Wer aber steckt hinter den Attacken gegen die Einwanderer? Ist es die ultrarechte Parlamentspartei Chrysi Avgi ("Goldene Morgenröte"), wie oftmals kolportiert wird? Kanakis ist da betont vorsichtig. "Die Chrysi Avgi bietet die ideologische Grundlage für solche Angriffe. Wer aber das Problem auf Chrysi Avgi fokussiert, der irrt." Das Phänomen habe größere Dimensionen. "Sogar in den Schulen haben sich schon rechtsextreme, rassistische Strukturen gebildet." Das habe, so Kanakis, sehr viel mit der in Griechenland grassierenden Xenophobie und Islamophobie zu tun.

"Der Fremde wird dämonisiert. Wie in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung." EME-Vertreter Pashtun geht indes noch einen Schritt weiter. "Die Rassisten sehen uns als Sündenböcke. Aber auch die Anti-Faschisten sind schuld. Die Linke benutzt uns für ihre Parolen. Wir sind zwar Zielscheibe, stehen aber auch zugleich zwischen den Fronten." Hunderte Migranten wurden gejagt.

Dass das zehn Millionen Einwohner zählende Griechenland ein Problem mit Flüchtlingen hat, bestreitet kaum jemand. Zwischen 2006 und 2011 kamen mehr als 700.000 Menschen illegal ins Land. Rund die Hälfte stammt aus Afghanistan , Pakistan und Bangladesch , die meisten kommen über die Festlandgrenze zur Türkei . In diesen Tagen führt die griechische Polizei im Athener Zentrum wieder groß angelegte Razzien durch. Bereits die erste im April schlug hohe Wellen. Bei der jüngsten Aktion unter dem Codenamen "Xenios Zeus" sind offiziellen Angaben zufolge 4.500 Polizisten in Athen und der Grenzregion Evros im Einsatz. Ziel der Razzien sei es, Einwanderer ohne gültige Papiere "in ihre Herkunftsländer zurückzubringen, die Grenzen zu schließen und Athen wieder zu einer rechtsstaatlichen Metropole mit Lebensqualität zu machen", heißt es bei der Polizei.

Hatz auf Migranten 

Doch die Stimmung bleibt aufgeladen durch Verbrechen wie jüngst auf der Insel Paros. Der 21-jährige Pakistani Ali M. arbeitete ohne gültige Papiere in einer örtlichen Touristikanlage als Gärtner. Am 21. Juli überfiel er eine 15-jährige Griechin am Strand, das Mädchen machte mit ihrer Mutter und Schwester Ferien auf der Insel. Als es sich weigerte, ihm ihr Smartphone zu geben, schlug er den Kopf des Mädchens auf einen Felsen und vergewaltigte das bewusstlose Opfer. Das Mädchen liegt noch immer auf der Intensivstation des Athener Krankenhauses Attikon. Als der junge Pakistani am Wochenende auf die Insel Syros gebracht wurde, um dem Staatsanwalt vorgeführt zu werden, soll ein Dutzend Einheimische versucht haben, ihn zu lynchen. Beobachter befürchten bereits Vergeltungsattacken gegen illegale Einwanderer.

Die Sorge hat gute Gründe: Im Mai 2011 hatten im Athener Zentrum Unbekannte, laut Augenzeugen allesamt Südostasiaten, den 44-jährigen Griechen Manolis Kadaris im Morgengrauen mit mehreren Messerstichen getötet. Tatmotiv war offenbar der Umstand, dass Kadaris eine Videokamera bei sich hatte, die die Täter stehlen wollten. Kadaris war auf dem Weg zur Geburtsklinik, um dort mit der Videokamera die Geburt seines zweiten Kindes zu filmen. Bereits auf dem Begräbnis von Kadaris schworen etliche Trauergäste Rache. Und in der Tat: Es folgten in der Athener Innenstadt tagelang regelrechte Pogrome gegen Einwanderer. Etliche Geschäfte von Einwanderern wurden zum Teil erheblich beschädigt. Die Polizei bekam die Lage nur mit Mühe unter Kontrolle.

Auch der Arzt Nikitas Kanakis ist mittlerweile vorsichtig. Ganz so, als sei er selbst ein illegaler Einwanderer. In bestimmte Straßen im Athener Zentrum traue er sich nicht mehr – schon gar nicht alleine und zu Fuß: "Das lasse ich lieber. Ich bin da bekannt wie ein bunter Hund."