MedienkritikBillig lästern über Saudi-Arabien

Unterdrückte Frauen, radikale Geistliche, Peitschenhiebe – das interessiert das Publikum immer. Saudi-Arabien ist der perfekte Lückenfüller fürs Sommerloch, meint S. Doetzer. von Stephanie Doetzer

Saudisches Ehepaar in der Hauptstadt Riad

Saudisches Ehepaar in der Hauptstadt Riad  |  © Fayez Nureldine/AFP/Getty Images

Was wären die deutschen Redaktionen ohne Saudi-Arabien! Für Panorama-Seiten, fürs Bunte und Vermischte sind die Saudis immer zu haben. Hingucker, Lückenfüller, Rausschmeißer am Ende der Radiosendung – keiner liefert dafür so gezielt Inspiration wie der Großmufti von Riad, die Prinzen der Königsfamilie oder irgendein anonymer Kleriker.

Im Sommerloch, in sonstigen Flauten und kreativen Pausen, braucht der deutsche Journalist einen saudischen Sittenwächter, der haarsträubende Sachen sagt. Zum Glück gibt es davon einige.

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Eine kleine Auswahl aus der jüngeren Vergangenheit: Wenn Frauen sich mit einem Mann in einem Zimmer aufhalten, mit dem sie nicht verwandt sind, empfiehlt Scheich Al-Obeikan das Trinken ihrer Muttermilch, um eine Verwandtschaftsbeziehung herzustellen. Sein Kollege Scheich Al-Habdan wiederum plädiert für einen einäugigen Gesichtsschleier zur Eindämmung von Augen-Make-up. Schließlich mein Favorit: Dürften Frauen den Führerschein machen, gäbe es in Saudi-Arabien bald keine Jungfrauen mehr – so sprach im vergangenen Dezember ein ehemaliger Universitätsprofessor namens Kamal Subhi.

Das Gute an all diesen Geschichten: Mit nichts stellt man so schnell einem gesamtdeutschen gesellschaftlichen Konsens her. Über alle politischen und ideologischen Barrieren hinweg ist man sich einig: Die Saudis, die haben einen Schuss.

Genauer hinschauen

Damit man mich nicht falsch versteht: Wenn jemand solche Sachen sagt, darf man sich darüber auch lustig machen. Schön wäre allerdings, würde man die Geschichten vorher ein wenig recherchieren. Über die Sache mit der Muttermilch beispielsweise haben sich die Saudis selbst am meisten aufgeregt. Und der einäugige Gesichtsschleier ward auch in Riad bisher nicht gesehen.

Aber egal, deutsche Redaktionen sind von Saudi Arabien weiter fasziniert: "Saudi-Arabien baut erste Stadt nur für Frauen" titelte die Bild-Zeitung Mitte August, es sollen "einem Pressebericht zufolge nun ganze Städte ausschließlich für weibliche Berufstätige entstehen" schreibt Spiegel Online. Die Leser wittern einen neuen Vorstoß der Hardliner – und stellen sich eine Stadt vor mit allem, was dazugehört: Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser. Einer fragt sich zu Recht in der Kommentarspalte, was denn mit den männlichen Babys geschähe, die in so einer Stadt geboren würden.

Nicht gesagt wird dabei, dass das Wort "Stadt" bloß eine vorschnelle Übersetzung aus dem Englischen ist – denn von der britischen Presse schreiben deutsche Journalisten solche Geschichten gewöhnlich ab. Es geht um sogenannte "industrial cities", die es in den Golfstaaten zuhauf gibt. Und "industrial city" bedeutet dort: ein größeres Betriebsgelände, umgeben von einem Zaun, zu dem man nur mit Ausweis Zugang hat.

Das ist kein besonders spannender Kontext, aber eben ein wenig Hintergrund, den es braucht, um die Geschichte verstehen zu können. Und sei es nur, um zu sehen, dass da keine große Geschichte ist.

Doch darum scheint es nicht zu gehen, denn journalistisch haben die Nachrichten aus Saudi-Arabien fast alle etwas gemeinsam: Sie sind sehr leicht zu erzählen. Sie werden über die Agenturen frei Haus geliefert, man muss nur noch ein bisschen umformulieren, damit nicht überall das Gleiche steht. Man muss kein Visum beantragen und keinen Mitarbeiter hinschicken, der O-Töne sammelt und Interviews führt, womöglich mit real existierenden Saudis, die dazu eine Meinung haben.

Saudi-Arabien ist unendlich praktisch: Man spart Geld und sorgt gleichzeitig für ein Wir-Gefühl, das es außerhalb vom Fußball sonst kaum gibt. Die Anzahl der Tweets und Kommentare scheint zu beweisen: Die Leser mögen so etwas. Am liebsten eine Mischung von Islam und Sex und Frauen und Peitschenhieben. Und wo soll so etwas herkommen, wenn nicht aus Saudi-Arabien.

Warten Sie nur ein paar Wochen, die nächste Geschichte kommt bestimmt. Und sie wird bestens funktionieren: Sie werden den Kopf schütteln, ihrem Gegenüber am Frühstückstisch ein paar Zeilen davon vorlesen und ein prickelndes Gefühl der kulturellen Überlegenheit spüren.

Was, Sie sind nicht so? Also ich schon. Wie gut, denke ich jedes Mal, wenn ich über Saudi-Arabien lese, dass ich so zivilisiert bin, so aufgeklärt und rational. Ab und zu schreibe ich dann selbst so eine Geschichte und verdiene Geld ohne großen Zeitaufwand.

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Leserkommentare
  1. Sehr geehrte Frau Doetzer,

    dieser Einblick in die Geisteswelt Ihrer eigenen Kreise ist überaus aufschlussreich, ich kann mich darin jedoch in keinster Weise wiederfinden. Bitte unterlassen Sie daher die Verwendung von Formulierungen wie "wir" und "man".

    "Die Leser mögen so etwas. Am liebsten eine Mischung von Islam und Sex und Frauen und Peitschenhieben."

    Auch das gilt vielleicht für Sie, aber für niemanden, den ich kenne. BITTE BELEGEN SIE IHRE BEHAUPTUNGEN MIT TATSACHEN!

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    • lando
    • 28. August 2012 8:42 Uhr

    Wenn ich Ihren Kommentar so lese, dann scheint mir das eher so, als ob Sie auf Abwehrhaltung gehen. Was übrigens der allgemeine Ton hier im Forum ist.

    Ich glaube man sollte sich den Artikel erstmal richtig durchlesen, bevor man sich so echauffiert.

    Danke, Frau Doetzer für diesen sehr guten Artikel, dessen Sarkasmus bei den meisten Lesern nur bedingt ankommt.
    Aber ist ja nicht verwunderlich, wer hört schon gerne, wenn ihm seine eigene Überheblichkeit um die Ohren gehauen wird (...ein prickelndes Gefühl der kulturellen Überlegenheit spüren...)....

    „"Die Leser mögen so etwas. Am liebsten eine Mischung von Islam und Sex und Frauen und Peitschenhieben."
    Auch das gilt vielleicht für Sie, aber für niemanden, den ich kenne. BITTE BELEGEN SIE IHRE BEHAUPTUNGEN MIT TATSACHEN!“

    Naja, wenn es eines Belegs bedurft hätte, wäre er - außer durch Ihren „gebrüllten“ Kommentar - durch die hohe Anzahl an Kommentaren zum Artikel und Empfehlungen Ihres Kommentars wohl mehr als erbracht, oder? ;)
    Wie Ihnen jeder Journalist bzw. IT-Mitarbeiter einer Zeitung wird bestätigen können, finden Berichte über diese Themen immer eine große Resonanz...

  2. "Als einzige deutsche Journalistin arbeitet Stephanie Doetzer beim arabischen Fernsehsender Al Jazeera in Katar. Wegen der strengen Einreisebestimmungen konnte sie zwar selber noch nicht nach Saudi-Arabien reisen, kennt aber die Situation der Frauen in anderen Golfstaaten." http://wissen.dradio.de/g...

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    • zappp
    • 28. August 2012 7:26 Uhr

    Erinnert an den TV Sketch, in dem der Korrospondent stets aus einem weit entfernten "Nachbar-" Land über Unruhen oder Naturkatastrophen in Lampukistan berichtet. Scheinbare Authenzität.

    Mag sein, dass man sich an bestimmte Dinge gewöhnt, viele Bürger Regeln umgehen, ohne Regeln die saudischen Männer tatsächlich ständig Frauen vergewaltigen würden.

    Unterm Strich ist es aber trotzdem eine vollständig schräge Gesellschaftsordnung, vor der man den Rest der Welt bewahren sollte.

  3. ausgerechnet die Wahhabiten verteidigen zu müssen - Frau Merkel als ehemalige FDJ-Propaganda-Sekretärin wirds Ihnen nachfühlen können...

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    • topjob
    • 27. August 2012 20:04 Uhr

    Ihr Vergleich verrät eine erschreckende Unkenntnis der ostdeutschen Geschichte und politischen Strukturen.

    Aber für Propaganda braucht man eben kein Wissen, da tun's auch Stereotype und Vorurteile.

  4. wird seit einigen Jahrzehenten von dem Familien-Clan Al Saud beherrscht und seine Menschen unterdrückt. Englands Königshaus sthet hinter den Sauds. Wird Zeit, dass diese Familiendiktatur, die alles darf und dem arabischen Volk nix zugesteht aufgerieben und zerbröselt wird und die Menschen dort endlich ein gesundes Maß Selbstbestimmung erhalten.

    Auch wenn die USA daran kein Interesse haben und es den Engländern gegen den Strich geht und Deutschland das Land mit schweren Waffen in Massen vollpumpt werden sich doch am Ende die Demonstrationen durchsetzen.

    Schade egentlich, dass diese Land soviel Öl hat, sonst hätten die menschen dort vielleicht sogar eine Chance auf Demokratie und Menschenrechte. Aber die können ja warten bis die Vorkommen ausgeprest und in er Profit auf den Konten der Sauds ist.

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    neben dem Öko-Aspekt ist das was Sie nennen, ein Grund mehr, Erdöl und Erdölprodukte zu meiden. Elektroautos müssen unterstützt werden, wir sollten entsprechend politisch wählen. Auch sollten wir Plastik vermehrt meiden. Die Industrie kennt Alternativen zum Plastik. Es gibt so viel unnötigen Verpackungsmüll. Auch das muss politisch abgearbeitet werden. Am Ende steht da also ein Bürger Deutschlands der mit seiner politischen als auch mit seiner Konsumwahl mitbestimmen kann, welche Menschen auf der Welt das sagen haben.

  5. Zitat Frau Dötzer: " Dabei habe ich es als kleine braunhaarige Frau garantiert leichter, als es ein großer blonder Mann hier hätte. Ihm würde in manchen Ländern sofort unterstellt, für einen Geheimdienst zu arbeiten. Frauen in Katar direkt ansprechen dürfte er auch nicht. Ich schon."

    Interessant, wie man gegen "westliche Vorurteile" ankämpfen kann und diese dabei - leider, leider - doch komplett bestätigen muss, weil sie halt stimmen.

  6. Sie unterstellen mit ihrer Wortwahl im Grunde genommen jedem, der sich an der Missachtung von Menschen- und speziell Frauenrechten stört, sich daran sexuell erregen zu wollen.

    Wie tief muss man eigentlich sinken, um zu solchen Unterstellungen zu greifen?

    FYI: Habe beruflich mit Saudi-Arabien zu tun.

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    In der Schule hätte es für diesen interessanten Deutungsansatz sicher eine 2 aus dem Stand gegeben. Mit sprachlich feinerer Formulierung gar eine 1.

    Die Autoring schrieb, dass die Kombination aus Islam, Sex und Frauen für die [Anm.: "viele"] Leser interessant sind. Weil da unser Klischeebild sagt, dass es bei dieser Themenkombination ordentliches Spannungs- und Popcornpotential gibt. Die Kombination sorgt für sichere Aufreger und billige Empörung. Und da hat die Autorin ja leider Recht. Woran natürlich beide Seiten schuld sind: Ertens wir, weil wir unsere Klischees und Stereotype bestätigt sehen wollen und gern selektiv wahrnehmen. Andererseits Saudi-Arabien oder allgemein die vielen religiösen Spinner, die dann eben genau solchen Aufregerstoff liefern.

    Ich wäre in dem Zusammenhang ja für eine Kolumne über die lustigsten, absurdesten und unmöglichsten Einlassungen religiöser Spinner jedweder Couleur. Da bekämen dann alle ihr Fett weg: Die Christen, die Juden, die Moslems, die Hindus, die Buddhisten, die Sikh, die wasweißich. Jeder darf mal. Da würde einem ziemlich schnell klar werden, dass es solche Spinner überall gibt. Wäre ausgewogene Berichterstattung auf leicht verdaulichem Niveau.

  7. Ein Kolleg von mir ist Inder und erzählte mir folgende Geschichte:

    "ich ging meinem Vater in Riad besuchen,weil er dort eine kleine Baufirma hat.Ich tue es nur ihm zu Liebe...stell dir vor:Wenn du eine Frau nur ansprichst,die nicht eine Verwandte von dir ist,dann kommt die Moralpolizei und steckt dich ein halbes Jahr im Gefängnis".

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    Ist das nicht der Wunschtraum der durchschnittlichen deutschen Frau?

    Da war ich vor zwei Monaten. Kundenbesuch, Restaurant & Hotelzimmer. Das war alles was ich gesehen habe. (Und die Landschaft vom Flughafen bis zur Innenstadt). Mehr kann man dort auch nicht unternehmen. Eine Frau in Saudi Arabien anzusprechen käme mir weder in den Sinn, noch würde es Sinn machen... Andere Länder, andere Sitten.

  8. und widerlegen sie nicht. Anscheinend stimmen die alle oder was? Verstehe den Sinn des Arikels nicht.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Spekulationen. Danke, die Redaktion/au.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Spekulationen. Danke, die Redaktion/au.

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