Selten noch redet Israels Führung vom Frieden, umso häufiger vom Krieg. In regelmäßigen Abständen werden inzwischen Schlachtpläne gegen den Iran unter das Volk gebracht, was erheblich mehr internationale Aufmerksamkeit erzeugt, als die zerschlissene Polit-Rhetorik von angeblich "schmerzlichen Kompromissen" mit den Palästinensern.

Die Mehrheit der Israelis ist überzeugt, eine Herausgabe des Westjordanlandes sei nicht mehr notwendig. Niemand in der politischen Klasse hat mehr ein erkennbares Interesse, die Verhältnisse im Zusammenleben mit dem seit mehr als 40 Jahren unterjochten Nachbarvolk endlich fair zu regeln. Israel setzt auf den Status Quo und gebärdet sich wie jemand, der mit seinem Gegenüber über die Aufteilung einer Pizza redet, während er sie gleichzeitig vor dessen Augen verspeist.

Und so wundert es nicht, dass sich Israel nun mit aller Macht auf sein neues Staatsthema fokussiert – die Gefahr aus dem Iran . Erstmals kursieren jetzt sogar geschätzte Opferzahlen und eine mögliche Kriegsdauer, SMS-Probewarnungen und Bunkerbombenmaße, während die verängstigten Menschen ihre Schutzkeller entrümpeln und sich mit neuen Gasmasken eindecken. Eine Minderheit von Kritikern redet von organisierter Hysterie und der steinalte Präsident Shimon Peres versteht seine eigenen Landleute nicht mehr. Selbstverständlich ist auch Teheran bei jeder verbalen Eskalationen mit dabei, retourniert auch diesmal mit seinem üblichen Tumor-Vergleich für Israel.

Israel hat die gleichen Gebrechen wie seine Nachbarn

Für den jüdischen Staat bekundet das beständige Säbelrasseln mehr als nur die Furcht vor dem iranischen Atomprogramm. Gleichzeitig offenbart es eine Identitätskrise, die tief in die eigenen Fundamente reicht. Avraham Burg, Israels ehemaliger Präsident der Knesset, sieht den einstigen Wertebund zwischen Israel und den USA von Demokratie, Menschenrechten und Respekt vor anderen Nationen inzwischen abgelöst durch eine schlichte Garnitur gemeinsamer Interessen – Krieg, Bomben, Drohungen, Furcht und Traumata.

Erstmals in seiner Existenz scheint Israel – auch angesichts des arabischen Frühlings – auf Normalmaß zu schrumpfen. Es ist nicht mehr die leuchtende Vorzeigedemokratie des gesamten Nahen und Mittleren Ostens, sondern ein kleines Land unter vielen, dessen politische Konstruktion die gleichen Gebrechen zeigt, wie die seiner Nachbarn: Ein immer mächtiger werdender religiös-politischer Fundamentalismus und im Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung ein autokratisches Regiment, das systematisch auf Sicherheitsapparat und Militärgewalt setzt, von politischem Ausgleich, verbrieften Rechten und Selbstbestimmung der Menschen jedoch nichts wissen will.