Gleichberechtigung : Irans Hochschulen verbannen Frauen aus 77 Studiengängen

Frauen dürfen an 36 iranischen Hochschulen Fächer wie Chemie nicht mehr studieren. Geistliche sehen im Bildungsaufstieg von Frauen eine Gefahr für die Gesellschaft.
Iranische Schülerinnen während der Aufnahmeprüfung für die Universität in Teheran © Mona Hoobehfekr/AFP/Getty Images

Im Iran wird es in Zukunft 77 Studiengänge geben, für die sich nur noch Männer immatrikulieren können. Dies gaben laut der Zeitung The Telegraph insgesamt 36 Universitäten bekannt, darunter auch die Universität in Teheran. Die Hochschule für Ölindustrie, die mehrere Universitätsgelände im Iran hat, begründete die Entscheidung damit, dass es derzeit eine geringe Nachfrage der Arbeitgeber gebe. Die Universität von Isfahan argumentierte ähnlich: Die Mehrheit der Frauen würden keinen Job finden.

Hochrangige Geistliche seien zudem über die Nebeneffekte besorgt, die entstünden, wenn zunehmend mehr Frauen einen hohen Bildungsstandard erreichen. Dies beziehe sich vor allem auf die sinkenden Geburten- und Hochzeitsraten, schrieb The Telegraph.

Abolfazl Hasani, ein Beamter des Bildungsministeriums, sagte laut New York Times: "Manche Fächer eignen sich nicht für die weibliche Natur." Zu den Fächern, die nun Männern vorbehalten sind, gehören englische Literatur, Hotelmanagement, Archäologie, nukleare Physik, Informatik, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Betriebswirtschaft.

Nobelpreisträgerin Ebadi fordert UN-Untersuchung

Mehrere iranische Intellektuelle und Menschenrechts-Aktivisten fordern inzwischen Untersuchung durch die Vereinten Nationen. Unter ihnen ist Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. In einem Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der Menschenrechtskommissarin Navi Pillay machte die Gruppe auf die Situation der Frauen aufmerksam. Derzeit hat der Iran nach Angaben der Unesco mit 65 Prozent den höchsten Anteil an weiblichen Studierenden. Viele haben sich in den männlich dominierten Fächern wie Physik durchgesetzt.

Shirin Ebadi bewertet das Vorgehen der Hochschulen als Versuch, die Frauenbewegung zu schwächen, und die Studierendenzahl von Frauen auf unter 50 Prozent zu senken. "Die jüngste Politik der islamischen Republik versucht Frauen in den privaten Bereich zu drängen", heißt es in dem Brief an die UN. "Das Ziel ist es, dass Frauen ihren Widerstand und ihre Forderungen nach eigenen Rechten aufgeben."

Der Minister für Wissenschaft und Hochschulbildung, Kamran Daneshjoo, wies jede Kritik zurück. Er sagte, 90 Prozent der Abschlüsse seien weiterhin für beide Geschlechter offen. 

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Kommentare

99 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Böse Bemerkung

Zitat:

"Zu den Fächern, die nun Männern vorbehalten sind, gehören englische Literatur, Hotelmanagement, Archäologie, nukleare Physik, Informatik, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Betriebswirtschaft"

Wenn dies die Fächer sind, mit denen Frauen am besten den Aufstieg schaffen (und somit den Geistlichen Angst machen), sollte dies zu denken geben.

Zumindest bei Physik, Infomatik, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen gibt es ja hierzulande soetwas wie den "freiwilligen Männervorbehalt".

Vielleicht sollte man in Deutschland somit vorschlagen, diese Fächer den Frauen ebenfalls zu verbieten - dann interessieren sich vielleicht auf einmal ein paar dafür.

Kommt auf den Autor an

"Lady Chatterley" (verheiratete Frau hat einen Liebhaber), die heute schon geradezu brav erscheinenden Romane von Lawrence dürften für einen sittenstrengen Mullah gerade als Aufruf zur Sünde erscheinen. Virginia Woolfe, die emanzipatorische Lesbe (nicht bös gemeint)verkörperte auch ein Frauenbild das sich nicht gut mit den Vorstellungen von Männern verträgt die eine Frau am liebsten verhüllt am Herd sehen möchten. Shakespeare und die anderen elisabethanischen Dramatiker, auch Defoe wirken auf strenggläubige Iraner vielleicht ein bißchen zu deftig. Dickens und Thackerey und die meisten anderen viktorianischen Romanciers und Dichter dürften eigentlich keine Gefahr für das Weltbild eines braven Moslems darstellen, aber man weiß ja nie, was die Mullahs hineininterpretieren können.

"Frauen besser als Männer" Blödsinn

"weil sie erkennen das Frauen in bestimmten Wissenschaften besser sind als Männer "

Ich glaube nicht, dass Frauen in bestimmten Wissenschaften besser sind als Männer. Ich glaube dieser Vergleich gilt auch nicht umgekehrt. Es gibt bestimmte Rollenbilder und Vorlieben einzelner Geschlechter. Aufgrund der überproportionalen Präsenz dominiert dann das eine Geschlecht das Angebot an z.B. Mathematiker(innen) usw. Angst vor "Wettekampf" ist also nicht der Grund dieser Massnahme, der liegt glaube ich woanders, nämlich:

Entweder setzen sich im Iran religiöse Hardliner durch, welche die Frau in die Rolle drängen möchten, welche ihr gemäß Koran zusteht, was ich zumindest primär bezweifle, da der Iran deutlich "fortgeschrittener" ist als andere Länder der islamischen Welt, oder und das glaube ich eher, der Iran hat gewisse Schlüsse aus den Revolutionen in der arabischen Welt gezogen.

Jede der Umstürzen in der arabischen Welt resultiert aus einem fundamentalen Problem: Erstarrte Strukturen und ein großer Anteil von jungen Menschen, die keine Arbeit und Perspektive haben. Bevor im Land nun ein "Brand" entsteht, weil gut bezahlte Arbeitsplätze im Ingenieurwesen und in anderen lukrativen Branchen knapp werden, wird einfach das Angebot an "Fachkräften" verknappt. Man denkt wohl, die Frau wird sich im Notfall fügen, solange der Mann einen guten Job und ein gutes Einkommen hat.

Insofern besteht (aus Sicht des Regimes) schon eine "Gefahr für die Gesellschaft".