Die zerstörte Sidi-Shaab-Moschee in Tripolis. © MAHMUD TURKIA/AFP/GettyImages

Die Täter kamen am helllichten Tag. Mitten im Zentrum der libyschen Hauptstadt Tripolis bohrte ihr Bulldozer seine Schaufelzähne in das weiße Gebäude an der Corniche, direkt unterhalb des Radisson Blu Hotels. Verzweifelt versuchte der Imam, die Angreifer aufzuhalten. Die beschimpften ihn als Häretiker und verprügelten ihn. Seitdem ist der Gottesmann spurlos verschwunden.

Die Polizei stand untätig dabei, sperrte mit ihren Einsatzwagen sogar bereitwillig die Zufahrtsstraße ab, während die bärtigen Vandalen Flugblätter ihres saudischen Scheichs an die Schaulustigen verteilten. Erst als mehrere Dutzend aufgebrachter Bürger aus der Nachbarschaft herbeieilten, darunter zahlreiche Frauen, schritten die Ordnungskräfte ein. "Wir wollen nicht von einer Diktatur zur nächsten gehen", riefen die Demonstranten und " Libyen ist nicht Afghanistan ". Doch da war die Sidi-Shaab-Moschee nur noch eine Ruine und die beiden Kupfer gedeckten Dachkuppeln krachend zu Boden gegangen.

Tags zuvor hatten die Islamisten bereits die große Sufi-Moschee im 160 Kilometer entfernten Zintan demoliert. Ein Sprengsatz brachte das Zentralgewölbe zum Einsturz. Das Minarett ist übersät mit großkalibrigen Einschusslöchern. Wertvolle Ornamentkacheln liegen zerschlagen im Dreck, die Bibliothek mit ihren seltenen Manuskripten brannte völlig nieder. Das Innere des Gotteshauses, wo der Sufi-Gelehrte Abdel Salam al-Asmar aus dem 15. Jahrhundert verehrt wird, ist mit Trümmern bedeckt, das Grabmal mit Presslufthämmern geschändet.

In Libyen und Tunesien formiert sich Widerstand

Libyen erlebte damit am vergangenen Wochenende seinen bisher schwersten Ausbruch salafistischer Gewalt – eine Erfahrung, die zuvor bereits die Nachbarn Tunesien , Ägypten und Mali machen mussten. Die Ultrakonservativen , die ihre religiösen und ideologischen Wurzeln in Staaten wie Saudi-Arabien und Katar haben, vertreten eine strikte, puritanische Variante des Islam. Totenkult lehnen sie ab. Die Verehrung von Gräbern populärer Vorfahren ist für sie unislamisch, weil Vielgötterei. Unter Herrschern wie Ben Ali, Muammar al-Gaddafi und Hosni Mubarak spielten Salafisten praktisch keine Rolle. Umso brachialer machen sie jetzt in den post-revolutionären Gesellschaften von sich reden.

In Ägypten attackierten die gottgewissen Zeloten mehr als drei Dutzend Sufi-Heiligtümer, die meisten in Alexandria. In Mali zerstörten Al-Kaida-Kommandos jahrhundertealte Gebetsstätten in der Stadt Timbuktu. Und Tunesien erlebt nach den schweren Unruhen im Juni mit einem Toten und über hundert Verletzten im Augenblick eine zweite Welle salafistischer Gewalt. Mit Schwertern überfielen die Eiferer das Theaterfestival in der Hafenstadt Bizerte und verletzten fünf Besucher. In Kairouan sprengten sie den Auftritt einer iranischen Gruppe beim Festival der Sufi-Musik, zwei andere Festivals waren zuvor auf Druck der Salafisten ganz abgesagt worden. Und in Tunis hinderten sie den bekannten Schauspieler Lotfi Abdelli mit lauten Dauergebeten im Auditorium an seiner Satire-Show.

Doch nicht nur in Tunesien, auch in Libyen formiert sich Widerstand gegen die Rowdys im Namen Allahs. Libyens Übergangspräsident Muhammed al-Magarief verurteilte die Verwüstungen mit scharfen Worten. Solche Akte seien inakzeptabel, sagte er. Besonders bedauerlich und verdächtig nannte er es, dass auch Mitglieder der Sicherheitskräfte und ehemalige Rebellen an den Aktionen beteiligt gewesen seien. "Die Zerstörung von Gräbern und Moscheen ist ein Verbrechen. Jeder, der so etwas tut, wird zur Verantwortung gezogen", twitterte Vize-Regierungschef Mustafa Abushagur. Er selbst habe während der Übergriffe versucht, Innenministerium und Verteidigungsministerium zu alarmieren – ohne Erfolg.

Und libysche Bürgerinitiativen melden sich nach dem Schock vom Wochenende mit einem offenen Brief an die 200 neu gewählten Abgeordneten des Nationalkongresses zu Wort und forderten sie auf, "das nationale Kulturerbe vor diesen Kriminellen zu schützen". Innenminister Fawzi Abd al-Aal ist inzwischen zurückgetreten. Und der Bürgermeister von Tripolis ließ erklären, alle Museen der Hauptstadt bleiben bis auf Weiteres geschlossen.