Es ist schon paradox: Ausgerechnet Ecuador gewährt Julian Assange Asyl. Das kleine lateinamerikanische Land ist nicht gerade dafür bekannt, Meinungsfreiheit und andere Menschenrechte zu schützen. Vielmehr schüchtere die Regierung unter Präsident Rafael Correa Kritiker ein, beeinflusse die Justiz, schikaniere Menschenrechtsaktivisten und verfolge Oppositionelle, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW ). Reporter ohne Grenzen bestätigt: Journalisten haben es in Ecuador schwer.

Präsident Correa, ein linker Wirtschaftsexperte,  nutzt seinen Twitter-Account gerne, um gegen kritische Berichterstattung zu polemisieren. Missliebige Berichterstatter hat er auch schon verklagt, zum Beispiel Emilio Palacio , Mitarbeiter der Tageszeitung El Universo . Der Präsident fühlte sich durch Palacios Artikel verunglimpft. Palacio wurde verurteilt, dann von Correa begnadigt. Beides wirkte reichlich willkürlich. Weil weitere Verfahren gegen ihn laufen, lebt er mittlerweile im Ausland.

Doch auch Julian Assange hat mit Medien so seine Probleme – und er ist kein Freund der USA . Auch das verbindet mit Ecuadors Präsidenten. Correa war schon in seinem früheren Amt als Finanzminister ein entschiedener Opponent von Weltbank und Internationalem Währungsfonds, von denen er sein Land "erpresst" sah. Er wollte den ecuadorianischen Staat stärker an den Erlösen des im Land geförderten Erdöls beteiligen und plädierte für eine stärkere Annährung an Venezuela .

Als Minister konnte er sich nicht durchsetzen und trat zurück. Doch seit er Präsident ist, konnte er zumindest einen Teil seiner Ideen verwirklichen, zum Beispiel durch eine Neuverhandlung der Verträge mit den Energiekonzernen.

"Sympathie" für Assange

Von WikiLeaks hielt Correa ursprünglich nicht viel, heißt es. Als im November 2010 der damalige stellvertretende Außenminister Ecuadors , Kintto Lucas, Assange eine Aufenthaltserlaubnis für sein Land anbot , pfiff der Präsident ihn noch zurück. Doch später änderte er seine Haltung gegenüber Assange und bekundete seine "Sympathie" für den Australier. Kennengelernt haben sich die beiden in einem langen Interview, das der WikiLeaks-Gründer für einen russischen Sender mit dem ecuadorianischen Präsidenten führte. Damals hieß Correa den WikiLeaks-Gründer "willkommen im Klub der Verfolgten."

Möglicherweise hat sein Sinneswandel auch mit den Depeschen zu tun, die aus der US-Botschaft in Ecuadors Hauptstadt Quito nach Washington geschickt wurden, und die WikiLeaks im November 2010 veröffentlichte. Die damalige Botschafterin Heather Hodges warf Correa darin vor, wissentlich einen korrupten Beamten zum Polizeichef ernannt zu haben. Wenige Monate später wurde Hodges des Landes verwiesen. Inzwischen wurden die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen. Dennoch erklärte die Regierung Correas, sie werde alles tun, um eine Auslieferung Assanges in die USA zu verhindern.

Indem seine Regierung Assange Asyl gewährt , widersteht Correa dem Druck der mächtigen USA und Großbritanniens . Das könnte dem Präsidenten, der im kommenden Jahr wiedergewählt werden möchte, innenpolitisch nützen. Vielleicht hilft es der Regierung sogar, ihr Vorgehen gegen kritische Journalisten wenigstens teilweise vergessen zu machen, sagen Beobachter. Das wäre ganz im Sinne von Correas Außenminister Ricardo Patiño. Er hatte erklärt, der Schutz, den man dem WikiLeaks-Gründer gewähre, gründe auf "universalen Prinzipien und dem Respekt vor den Menschenrechten".

Der geflohene ecuadorianische Journalist Emilio Palacio wird das vermutlich anders sehen.