"Ihre Hände waren überall", sagt Nihal Saad Zaghloul. "Sie waren wie Tiere." Es war ein Freitag, Ende Juni, als Nihal wie so oft mit ihren Freunden auf den Tahrir-Platz zum Demonstrieren ging . Es wurde ein Tag, der Nihal nicht mehr loslässt. "Ich wurde von meinen Freunden getrennt, Leute zogen mir mein Kopftuch herunter und dann begrapschten sie mich am ganzen Körper", sagt Nihal.

Doch Nihal, 26, hatte Glück. Andere eilten ihr zur Hilfe, zogen und drückten sie aus der Männermenge. Andere, die nicht befreit wurden, berichten von Schlimmerem. Davon, wie Männer ihnen die Kleider vom Körper reißen, bis sie nackt sind. Darüber, wie diese Männer sie am ganzen Leib befingern, vereinzelt gar vergewaltigen.

Diese Männer – wer sie sind, weiß niemand so genau. Seit ein paar Wochen tauchen sie auf, wenn auf dem Tahrir-Platz in Kairo demonstriert wird. Sie trennen Freunde von Freunden, Ehefrauen von Ehemännern, Töchter von Vätern. Das Alter ihrer Opfer ist ihnen egal, was zählt ist das Geschlecht. Meist treten sie am gleichen Ort auf, sie sind in Gruppen von bis zu 30 Leuten organisiert.

Übergriffe politisch motiviert?

Sally Zohney vom UN-Frauenprogramm ist sich sicher, dass ein Teil der Männer angeheuert ist, um Frauen vom Protestieren abzuhalten. "Die Art der Belästigung beim Demonstrieren ist anders als die alltägliche Belästigung auf der Straße", sagt Zohney. "Sie ist vulgärer, zielt auf Ehre und Stolz. Es soll den Willen der Frauen brechen." Doch gibt es auch Mitläufer unter den Angreifern. Viele der Männer ergreifen die Gelegenheit, wenn das Opfer hilflos ist. Wenn sie die Möglichkeit haben, eine Frau zu berühren. Sie nutzen den Raum der Anonymität, wenn große Menschenmengen zusammenkommen.

Auch in alltäglichen Situationen nehmen die sexuellen Übergriffe in Ägypten zu, werden extremer. Kaum eine Frau betritt derzeit die Innenstadt von Kairo, ohne durch Zurufe oder Begrapschungen belästigt zu werden. Laut einer Studie des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte erlebten bereits 2006 mehr als 80 Prozent der ägyptischen Frauen täglich entsprechende Übergriffe. Mehr als die Hälfte der Männer gab damals zu, Frauen zu belästigen.

Sally Zohney von der UN-Frauenorganisation glaubt, dass die Zahl heute deutlich höher ist. Denn seit der Revolution sind die Sicherheitskräfte von den Straßen Ägyptens verschwunden . Niemand zieht die Täter zur Rechenschaft. Auch Polizisten unternehmen nichts. "Sie machen manchmal sogar noch mit", sagt Zohney. Die Belästiger wissen, dass sie nicht bestraft werden. "Wir brauchen ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung", fordert Zohney. Doch setzt sich Ägyptens Frauenbewegung schon lange vergeblich ein.