Leserartikel

SpanienUns repräsentiert ihr nicht!

Der Unmut der Spanier über ihre Politiker wächst, berichtet Leser C. Wohlmuth. Mittlerweile würden sich sogar Teile der Polizei gegen die Regierung richten. von 

Seitdem die konservative Partei Partido Popular (PP) wieder die politische Führung in Spanien übernommen hat, sind regierungskritische Berichte fast vollständig aus dem staatlichen Fernsehen verschwunden. Viele politisch interessierte Spanier haben das Gefühl, nicht mehr richtig über die Geschehnisse im eigenen Land informiert zu werden. Sie trauen nur noch dem, was sie anhand von Augenzeugenberichten und über das Internet erfahren.

Chris Wohlmuth

studiert Poltikwissenschaften und schreibt seine Magisterarbeit über die spanische Protestbewegung. 2010/2011 hat er mit einem Erasmus-Stipendium ein Jahr in Madrid verbracht.

So erfahren sie unter anderem von der zunehmenden Polizeigewalt. Vor Kurzem wurde zum Beispiel bekannt, dass mehrere Polizisten einen katalanischen Familienvater verprügelten und beschimpften, der zwei Eier auf das Parteigebäude der PP geworfen hatte. Danach zerrten die Beamten ihn in ihren Einsatzwagen und brachten ihn auf eine Wache, wo sie ihn über Nacht festhielten, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, seine Familie zu informieren. Häufig kleben spanische Polizisten während solcher Einsätze ihre Identifikationsnummern ab, damit sie später nicht zur Verantwortung gezogen werden können. 

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Auch die Polizisten sind von den Sparprogrammen der spanischen Regierung betroffen. Trotzdem gehen die meisten von ihnen weiterhin gegen Demonstranten vor, statt sich auf deren Seite zu stellen. Vor einigen Tagen haben sich aber Teile der spanischen Polizei den Indignados angeschlossen. Viele Einsatzkräfte der Feuerwehr sind bereits zu Anhängern der Empörten geworden. Und auch das Militär hat zugesagt, Bürgerinitiativen bei der Verteidigung wichtiger bürgerlicher Rechte zu unterstützen.  

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Auch in anderen Bereichen der spanischen Gesellschaft wächst der Unmut über die Politiker. Als vor Kurzem Minenarbeiter nach Madrid marschierten, erhielten sie viel Zustimmung aus der Bevölkerung. Sie wurden von Tausenden begeisterten Menschen in der Hauptstadt empfangen. "Endlich kämpft jemand gegen diese Ungerechtigkeit", schienen viele Spanier zu denken.

Einer der beliebtesten Schlachtrufe bei Demonstrationen ist: "No nos representan" – Uns repräsentiert ihr nicht! Fast niemand glaubt, dass Politik und Bürger in naher Zukunft wieder zusammenfinden.

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Leserkommentare
  1. Ich verstehe, dass die Leute über den Sparkurs sauer sind. Aber ich verstehe nicht, warum sie diesen Präsidenten dann überhaupt gewählt haben. Es war doch jedem klar, was er vorhat. Kann das alles nicht so recht nachvollziehen.

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    • chameau
    • 13. August 2012 18:55 Uhr

    weil es keine wirkliche Wahl gab: das war etwa wie die Wahl zwischen Schröder und Merkel.

    Die Partei, und allen vor an Rajoy selbst, hat lautstark in Wahlkampagne gesagt, dass er die Renten nicht antastet, die Mehrwehrtsteuer auf keinen Fall erhöht, eine Steueramnestie für absolut undenkbar hält, Erziehung und Gesundheitssystem auch nicht antastet. Nichts hat er davon gehalten, im Gegenteil, er hat vor allem Einschnitte in Kultur, Sozial, Gesundheits und Erziehungsbereich Einsparungen vorgenommen. In Spanien spricht man über eine Neo-sprache weil die Regierung Restrukturierung und Verbesserung sagt statt Kürzungen, Einschnitte und Einsparungen. Weil wo Rettungschirm für die Banken gemeint ist mit Haftung der Spanier, die Regierung Kredit zu sehr günstigen Bedingungen sagt. Dazu grobe Einschnitte in Demokratische Rechte, Verbote via Social Media zu Demonstrationen aufzurufen, Einschitte in der Strafverfolgung der Korruption in den Balearen wo die Regierungspartei mitbeteiligt ist (Palmarena)u.s.w. Dieser spanische Herbst wird Höchsttemperaturen auf der Strasse erreichen. Weil wir Spanier gerne zu Opfern bereit sind wenn alle ihren Verhältnissen entsprechen dazu Beitragen. Nicht aber wenn 80% der an der Börse tätigen Unternehmen Steuern hinterziehen in den Bahamas und in der Schweiz, die Reichen immer weniger Steuern zahlen, die Finanzhaie durch die besagten SICAV nur 1% ihres Vermögens versteuern und die Politiker mehrere Einkommen haben und sobald sie gewählt werden sich die Löhne erhöhen und sich weigern dienstlich Economy zu fliegen.

    Siehe letzte Bundestagswahl. Siehe nächste Bundestagswahl. Wen wollen Sie denn wählen? Bleiben wir doch realistisch, Kanzler wird entweder Frau Merkel oder ein SPD-Kandidat. Also... Frau Merkel? Pah. Steinbrück? Pah. Gabriel? Pah. Steinmeier? Pah... es gibt nirgendwo mehr kompetentes Spitzenpersonal, das man wirklich wählen könnte. Merkel hängt ihr Fähnchen nach dem Wind, Steinbrück ist der Sargnagel der Sozialdemokratie, Steinmeier steht für... keine Ahnung, wofür eigentlich?, und Gabriel... nun, den Spaniern ging es ähnlich. Entweder die, die es vor einem Jahrzehnt schon versaut haben, oder die, die es danach nicht in Ordnung gebracht haben.

    So wie wir wussten? Es wird einfach gelogen und um Macht gekämpft.
    Ein Wahlwerbeplakat der CDU:
    http://deutschlandwoche.d...

    Die Spanier und auch wir Deutschen werden belogen und betrogen.

    Das ist keine übertriebene Polemik, habe auch die richtige Wortwahl gewählt, gegen die Netiquette habe ich ebenfalls nicht verstoßen und mich sachlich auf das Artikelthema bezogen.

    Liebe Redaktion, es ist einfach meine Meinung, bitte löschen sie nicht meinen Kommentar.

    • p2c2e
    • 15. August 2012 8:25 Uhr

    Nein, war es nicht. Vor der Wahl gab es kein vollstaendiges Regierungsprogramm der PP, Rajoy hat lediglich ein par Schlagworte zusammengefasst. Die Alternative hiess Zapatero, der an den leeren Staatskassen nicht unschuldig ist - er hat buchstaeblich Milliarden in den Sand gesetzt. Obwohl niemand wirklich wusste, worauf man sich mit der PP einlaesst, schien Rajoy das kleinere Uebel zu sein.

    Die uebrigen Parteien spielen hier (noch) keine Rolle, sie schaffen es zurzeit bestenfalls in die Provinzregierungen (vergleichbar mit deutschen Laenderparlamenten).

    Gruss vom Mittelmeer
    p2

    • Fernan
    • 27. September 2012 21:11 Uhr

    ...aber das passiert im Spanien, wo nach 35 Jahre die Dictadura de Franco immer noch die Strukturen der Politik des Landes prägt. Spanien wurde mit ein Turno Político organisiert nach der XIX. Art und Weise, wo nur PP oder PSOE haben in der Tat eine Möglichkeit zum regieren. Mal ganz allein mal mit Hilfe der Nationalisten (Catalanes oder Vascos), die immer als Danke schön neue Privilegien gewinnen. So die Gesellschaft hat bis Heute keine richtige politische Kultur entwickelt und die zwei größte Parteien wollen keine Klarheit und feste regeln für das eigene Verhalten. So das Volk wandelt ständig von A nach B. Wann PSOE mit Zapatero als Regierungschef eine Politik, die der Leute empörte machte, wandelte das Volk nach PP. Alle anderen Parteien dazwischen sind ungemäß repräsentiert und die Korruption in den Größen Parteien wächst unerträglich, weil die Justiz auch nur funktioniert mit veraltete, muffige und parteiliche Machtstrukturen. Meine Meinung nach... Saludos

    • chameau
    • 13. August 2012 18:55 Uhr

    weil es keine wirkliche Wahl gab: das war etwa wie die Wahl zwischen Schröder und Merkel.

    Antwort auf "Was ich nicht verstehe"
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    "weil es keine wirkliche Wahl gab: das war etwa wie die Wahl zwischen Schröder und Merkel"
    -----------------------------
    Das ist die Ausrede derer, die ihr Kreuzchen wie immer bei SPD oder CDU machen. Die übrigen 27 auf dem Wahlzettel vertretenden Parteien werden so gerne wegdiskutiert um die "Alternativlosigkeit" des Wählers und damit die Begründung für seine eigene Stimme zu geben.

    Dieses Opfergejammere der Wähler wird mittlerweile unerträglich. Erst wird gewählt, dann gejammert und angebliche Alternativlosigkeit beklagt.
    Der Wähler ist nicht Opfer, er ist Täter!

  2. ...Als ich in Lima vor 10 Tagen war erzählten mir gute bekannte von mir (leitende Angestellte),dass zunehmend Spanier mit grossen Geldbeträgen Wohnungen und Land in Perú kaufen um eine mögliche Entwertung oder gar Enteignung vorzubeugen.Spanier,die in Lima arbeiten machen das unmögliche um an einen DNI (Documento Nacional de Identidad) zu kommen,das selbe höre ich von Spanier,die nach Brasilien und Argentinien gehen.Das Thema wird von den peruanischen Medien entweder ignoriert oder totgeschwiegen.

    Eins scheint mir klar zu sein:Es findet ein Kapitalflucht aus Spanien statt,der völlig von den Medien unbemerkt geblieben ist.Derjenige,der die Mittel hat,verlässt das Land,den anderen beissen die Hunde.

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    bricht ein. Das sind alles noch die Vorboten. Und Deutschland wird es bald auch treffen. Man hat aus der Geschichte nichts gelernt, also wird uns die Geschichte wieder lehren.

    ...schweigen, wer ein bisschen sucht, findet die wahren Informationen jenseits von Euro-Durchhalteparolen schnell:
    http://www.querschuesse.d...

    Die Folgen der europäischen Politik, der Kapitalflucht und des prozyklischen Spar-Unsinns:
    http://www.querschuesse.d...

    dass diese "Wirtschaftsflüchtlinge" Südamerika überschwemmen....

  3. bricht ein. Das sind alles noch die Vorboten. Und Deutschland wird es bald auch treffen. Man hat aus der Geschichte nichts gelernt, also wird uns die Geschichte wieder lehren.

    Antwort auf "Wie es weiter geht..."
  4. Entfernt. bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke. Die Redaktion/Kvk

  5. "Seitdem die konservative Partei Partido Popular (PP) wieder die politische Führung in Spanien übernommen hat, sind regierungskritische Berichte fast vollständig aus dem staatlichen Fernsehen verschwunden. Viele politisch interessierte Spanier haben das Gefühl, nicht mehr richtig über die Geschehnisse im eigenen Land informiert zu werden. Sie trauen nur noch dem, was sie anhand von Augenzeugenberichten und über das Internet erfahren."

    Das ist in Deutschland genau so. Das ÖR-Fernsehen, die Bertelsmann-Grupppe (RTL, Spiegel, Stern, Bild und "Die Zeit" verbreiten doch auch nur Pro-Euro-Propaganda und Jubelarien auf Merkel. Immerhin gibt es hierzulande noch die FAZ, die den Leuten reinen Wein einschenkt.

    Über die Eurokrise informiert man sich am besten über private Blogs wie "querschüsse" oder privat erstellte Dossiers wie "Das Euro-Desaster" von Elbers

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    Teil eine Eurokrise - die aber welche zu vernachlässigen wäre.

    Es ist eine globale Systemkrise, die sich aufgrund des Geldsystems immer wieder ereignet - mal etwas früher, mal etwas später.

    Das Geldsystem fördert den Zusammenbruch, weil es immer die falschen Anreize bietet.

    So weit ich weiß, gehören weder die Bild, noch die Zeit zu der Bertelsmann-Gruppe und auch im Spiegel-Verlag verfügt Bertelsmann nur (durch G+J) über eine Sperrminorität von 25,5%.

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    • Gruetze
    • 13. August 2012 22:14 Uhr

    Vergleiche auch:

    http://www.inwo.de/

    und:

    http://www.cgw.de/

    Gruetze

  7. Teil eine Eurokrise - die aber welche zu vernachlässigen wäre.

    Es ist eine globale Systemkrise, die sich aufgrund des Geldsystems immer wieder ereignet - mal etwas früher, mal etwas später.

    Das Geldsystem fördert den Zusammenbruch, weil es immer die falschen Anreize bietet.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Spanien | Bevölkerung | Militär | Bürgerinitiative | Familie | Fernsehen
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