Was wären die deutschen Redaktionen ohne Saudi-Arabien! Für Panorama-Seiten, fürs Bunte und Vermischte sind die Saudis immer zu haben. Hingucker, Lückenfüller, Rausschmeißer am Ende der Radiosendung – keiner liefert dafür so gezielt Inspiration wie der Großmufti von Riad, die Prinzen der Königsfamilie oder irgendein anonymer Kleriker.

Im Sommerloch, in sonstigen Flauten und kreativen Pausen, braucht der deutsche Journalist einen saudischen Sittenwächter, der haarsträubende Sachen sagt. Zum Glück gibt es davon einige.

Eine kleine Auswahl aus der jüngeren Vergangenheit: Wenn Frauen sich mit einem Mann in einem Zimmer aufhalten, mit dem sie nicht verwandt sind, empfiehlt Scheich Al-Obeikan das Trinken ihrer Muttermilch, um eine Verwandtschaftsbeziehung herzustellen. Sein Kollege Scheich Al-Habdan wiederum plädiert für einen einäugigen Gesichtsschleier zur Eindämmung von Augen-Make-up. Schließlich mein Favorit: Dürften Frauen den Führerschein machen, gäbe es in Saudi-Arabien bald keine Jungfrauen mehr – so sprach im vergangenen Dezember ein ehemaliger Universitätsprofessor namens Kamal Subhi.

Das Gute an all diesen Geschichten: Mit nichts stellt man so schnell einem gesamtdeutschen gesellschaftlichen Konsens her. Über alle politischen und ideologischen Barrieren hinweg ist man sich einig: Die Saudis, die haben einen Schuss.

Genauer hinschauen

Damit man mich nicht falsch versteht: Wenn jemand solche Sachen sagt, darf man sich darüber auch lustig machen. Schön wäre allerdings, würde man die Geschichten vorher ein wenig recherchieren. Über die Sache mit der Muttermilch beispielsweise haben sich die Saudis selbst am meisten aufgeregt. Und der einäugige Gesichtsschleier ward auch in Riad bisher nicht gesehen.

Aber egal, deutsche Redaktionen sind von Saudi Arabien weiter fasziniert: "Saudi-Arabien baut erste Stadt nur für Frauen" titelte die Bild-Zeitung Mitte August, es sollen "einem Pressebericht zufolge nun ganze Städte ausschließlich für weibliche Berufstätige entstehen" schreibt Spiegel Online. Die Leser wittern einen neuen Vorstoß der Hardliner – und stellen sich eine Stadt vor mit allem, was dazugehört: Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser. Einer fragt sich zu Recht in der Kommentarspalte, was denn mit den männlichen Babys geschähe, die in so einer Stadt geboren würden.

Nicht gesagt wird dabei, dass das Wort "Stadt" bloß eine vorschnelle Übersetzung aus dem Englischen ist – denn von der britischen Presse schreiben deutsche Journalisten solche Geschichten gewöhnlich ab. Es geht um sogenannte "industrial cities", die es in den Golfstaaten zuhauf gibt. Und "industrial city" bedeutet dort: ein größeres Betriebsgelände, umgeben von einem Zaun, zu dem man nur mit Ausweis Zugang hat.

Wir-Gefühl wie sonst nur beim Fußball

Das ist kein besonders spannender Kontext, aber eben ein wenig Hintergrund, den es braucht, um die Geschichte verstehen zu können. Und sei es nur, um zu sehen, dass da keine große Geschichte ist.

Doch darum scheint es nicht zu gehen, denn journalistisch haben die Nachrichten aus Saudi-Arabien fast alle etwas gemeinsam: Sie sind sehr leicht zu erzählen. Sie werden über die Agenturen frei Haus geliefert, man muss nur noch ein bisschen umformulieren, damit nicht überall das Gleiche steht. Man muss kein Visum beantragen und keinen Mitarbeiter hinschicken, der O-Töne sammelt und Interviews führt, womöglich mit real existierenden Saudis, die dazu eine Meinung haben.

Saudi-Arabien ist unendlich praktisch: Man spart Geld und sorgt gleichzeitig für ein Wir-Gefühl, das es außerhalb vom Fußball sonst kaum gibt. Die Anzahl der Tweets und Kommentare scheint zu beweisen: Die Leser mögen so etwas. Am liebsten eine Mischung von Islam und Sex und Frauen und Peitschenhieben. Und wo soll so etwas herkommen, wenn nicht aus Saudi-Arabien.

Warten Sie nur ein paar Wochen, die nächste Geschichte kommt bestimmt. Und sie wird bestens funktionieren: Sie werden den Kopf schütteln, ihrem Gegenüber am Frühstückstisch ein paar Zeilen davon vorlesen und ein prickelndes Gefühl der kulturellen Überlegenheit spüren.

Was, Sie sind nicht so? Also ich schon. Wie gut, denke ich jedes Mal, wenn ich über Saudi-Arabien lese, dass ich so zivilisiert bin, so aufgeklärt und rational. Ab und zu schreibe ich dann selbst so eine Geschichte und verdiene Geld ohne großen Zeitaufwand.