Recep Tayyip Erdoğan © Adem Altan/AFP/GettyImages

Die Türkei verbindet mit Syrien mehr, als es der Regierung in Ankara recht sein kann. Ministerpräsident Tayyip Erdoğan kritisiert das Regime in Damaskus harsch für dessen Angriffe auf die syrische Zivilbevölkerung. Unterdessen führt der türkische Premier selbst Krieg im eigenen Land. Im Südosten der Türkei kämpfen türkische Truppen gegen die Milizen der kurdischen Arbeiterpartei PKK.

So berechtigt Erdoğans Kritik am Vorgehen des syrischen Diktators gegen sein Volk ist: der Feldzug der türkischen Armee gegen die kurdischen Kämpfer macht die Türkei sehr angreifbar. Türkische Kommentatoren machen sich Sorgen, ob die seit 73 Jahren unveränderten Grenzen des Landes nicht irgendwann zur Disposition stehen könnten.

Seit vielen Wochen versucht die türkische Armee, ostanatolische Städte und Dörfer von der PKK zurückzuerobern. Die Kämpfer haben sich vor allem in Hakkari und Semdinli eingegraben. Zugleich erschüttert eine unheimliche Terrorserie türkische Städte. Der heftigste Anschlag fand vor einer Woche in der ostanatolischen Großstadt Gaziantep statt.

Nicht weit davon beginnt Syrien. Im Norden des vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes haben kurdische Parteien eine Teil-Autonomie erklärt. Kurdische Flaggen wehen auf syrischen Bürgermeister-Ämtern. Eine mit der PKK sympathisierende kurdisch-syrische Partei hat in einigen Orten die Kontrolle übernommen . Hier zeigt sich, dass die arabische Revolution Nebenkriegsschauplätze hat: den Frühling der Kurden. Warum?

Erdoğans Kurdenpolitik änderte sich radikal

Hier muss nun die Rede sein von den Versäumnissen des türkischen Ministerpräsidenten. Erdoğan hatte bis 2007 eine in der Tendenz kurdenfreundliche Politik geführt; er war auch der erste Ministerpräsident, der 2005 anerkannt hatte, dass es in der Türkei ein kurdisches Problem gibt.

Doch in den vergangenen Jahren ist der Premier auf eine zunehmend nationalistische Linie umgeschwenkt. Das traf auch die Kurden. Keine kulturelle Autonomie, hieß diese Politik. Keine politische Selbstverwaltung. Keine Sicherheit vor Verfolgung durch Armee und Polizei. Kein Schutz vor Willkür-Urteilen der türkischen Rache-Richter.

Iranische Unterstützung für die PKK

Den politischen Vertretungen der Kurden hielt Erdoğan vor, dass sie mit Terroristen sympathisieren würden. Seine heftige Rhetorik vergiftete die Atmosphäre. Mit dem Wort "Terror" erstickte die Regierung einige legitime Forderungen der Kurden. Die Antwort radikaler Kurden war tatsächlich: Terror.

In diese offene Flanke der Türkei stoßen nun Syrien und Iran . Die Regime in Teheran und Damaskus sind erbost über die Unterstützung der syrischen Opposition durch Ankara . Wie stark sie im Gegenzug die kurdische PKK aufpeppen, wissen vielleicht die Geheimdienste. Doch scheint es ziemlich klar zu sein, dass die PKK im äußersten Südosten der Türkei keine Stadt so lange kontrollieren könnte, wenn sie nicht vom Nachbarstaat Iran unterstützt würde.

Der syrische Geheimdienst seinerseits hat Erfahrung darin, der Türkei durch Anschläge das Leben schwer zu machen. Beide Länder scheinen die Spannung im türkischen Südosten zu schüren, um die Türkei vor einem stärkeren Eingreifen auf Seiten der syrischen Opposition zu warnen.

Die türkische Regierung balanciert am Rand eines größeren regionalen Krieges. Die Kurden in Syrien und in der Türkei nutzen indessen geschickt den neuen Spielraum, der ihnen aus dem syrischen Bürgerkrieg und der Rivalität der Mächte erwächst. Vielleicht haben die türkischen Kommentatoren tatsächlich Recht, die ahnen, dass die Grenzen der Region in Bewegung geraten könnten.