der Würde des Menschen hingegen lässt Platz für alle möglichen Ideen und ggf. sogar Ideologien, es ist vereinbar mit den unterschiedlichsten religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen, auch z.B. mit dem Islam als solchem.
Mit Hass-Ideologien wie der von Al-Qaida oder dem Nationalsozialismus ist es natürlich nicht vereinbar, das steht außer Frage.

Abgestufte Rechte

Die Menschenrechte sind kein Minimalkonsens, ein Monarchist wird sich nicht mit Artikel 21 Paragraph 3 (Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt…) abfinden.

Das ist das Prinzip der Volkssouveränität. Ich hatte mein Augenmerk eher auf die individuellen Menschenrechte gerichtet. Dabei sehe ich durchaus Abstufungen, ich betrachte nicht alle Menschenrechte, die in einem entsprechenden Katalog stehen, als gleichrangig. Einen der höchsten Ränge spreche ich dabei natürlich dem Recht auf Leben zu, oder besser, dem Verbot, ein Menschenleben willkürlich und gewaltsam zu beenden. Fast noch höher sehe ich das Verbot der Folter angesiedelt, zumal es nicht selten vorkommt, dass Gefolterte sich irgendwann das Leben nehmen, was für mich ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass sie lieber gar nicht als mit den grausamen Folgen der Folter leben wollen. Ich meine dabei Folter im Allgemeinen, vor allem aber solche, die in erster Linie dazu da ist, die Persönlichkeit eines Menschen zu zerstören. Bestimmte Formen sexueller Misshandlung gehören da selbstverständlich auch zu.
Wichtig ist auch der Grundsatz, dass Menschen keine Sachen sind, wodurch sich die Sklaverei eigentlich verbietet.

Wer nicht wenigstens das als Grundkonsens akzeptieren will, muss im Grunde zwangsläufig ein schlechter Mensch sein, entweder ein sadistischer Gefängniswärter oder sonst ein Psychopath.

Schrecken ohne Ende vs. Ende mit Schrecken

Dominiert aber eine absolute Ideologie eine Gesellschaft und treten nun die Menschenrechte auf, um die Gesellschaft zu reformieren, verhält es sich mit den Menschenrechten -obwohl sie als etwas höheres, umfassenderes gedacht sind- nicht anders als mit einer "gewöhnlichen" absoluten Ideologie.

Die Formulierung ist misslungen. Es treten nicht die Menschenrechte auf und reformieren etwas, sondern es treten Menschen auf den Plan, um Menschenrechte zu erstreiten. Falsch ist sie zudem. Es geht eher darum, einen Absolutheitsanspruch in Frage zu stellen, als einen neuen zu schaffen. Anhänger der Menschenrechte vertreten KEINE Ideologie, sondern Rechte, die auch für ihre Gegner gelten. Sie fordern UND gewähren Respekt.

Kurz: es kommt zu einem Konflikt zwischen beiden Wertesystemen. Dieser Konflikt kann bis zur Waffengewalt eskalieren.

Gewöhnlich wird die Gewalt vor allem einseitig von Seiten der Anhänger der dominierenden Ideologie ausgehen, zumindest zunächst. Es kommt dabei wohl auch und vor allem auf den Leidensdruck an, dem die für ihre Rechte kämpfenden Menschen ausgesetzt sind.
Und es kann sehr gut sein, dass sie irgendwann nachgeben, weil auch deren Skrupellosigkeit begrenzt ist, man denke an die DDR im Oktober/November 1989 oder den Putsch 1991 gegen Gorbatschow.
Wenn sie skrupellos genug sind, gibt es ein Blutbad, aber das gäbe es so oder so, nur langsamer und in Form von einseitiger Gewalt, als Schrecken ohne Ende statt als Ende mit Schrecken.

Solidarität, Solidarität.
Bin schockiert. Mehr als 80% 2006 und jetzt eine deutliche Steigerung???

Ägypter, solidarisiert Euch mit Euren Frauen. Geht auf die Straße, treibt die Banden zurück, gebt ihnen keine Chance, holt Euch Eure Straße zurück. Eure Frauen sind wichtig. Ohne Sie, seid ihr nicht.

Das ist kein ordentlicher Text, aber ich bin einfach entsetzt. Diese Widerlichkeit.