BürgerkriegAssads letzte Tage können noch Jahre dauern

Die syrische Bloggerin Jasmine Roman schreibt über den Krieg in ihrem Land, der ein konfessioneller geworden ist. Und der auch nach dem Sturz Assads andauern könnte. von Jasmine Roman

Damaskus

In einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus, 21. Juli  |  © Reuters

Die Lage in Syrien ist unübersichtlich. So unübersichtlich, dass es beinahe unmöglich erscheint, Wege zu finden, um dem Töten und der Gewalt ein Ende zu setzen. Die syrische Krise ist festgefahren, und angesichts des andauernden Konflikts nehmen Brutalität und Gräueltaten immer grauenhaftere Formen an. Ein fruchtbarer Boden für noch mehr Unterdrückung, Vergeltung, Radikalisierung und Rechtlosigkeit.

Die Autorin

Jasmine Roman ist das Pseudonym einer jungen syrischen Journalistin und Bloggerin. Sie schreibt aus Damaskus. Ihr Beitrag ist Teil einer Reihe über die neuen Akteure in den Transformationsstaaten der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.

Die regionale und internationale Unterstützung für die einzelnen Konfliktparteien hat das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld verändert. Sie hat die Fragmentierung des Rebellenlagers befördert und radikalen Islamisten Auftrieb gegeben. In letzter Zeit wurde häufig über eine Unterwanderung der syrischen Revolution durch Al-Kaida und über zunehmende Umtriebe des Terrornetzwerks in Syrien berichtet. Es gibt sie – das ist nicht zu leugnen. Doch alles in allem sollte man die Präsenz von Al-Kaida nicht überbewerten.

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Die politische Opposition ebenso wie die friedlichen Demonstranten und die Freie Syrische Armee haben sich in aller Deutlichkeit und Schärfe gegen Al-Kaida gewandt. Aus ihrer Sicht ist die Präsenz der Terrororganisation eine reale Bedrohung für die Revolution. Denn am Ende spielen übertriebene Diskussionen über die Präsenz von Al-Kaida in Syrien dem Regime in die Hände: Sie untermauern dessen Behauptung, dass es kämpfende Islamisten und terroristische Gruppen sind, die die staatliche Ordnung bedrohen. Auch wenn die Sorge vor einem Erstarken des Terrornetzwerks in Syrien berechtigt ist, lässt sich seine tatsächliche Stärke im Land nur sehr schwer einschätzen.

Politische und diplomatische Mittel sind ausgeschöpft

Inmitten all der Zerstörung und der verzweifelten Versuche, Assad zu stürzen, könnte jedoch der Einfluss der Dschihadisten zunehmen. Ein willkommener Vorwand für das Regime, noch mehr Gräueltaten zu begehen und sein eigenes Überleben durch ein weiteres unerhörtes Massaker zu sichern.

Die politischen und diplomatischen Mittel sind ausgeschöpft. Sie haben nicht nur in einen Teufelskreis geführt, sondern auch im ganzen Land eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Nach jüngsten Angaben gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass zehn Millionen Syrer von dem Konflikt betroffen sind und bis zu 1,5 Millionen Menschen dringend jedwede Form humanitärer Unterstützung benötigen. In den Nachbarländern sind bereits rund 124.000 syrische Flüchtlinge registriert, eine Million Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben. Unabhängig davon, ob Assad gestürzt wird oder an der Macht bleibt: Das Leiden der Menschen kann ebenso wenig beziffert werden wie die finanziellen Kosten für den Wiederaufbau des Landes und die Rückkehr zum Vorkriegsniveau.

Leserkommentare
  1. der es so ziemlich auf den Punkt bringt wie die Lage in Syrien ist. Solange sich kein friedlicher Verhandlungsweg abzeichnet wird sich wohl leider nicht viel ändern und die Unterstützung des Westens führte zugegeben schon zu einer zusätzlichen Radikalisierung was nicht im sinne des Erfinders sein kann.
    Normal bräuchte es schnell einen Nachfolger von Kofi Annan der auch den willen besitzt eine Befriedung des Landes umzusetzen und die nötige Unterstützung von allen Seiten erhält.

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    da der Artikel die Lage umfassend darstellt. Natürlich stellt sich die Lage leider sehr negativ dar.

    • joG
    • 15. August 2012 16:30 Uhr

    ...und es wäre alles vorbei, hätte man nicht so zögerlich gehandelt. Da man aber nicht bereit war die Bevölkerung (sowohl Loyalisten als auch Opposition) zu schützen, entwickelte sich ein Bürgerkrieg. Aber das wussten die Zögerer auch an Anfang. Da ist es reine Heuchelei das zu bedauern oder auf andere Schuldige zu deuten.

    noch schneller als befürchtet umsetzen. Dann geht es wohl nicht mehr um Tage oder Jahre des Assad-Regimes, sondern um das WIE des Fort- und Weiterbestehens des gesamten Nahen Ostens und seiner Menschen - und womöglich der ganzen Welt.
    Jedenfalls wird dann nichts mehr so bleiben, wie es bislang war. -Und Deutschland ist aus "Staatsräson" ohne Frage mittenmang dabei:

    "Israel geht von 30-Tage-Krieg gegen Iran aus
    Die Pläne für einen israelischen Präventivschlag gegen Irans Atomanlagen werden immer konkreter. Ein Minister in Tel Aviv erläuterte nun die Konsequenzen, mit denen die Regierung rechne: ein Monat Krieg und 500 tote Israelis..."
    http://www.spiegel.de/pol...

    1."Solange sich kein friedlicher Verhandlungsweg abzeichnet wird sich wohl leider nicht viel ändern und die Unterstützung des Westens führte zugegeben schon zu einer zusätzlichen Radikalisierung was nicht im sinne des Erfinders sein kann."

    Due Ursache dafür liegt unter anderem darin,dass man gerne die Tatschen vergißt,nämlich dass ca 50% der Bevölkerung hinter Assad stehen!Es ist unverantwortlich sich da von außen dermaßen einzumischen.
    Das "übersieht" man im Westen nur zu gerne,ebenso dass die Menschen in Ägypten sich demokratisch für eine strikte Islamisierung entschieden haben.

    "Due Ursache dafür liegt unter anderem darin,dass man gerne die Tatschen vergißt,nämlich dass ca 50% der Bevölkerung hinter Assad stehen" diese aussage ist selbstverständlich falsch deswegen weren auch keine quellen genannt.

    es ist das gleiche jämmerliche schauspiel wie letztes jahr in libyen: da wurde von "70% der libyer stehehn hinter gaddafi" hinausposaunt, was natürlich quatsch war. nac 2 tage flog g. aus tripolis raus. im nachhinein werden die lügen bestätigt.

  2. ... jenseits der oft von westlichen Außenstehenden ausgetauschten Pro- oder Anti-Assad-Argumenten. Es gibt sie also noch, die engagierten aber dennoch bedächtigen, klar analysierenden Stimmen in Syrien, denen im Bürgerkriegsgetöse immer weniger zugehört wird und die dennoch den Wunsch der breiten Bevölkerung jenseits aller Konfessionen zum Ausdruck bringen, dass in Syrien nicht ein Schreckensszenario wahr wird, das Elemente konfessioneller Auseinandersetzungen wie im Libanon, eine ethnische und konfessionelle Selektierung wie im Irak und düstere Folgen einer gescheiterte Militär- und Zivil-Intervention des Westen wie in Afghanistan enthält.

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    • joG
    • 15. August 2012 16:37 Uhr

    ...ausgewogen sind prima, wenn Frieden ist; zumindest oft. Wenn aber Demonstrationen übergehen zu Molotow Coctails werfende Mengen oder diese übergegangen sind zu bewaffnete Gruppen und Einheiten, dann bringt das Nachdenkliche kaum mehr Frieden. Das bekommt man nur noch mit und/oder nach sehr viel Gewalt, Toten und Leid.

    Unsere Leute haben das Töten am Anfang nicht mit überwältigender Macht gestoppt. Nun schöne Worte machen lenkt nur ab von unserem Fehler.

    • Bashu
    • 15. August 2012 16:05 Uhr

    "Am Ende können sich nur die Syrer selbst von den Jahrzehnten der Unterdrückung und Autokratie befreien."

    Ja, aber sie müssen sich nicht nur von der Autokratie befreien, unter der sie Jahrzehnte litten, sondern auch von der, unter der sie die kommenden Jahrzehnte leiden werden.

    Ihr Schlusssatz romantisiert die Geschehnisse in Syrien als Kampf der Unterdrückten gegen das Unrecht. Dabei ist doch erwiesen, dass die Akteure und Profiteure in Washington, Riad, Tehran und Moskau sitzen. Die Syrer sind nur Bauern im Spiel der Spiele.

    Ein etwas betagter aber guter Artikel dazu:
    http://www.independent.co...

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    • Lukan
    • 15. August 2012 18:07 Uhr

    im New Great Game, die sich aufführen wie Tiere.

    http://www.rt.com/news/sy...

  3. die USA oder die sunnitischen Extremisten was die Syrer wünschen. Wäre den Usa daran gelegen gewesen, dann hätte sie Kofi Annans Plan unterstützt anstatt nicht syrische Terroristen zu unterstützen. Um die Bürger in Afghanistan, Irak, Libyen oder Syrien ging es nie. Die Menschenrechtsverletzungen in Saudi Arabien werden ja auch freundlichst geduldet.

  4. ...aber nur, weil man in Den Haag nicht die Todesstrafe verhängt, sondern für die verurteilten Kriegsverbrecher Gefängniszellen anmietet, übrigens nicht in der schlechtesten Lage, wie man hier erfahren kann:

    http://www.stern.de/polit...

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    sie sind wieder da !
    "schön"

    zur Rechenschaft gezogen da die Bevölkerung trotz alledem zu großen Teilen hinter ihm steht. Ziel sollte das auch nicht sein um den Konflikt zu entschärfen bedarf es Vergebung auf beiden seiten. Ein Rücktritt und eine spätere Exillösung wäre sicher eine gute Lösung aber dazu müsste nun auch eine Übergangsregierung gebildet werden und nicht däumchen gedreht und herum bomben von beiden Seiten.

    Saif al Islam würde auch gerne einkehren ins Den Haager Luxushotel. Schliesslich haben ja so ziemlich alle Sprecher der NATO-Interventionsstaaten gefordert er müsse dahin. Jetzt will er das und bettelt darum aber keiner macht Anstalten die Libyer dahingehend unter Druck zu setzen.

    Mir bleiben da nur zwei Erklärungen:
    1. Man will kein offenes Verfahren für ihn in Europa, dass vielleicht schmutzige Details ans Licht bringen könnte.

    2. Man hat keinerlei Einfluss auf die libysche Führung, die man an die Macht gebombt hat.

    vermutlich daran, daß die letzten 60 Jahre US-Aussenpolitik noch abgearbeitet werden müssen.

    die Leute,am Ende der Liste,werden meist nur aussergerichtlich erschossen ...

  5. da der Artikel die Lage umfassend darstellt. Natürlich stellt sich die Lage leider sehr negativ dar.

  6. sie sind wieder da !
    "schön"

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  7. Assad hat uns alle ueber viele Jahre lang in Frieden gelassen. Wenn fanatische Jihadisten in Syrien ans Ruder kommen, dann wird das sicher nicht so bleiben.

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    nur besteht die Opposition zu weiten Teilen nicht aus ihnen und dem sollte man auch durch Verhandlungen gerecht werden.

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  • Schlagworte Bürgerkrieg | Syrien | Extremismus | Flüchtling | Konflikt | Konzentration
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