Hinter einer großen Sonnenbrille versteckt, das Haar locker mit einem weißen Schal bedeckt – so züchtig und geschützt wendet sich Leila Ben Ali, die Ehefrau des gestürzten tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali, aus dem saudischen Exil an die Welt und vor allem an ihre Kritiker. In ihrem Buch Meine Wahrheit erzählt sie ihre Version der Ereignisse rund um den 14. Januar 2011 – den Tag, an dem der autoritäre Machthaber mit Frau und Kindern überraschend und unter mysteriösen Umständen das Land verließ. Nach ihrer Überzeugung wurde Ben Ali Opfer eines Staatsstreiches und nicht durch eine Revolution des Volkes gestürzt.

"Präsident Ben Ali ist aus Tunesien abgeschoben worden", klagt sie. Drahtzieher war demnach der Chef der Präsidentengarde und der inneren Sicherheitsorgane, Ali Seriati, der Ben Ali unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und geradezu tätlich in das Flugzeug nach Saudi-Arabien gedrängt habe.

Über den Internettelefondienst Skype unterhielt sich Laila Trabelsi, so ihr eigener Name, nun in ihrem saudischen Exil mit dem französischen Journalisten und Verleger Yves Derai, der aus den Worten der ehemaligen "Regentin von Karthago" – so wurde die einflussreiche Ehefrau im Volksmund genannt – ein zeitgeschichtliches Dokument von 200 Seiten machte. Interessant ist diese Version, für die auch einige andere Indizien sprechen, weil Ben Alis überraschende Flucht nach nur einem Monat Demonstrationen als Beweis gewertet wurde, dass es offensichtlich gar nicht so schwer ist, einen allmächtig wirkenden Autokraten zu verjagen. Ein anderer Verlauf der Ereignisse in Tunesien hätte womöglich die Rebellion nicht so unmittelbar auf Libyen , Ägypten und andere arabische Länder überspringen lassen.

"Ohne Seriatis Drängen wäre mein Mann nie in das Flugzeug gestiegen"

Am Freitag, dem 14. Januar 2011 , wird bereits seit mehreren Wochen im gesamten Land demonstriert, mittlerweile haben die Proteste auch die Hauptstadt Tunis erreicht. Als Leila Trabelsi gegen acht Uhr aufwacht, weiß sie zwar, "dass wir in einer schwierigen Lage sind, aber ich ahnte nicht, dass wir nur wenige Stunden später das Land verlassen sollten". Verwundert empfängt sie ihre gesamte Großfamilie sowie die Eltern von Ben Ali. Der Chef der Präsidentengarde, Ali Seriati, hat alle, ohne den Präsidenten zu informieren, in den Palast bringen lassen, um dort zu erklären, dass ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet sei. Sie fahren zur Ausreise weiter zum Flughafen.

Gegen 15.30 Uhr erhält Leila Trabelsi nach eigenen Angaben einen Anruf ihres Mannes, der vorschlägt, dass sie und die Kinder eine Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien unternehmen, bis sich die Lage in Tunesien beruhigt hat: Die Idee hatte wiederum der Chef der Präsidentengarde. Am Morgen noch hatte er Ben Ali gewarnt, dass Selbstmordattentäter an Bord eines Hubschraubers auf den Palast zuflögen. Dies hatte ihm angeblich der französische Geheimdienst mitgeteilt, später erwies es sich als frei erfunden. Am Flughafen drängte Seriati laut der Beschreibung von Leila Trabelsi den Präsidenten dann plötzlich fast tätlich, zur Familie ins Flugzeug zu steigen.

"Morgen kommen sie dann schon zurück", zitiert Trabelsi den Sicherheitschef. "Ohne Seriatis Drängen wäre mein Mann nie in das Flugzeug gestiegen", versichert sie. Die Präsidentengattin will keine Wertgegenstände mitgenommen haben. Nach ihrer Flucht war berichtet worden, sie hätte sich mit Goldbarren aus der Staatsbank abgesetzt . "Ich habe weder meinen Schmuck noch meine Garderobe und Alltagskleidung mitgenommen. Ich trug weder Geld noch einen Reisepass bei mir", sagt sie.