ÄgyptenPräsident Mursi räumt bei Militär und Geheimdienst auf

Ägyptens Präsident Mursi nimmt den Anschlag auf dem Sinai zum Anlass, Gegner aus dem Sicherheitsapparat zu entfernen. Unter anderem hat er seinen Geheimdienstchef entlassen. von dpa

Ägyptens Präsident Mursi von Menschen umringt

Ägyptens Präsident Mursi von Menschen umringt  |  © Egyptian Presidency/Handout/Reuters

Mit personellen Entscheidungen im Sicherheitsapparat will Ägyptens Präsident Mohammed Mursi Stärke zeigen. Er reagiert damit auf die Kritik an ihm nach der Terrorattacke auf der Halbinsel Sinai am vergangenen Sonntag. 16 Soldaten waren von einem islamistischen Kommando getötet worden. Erstmals seit Jahrzehnten reagierte das Militär mit einem Bombardement aus der Luft entlang der Grenze des Sinai, bei dem 20 Menschen getötet wurden.

Jetzt hat Mursi, der bis zu seiner Vereidigung vor knapp sechs Wochen noch Mitglied der Muslimbruderschaft war, das Attentat genutzt, um führende Köpfe des Sicherheitsapparats auszutauschen: Der Rauswurf Muwafis wurde von seinem Sprecher Jasser Ali im ägyptischen Staatsfernsehen verkündet und nicht weiter kommentiert. Als Interimsnachfolger wurde Mohammed Rafaat Abdel Wahad Shehata benannt. Weiter forderte Mursi den Verteidigungsminister Hussein Tantawi auf, den Kommandeur der Militärpolizei auszutauschen. Auch der Gouverneur der Provinz Nord-Sinai musste seinen Posten räumen.

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Die Macht des Militärs ist groß, und es hatte in der Vergangenheit alles daran gesetzt, das Amt des Staatschefs zu beschneiden. "Mursis politische Gegner werden die Attacke nutzen, um seine Präsidentschaft zu unterminieren. In der Realität hat Mursi bei der Sicherheitspolitik nichts zu sagen", sagte Haim Malka vom Center for Strategic and International Studies in Washington gegenüber Bloomberg.com .

Mursi blieb Beerdigung fern

Es ist der schwerste bewaffnete Konflikt in Ägypten seit dem Sturz des Präsidenten Husni Mubarak im Februar 2011 – und das Volk wollte von Mursi auch eine persönliche Reaktion sehen. Dass der Präsident dann der Beerdigung der 16 Soldaten aus Sicherheitsgründen fernblieb, befeuerte die Wut im Volk: Bei der Trauerfeier griff ein wütender Mob die Karosse des anwesenden neuen Premiers Hischam Kandil an.

"Das hat die Menschen, die die Geschehnisse als nationale Tragödie empfinden, stark aufgebracht", schreibt Al-Jazeera-Korrespondentin Sherine Tadros aus Kairo . Mursi versuche zu zeigen, dass "er der Boss" sei. Auch sei es ein klares Zeichen dafür, dass Mursi sich von Mubaraks Stil distanzieren wolle, denn unter dem alten ägyptischen Präsidenten hätte ein Geheimdienstchef mehrere terroristische Attacken – ähnlich der im Sinai – politisch überlebt.

In einer seltenen öffentlichen Stellungnahme hatte Geheimdienstchef Muwafi zuvor erklärt, sein Dienst habe vor einer drohenden Attacke gewarnt. Auch wurden in den vergangenen Tagen Details bekannt, die das ägyptische Militär in ein schlechtes Licht gerückt haben .

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Leserkommentare
  1. bald eine Stimme im Militärclan und hält sien Wahlversprechen.
    Ägypten hat die Power zusammen mit seinen nachbarn für Frieden in der Region zu sorgen - und zwar ausbalancierten Frieden.

  2. "Jetzt hat Mursi, der bis zu seiner Vereidigung vor knapp sechs Wochen noch Mitglied der Muslimbruderschaft war, das Attentat genutzt, um führende Köpfe des Sicherheitsapparats auszutauschen."

    In Geheimdienst und "Sicherheitsapparat" sind sicher noch einige Altlasten aus der Zeit des unseligen Mubarak, ich würde da auch raten, mal kräftig aus zu fegen.

    Die ägyptische Muslimbruderschaft gilt auch längst nicht als so radikal und dogmatisch geleitet wie die syrische Muslimbruderschaft.

  3. Jetzt erntet Ägypten im Sinai, was Mubarak jahrzehntelang gesät hat, weil der NO-Konflikt so praktisch für die Innenpolitik instrumentalisiert werden konnte, solange er auf der anderen Seite der grenze blieb. Die Früchte des Zorns, sozusagen.

    Die ägyptische Armee kann einiges von der IDF lernen, jetzt,wo es für sie auch losgeht...

    Was ich merkwürdig finde, ist, warum noch immer keiner der Foristen die Frage aufgeworfen hat, ob von den 20-30 Toten wirklich alle Terroristen waren. Es war ja kein Terrorcamp, das da aus der Luft (wahrscheinlich) mit Hellfire-Raketen beschossen wurde, sondern ein Dorf. Und in Dörfern leben Familien. Wäre die IDF zu so einem Angriff genötigt gewesen, wäre schon der erste Kommentar im ersten Artikel hetzerischer Natur: Die Verhältnismäßigkeit bezweifelnd, die offizielle Stellungnahme ( die in Israel anscheinend wesentlich glaubwürdiger ausfällt als die ägyptische momentan) als Propaganda verleumndend, die Opfer fast schon kultisch übertrieben betrauernd und auf obskure Seiten verlinkend, vollgepackt mit antisemitischen Verschwörungstheorien und Fotos obszön entstellten Leichen.

  4. Ich verstehe nicht, warum der Mursi einfach nur militärisch zuschlägt, statt mit den arabischen Friedensaktivisten aus Gaza zu verhandeln. Und überhaupt, Peace Now! zwischen Egypten und Gaza!

  5. http://orf.at/stories/2134905/

    kein Aufschrei im Westen.

    Assad benützt die gleichen Waffen - der Westen: er ist ein Kriegsverbrecher.

    Woran könnte dieser Unterschied nur liegen?????

  6. ....ziviler Staat an dessen Spitze ein starker Praesident, der sich durchsetzen kann, der starke Persoenlichkeit besitz und der rhetorisch fast brilliant ist, steht.
    Ich habe gestern seine Rede im grossen Saal der Al-Azhar Universitaet gehoert und war schlecht und einfach begeistert. Der man scheint tatsaechlich das umzusetzen, was er sagt. Endlich ein Politiker nicht im klassischen (herkoemmlichen) Sinne, sondern einer, der ehrlich ist, und wie bereits erwaehnt, einer, der was veraendern will.
    Die militaerische Aktion auf der Halbinsel Sinai, die uebrigens mit sechzigtausend Quadratkilometern drei mal so gross wie hessen ist, soll in erster Linie zeigen, dass es keinen Staat im Staate geben darf und, dass jemenitische, afghanische und gar pakistanische Verhaeltnisse, wo Al-Qaida dort sich ganze Landstriche unter die Naegel gerissen hat, in Aegypten niemals geben darf.
    Der nahe Osten ist sehr dynamisch. Dinge aendern sich, und zwar sehr grundlegend und zum besseren. Die Kroenung dieser Veraenderungen werden wir bald erleben, denn Diktator Assad wackelt ganz gewaltig.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Militär | Muslimbruderschaft | Ägypten | Attentat | Boss
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