Türkisches Militär in der südöstlichen Provinz Hakkari, wo es zuletzt zu Kämpfen mit PKK-Milizen gekommen war © AFP/Getty Images

Im Südosten der Türkei rufen sich Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK bereits seit einigen Monaten mit Gewalt ins Gedächtnis zurück. Dass PKK-Kämpfer am Sonntagabend erstmals einen türkischen Parlamentsabgeordneten entführten , der inzwischen wieder freigekommen ist, ist eine weitere Eskalation des jahrzehntelangen kurdisch-türkischen Konflikts. Die jüngsten Vorfälle sind zudem eng verbunden mit Entwicklungen jenseits der Grenze: Der chaotische Bürgerkrieg in Syrien hat die ebenfalls militante syrische Kurdengruppierung PYD gestärkt , die ein Ableger der PKK ist.

In der vergangenen Woche machte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu das syrische Regime für die Eskalation der Gewalt in seinem Land verantwortlich. Dem syrischen Präsidenten Assad warf er vor, kurdische Milizen in der Türkei zu unterstützen und den Konflikt so zu verschärfen. Kurz vor der Entführung des Abgeordneten hatte die türkische Regierung eine groß angelegte Militäroffensive auf PKK-Stützpunkte an den Grenzen zum Irak und zu Syrien beendet, bei der nach ihren Angaben seit Juli mehr als 100 Kämpfer getötet wurden.

Türkische Beobachter glauben, Assad lasse mit Blick auf die Türkei bewusst zu, dass syrische Kurdenmilizen in der Grenzregion vielerorts die Kontrolle übernehmen. Auch sollen Hunderte kurdische Terroristen aus syrischer Haft entlassen worden sein. Beides dürfte eine Reaktion darauf sein, dass die Türkei über ihre Grenzen die Unterstützung der bewaffneten syrischen Opposition ermöglicht.

Erdo ğ an droht bereits mit Militärschlägen

Man kann zugleich davon ausgehen, dass die syrischen Kurden in der Erwartung eines möglichen Zusammenbruchs des Assad-Regimes auf eine autonome Region im Norden des Landes hoffen. Den Waffenbrüdern der PKK dürfte eine solche Entwicklung Auftrieb geben. Ähnlich wie bereits im Nordirak hätten die PKK-Milizen dann auch in Syrien ein Rückzugsgebiet, um ihre Angriffe in der Türkei zu intensivieren – ein Szenario, das die türkische Regierung unbedingt vermeiden will. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdo ğ an hat aus genau diesem Grund bereits gedroht, zur Not militärisch in Syrien einzugreifen .

Scheint der Hintergrund der kurdischen Gewaltakte also klar, so wirft die Wahl des Entführungsopfers Fragen auf. Der sozialdemokratische Politiker Hüseyin Aygün von der stärksten Oppositionspartei CHP ist selbst Kurde und hat sich wiederholt für deren Belange eingesetzt. Er sprach sich etwa für eine Aufarbeitung des letzten großen Kurdenaufstands in der Türkei aus, bei dessen Niederschlagung 1937/38 in der heutigen Provinz Tunceli viele Tausend Kurden getötet wurden. Aygün sitzt für eben diese Region im Parlament; zuvor arbeitete er dort 14 Jahre lang als Anwalt.