Ein Rottweiler sitzt vor dem Glaskasten des Moskauer Bezirksgerichts, in dem die drei Frauen der russischen Punkband Pussy Riot der Öffentlichkeit präsentiert werden. Der Hund knurrt, fletscht die Zähne und bellt manchmal so laut, dass die Verteidigung die Richterin um Unterbrechung der Sitzung bittet – vergebens. Polizisten im Gerichtssaal befördern gelegentlich Zuschauer mit Stiefeltritten aus dem Saal, wenn sie aus dem Fenster schauen, um Protestkundgebungen vor dem Gebäude zu sehen.

Seit einem halben Jahr sitzen Nadeshda Tolokonnikawa (22), Jekaterina Samuzewitsch (29) und Marija Aljochina (24) für ihre Aktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale bereits in Untersuchungshaft. Zwei der Frauen haben kleine Kinder. Sie waren im Februar in bunten Woll-Sturmhauben und Neon-Kleidern vor den Altar gerannt und hatten gerufen "Mutter Gottes, heilige Jungfrau, vertreibe Putin ", "Scheiße, Gottesscheiße". 51 Sekunden hat das alles gedauert.

Heute wurden sie verurteilt : Je zwei Jahre Haft für Rowdytum aus religiösem Hass ist ihre Strafe. Die Staatsanwaltschaft hatte gelegentlich versucht, die Anklage spirituell aufzuheizen: von Satanismus war die Rede gewesen, von Aufstachelung zum religiösen Hass, von moralischem Verfall. Der Anführer einer orthodoxen Prozession vor dem Gerichtsurteil hatte gesagt: "Wir zerfetzen sie, und dann verbrennen wir sie, wie im Mittelalter."

Aufstand gegen den Zynismus

Etwas an den Dreien rührt die Welt an. Wir haben eigentlich keine Helden mehr; das Wort ist verbrannt nach zu vielen militärischen Grausamkeiten, für die Epauletten und Standbilder vergeben wurden. Aber diese drei sind welche: moderne Heldinnen.

Doch Heldinnen, das wollten sie keineswegs sein. Die wollenen Sturmhauben sollten nicht nur Schutz bieten vor den Überwachungskameras, sie sollten auch die Individuen verschwinden lassen. Als die drei Riot Girls in die Kirche stürmten, rechneten sie auch nicht damit, dass dieser Streich sie Jahre ihres Lebens kosten würde – 1.500 Rubel Strafe, 40 Euro, das war das Höchste ihrer Befürchtungen.

Und trotzdem war das, was sie getan haben, heldenhaft. Es war ein Aufstand gegen den Zynismus, der vielleicht ansteckendsten Krankheit nicht nur der russischen Gegenwart. Exakt 35 Jahre nachdem die Sex Pistols wegen "God Save the Queen" verhaftet wurden, zeigt Punk noch einmal, was in ihm steckt: "Wir sind freier als die Staatsanwaltschaft", konnten die Frauen sagen.