Pussy RiotModerne Heldinnen erheben sich gegen russischen Zynismus

Ihre Revolte war naiv, doch der Protest von Pussy Riot war nicht gegen die Religion gerichtet. Die Frauen sind enttäuscht von Kirche und Staat in Russland. von 

Die Mitglieder der Band Pussy Riot vor Gericht in Moskau: Nadeshda Tolokonnikawa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch

Die Mitglieder der Band Pussy Riot vor Gericht in Moskau: Nadeshda Tolokonnikawa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch  |  © Natalia Kolesnikowa/AFP/Getty Images

Ein Rottweiler sitzt vor dem Glaskasten des Moskauer Bezirksgerichts, in dem die drei Frauen der russischen Punkband Pussy Riot der Öffentlichkeit präsentiert werden. Der Hund knurrt, fletscht die Zähne und bellt manchmal so laut, dass die Verteidigung die Richterin um Unterbrechung der Sitzung bittet – vergebens. Polizisten im Gerichtssaal befördern gelegentlich Zuschauer mit Stiefeltritten aus dem Saal, wenn sie aus dem Fenster schauen, um Protestkundgebungen vor dem Gebäude zu sehen.

Seit einem halben Jahr sitzen Nadeshda Tolokonnikawa (22), Jekaterina Samuzewitsch (29) und Marija Aljochina (24) für ihre Aktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale bereits in Untersuchungshaft. Zwei der Frauen haben kleine Kinder. Sie waren im Februar in bunten Woll-Sturmhauben und Neon-Kleidern vor den Altar gerannt und hatten gerufen "Mutter Gottes, heilige Jungfrau, vertreibe Putin ", "Scheiße, Gottesscheiße". 51 Sekunden hat das alles gedauert.

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Heute wurden sie verurteilt : Je zwei Jahre Haft für Rowdytum aus religiösem Hass ist ihre Strafe. Die Staatsanwaltschaft hatte gelegentlich versucht, die Anklage spirituell aufzuheizen: von Satanismus war die Rede gewesen, von Aufstachelung zum religiösen Hass, von moralischem Verfall. Der Anführer einer orthodoxen Prozession vor dem Gerichtsurteil hatte gesagt: "Wir zerfetzen sie, und dann verbrennen wir sie, wie im Mittelalter."

Aufstand gegen den Zynismus

Etwas an den Dreien rührt die Welt an. Wir haben eigentlich keine Helden mehr; das Wort ist verbrannt nach zu vielen militärischen Grausamkeiten, für die Epauletten und Standbilder vergeben wurden. Aber diese drei sind welche: moderne Heldinnen.

Doch Heldinnen, das wollten sie keineswegs sein. Die wollenen Sturmhauben sollten nicht nur Schutz bieten vor den Überwachungskameras, sie sollten auch die Individuen verschwinden lassen. Als die drei Riot Girls in die Kirche stürmten, rechneten sie auch nicht damit, dass dieser Streich sie Jahre ihres Lebens kosten würde – 1.500 Rubel Strafe, 40 Euro, das war das Höchste ihrer Befürchtungen.

Und trotzdem war das, was sie getan haben, heldenhaft. Es war ein Aufstand gegen den Zynismus, der vielleicht ansteckendsten Krankheit nicht nur der russischen Gegenwart. Exakt 35 Jahre nachdem die Sex Pistols wegen "God Save the Queen" verhaftet wurden, zeigt Punk noch einmal, was in ihm steckt: "Wir sind freier als die Staatsanwaltschaft", konnten die Frauen sagen.

Leserkommentare
  1. wie die Medien stetig zu den größtem Superlativen zeigen, um events zu feiern, über die morgen keiner mehr spricht.
    Bzgl. pussy riot fällt in Russland der Aufruhr völlig aus, da kann der Westen hysterisch hoch und runter hüpfen.

    Eine Leserempfehlung
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    ... war zu seiner Zeit in seiner Heimat auch nicht sonderlich beliebt oder beachtet. Den Friedensnobelpreis hat er trotzdem erhalten.

    Akzeptanz im Heimatland ist nicht unbedingt ein Zeichen der Bedeutung, die Aktivisten besitzen.

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich differenziert und sachlich mit dem Artikelthema auseinander. Die Redaktion/mak

    • ribera
    • 18. August 2012 0:06 Uhr

    Aber Position beziehen sollte schon sein.
    Und da ist es schon interessant, das Verhalten der deutschen Politik in diesem fall zu beobachten.
    Klar, dass Merkel mit Rücksicht auf die Beziehungen zu Russland sich nur verhalten äußert.
    Aber was ist mit der SPD? Die muss doch derzeit deutlich weniger Rücksicht nehmen.
    Oder hält man die Füße still, weil Putin als "lupenreiner Demokrat" durch die SPD geadelt wurde? Denn Schröder war SPD und SPD war Schröder.

    ... doch mal 2 Jahre in ein russisches Straflager. Danach wird Ihnen das Lachen vergangen sein.

  2. Welches Strafmaß wäre angemessen? Zwei Jahre sind ordentlich.
    Ich denke 3 Monate hätten genügt, 1 halbes Jahr wäre sehr nachdrücklich gewesen aber 2 ganze Jahre??

    Diese Urteil soll ein abschreckendes Beispiel darstellen für alle die Gesetzt brechen, insofern verhindert es vielleicht viele weiter Trittbrettfahrer und Nahchamer eiin ähnliches Schicksal.

    [...]

    Gekürzt. Verzichten Sie auf überaus polemische und unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    • TomFynn
    • 17. August 2012 20:00 Uhr

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierteren Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    Ja, wenn die "Heldinnen" wegen schlechten Geschmacks und Peinlichkeit vor Gericht gestanden hätten, dann wären sie mit 2 Jahren Straflager einigermaßen gut bedient, denn so eine piefige Darbietung ist für den Betrachter eine Zumutung und grenzt an Körperverletzung.

    http://www.youtube.com/wa...

    Weil aber das nicht Gegenstand der Anklage war, halte ich zwei Jahre Straflager für ziemlich hoch, denn ein Verbrechen war dieser ärmliche Quatsch eigentlich nicht.

    Andererseits, so was in einer Kirche muss ja nicht sein.

    Kriegen wir jetzt in Zukunft mindestens einmal im Monat irgendwelche durchgeknallten Frauen präsentiert, die sich durch dämliche, geschmacklose Protestaktionen profilieren wollen - siehe auch "femen" in der Ukraine?

    Und das immer mit medialer Hysterie garniert? *seufz*

    • Zack34
    • 17. August 2012 19:54 Uhr
    3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  3. ... war zu seiner Zeit in seiner Heimat auch nicht sonderlich beliebt oder beachtet. Den Friedensnobelpreis hat er trotzdem erhalten.

    Akzeptanz im Heimatland ist nicht unbedingt ein Zeichen der Bedeutung, die Aktivisten besitzen.

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    gehören gut erkennbar zum Hoch- und Runterhüpfen des Westens, das kein objektives Kriterium darstellt für eine Leistung.

    beweist schon einen erstaunlichen Realitätsverlust.

    Aber seien Sie beruhigt, ich sehe die Mädels als hohe Favoriten für den nächsten Friedensnobelpreis.

    Eine logische Fortsetzung der Vergabepraxis der letzten Jahre.

    • Zack34
    • 17. August 2012 19:59 Uhr
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    ... es ernst macht mit Feinden des Landes und solchen, die die Moral und Integrität grundlos in Frage stellen und somit Feind und Verderb Tür und Tor öffnen."

    das genau ist des Pudels Kern.

    • TomFynn
    • 17. August 2012 20:00 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierteren Kommentarstil. Die Redaktion/mak

  4. 7. [...]

    Entfernt. Bemühen Sie sich um einen sachlichere Kommentarstil. Die Redaktion/mak

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    • Zack34
    • 17. August 2012 20:01 Uhr

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    wie viele hier so beflissentlich ignorieren keinen Auslieferungsantrag gestellt haben. Also kann Assange diesbezüglich auch nichts drohen. Das ist nunmal Fakt.

    Ich denke die russische Staatsanwaltschaft macht sich mit diesem Verfahren selbst lächerlich. Man müsste sich nur einmal fragen, inwiefern die Band, bzw. ihr Protest ohne die Überreaktion der russichen Staatsmacht, überhaupt ausfgefallen wäre. 2 Jahre für Vandalismus? Hat man denn auch etwas beschädigt außer das übergroße Ego eines Politikers?
    In diesem Sinne.

    • Zack34
    • 17. August 2012 20:01 Uhr
    8. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "[...]"
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    ...gebe ich max. fünf Minuten Lebensdauer.

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