US-WahlkampfDer Sozialstaat ist den Amerikanern peinlich

Unabhängig und frei wollen die Amerikaner sein. Ausufernde Sozialleistungen passen dazu nicht. Verzichten will aber niemand, schreibt Eric T. Hansen in seiner Wahlkolumne. von 

Demonstration gegen Kürzungen der beiden US-Gesundheitsprogramme Medicare und Medicaid in Chicago (Archivfoto)

Demonstration gegen Kürzungen der beiden US-Gesundheitsprogramme Medicare und Medicaid in Chicago (Archivfoto)  |  © Scott Olson/Getty Images

"Für mich seid ihr Amis alle miteinander verrückt", beschloss ein guter Freund neulich im Biergarten. "Ihr habt keine Krankenkasse und kein Rentensystem und überhaupt keinen Sozialstaat – und nun wollt ihr auch noch Medicare und Medicaid abschaffen!" Er nahm noch einen Schluck und dachte kurz nach. "Moment mal", sagte er, etwas verwirrt: "Wie könnt ihr etwas abbauen, das ihr nicht habt?"

In Wahrheit hat Amerika – jedenfalls in absoluten Zahlen – den größten und teuersten Sozialstaat der Welt. Das wissen nicht einmal die meisten Amerikaner. Jedes Jahr gibt der Staat rund 2,2 Billionen Dollar für soziale Leistungen aus, von Social Security (Rente und Arbeitslosenversicherung) über subventionierte Krankenkassen bis hin zum Bildungssystem.

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60 Prozent des US-Gesamthaushalts fließen in den Sozialstaat. Zum Vergleich: Das Militär bekommt läppische 24 Prozent. Und diese Zahlen betreffen nur den Bundeshaushalt. Jeder einzelne unserer 50 Bundesstaaten investiert noch einmal fast genauso viel für soziale Leistungen.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Unser Problem ist nicht, dass wir kein Sozialsystem haben, sondern dass es ständig wächst. Nicht nur die Republikaner Mitt Romney und Paul Ryan wollen es deshalb verschlanken . Das wollen beide Parteien, was auch immer sie im Wahlkampf behaupten. Beiden gilt unser Apparat als aufgeblasen, überteuert, ineffizient und ungerecht.

Da ist auch etwas dran: In Patchwork-Manier zusammengeschustert, besteht das Sozialsystem aus einer Vielzahl von Ämtern und Programmen auf Bundes- und bundesstaatlicher Ebene, die sich gegenseitig widersprechen. Den Antragsteller erwartet eine Odyssee durch ein Labyrinth von Zuständigkeiten, besetzt von einer Heerschar staatlicher Angestellter, die mit dem üblichen Elan die Akten von rechts nach links schieben, während sie auf ihren Gehaltsscheck warten.

Zwei der teuersten und zugleich beliebtesten Posten im Sozialstaat sind die subventionierten Krankenkassen für einkommensschwache und ältere Menschen: Medicare und Medicaid. Wer den Staatshaushalt reduzieren will, muss dort den Rotstift ansetzen.

Im Moment suchen beide Seiten folgerichtig nach Möglichkeiten, Medicare und Medicaid günstiger zu finanzieren. Interessanterweise handelt es sich in beiden Fällen um Pläne, die in Deutschland schon ausprobiert und für gut befunden wurden: Obamas Gesundheitsreform ist in vielen Aspekten dem deutschen System recht ähnlich, und der Romney /Ryan-Plan basiert auf demselben Prinzip wie die Riester-Rente.

Leserkommentare
  1. Euer Problem ist, dass Ihr Amerikaner Euch in puncto Healthcare mit zweit- oder drittklassigen Leistungen zufrieden gebt, obwohl ihr dafür Topdollars bezahlt.

    Es kommt nicht von ungefähr, dass der Grund für fast dreiviertel aller Privatinsolvenzen in den USA an unbezahlten Rechnungen für medizinische Behandlungen liegt.

    Die zweiteilige Frontline/PBS-Doku "Sick around the world" und "Sick in America" sollte jeder Amerikaner einmal gesehen haben.

    http://www.veoh.com/watch...

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    Das Problem des amerikanischen Sozialwesens ist seine Ineffizienz und seine Bürokratie.

    Das Volumen öffentlicher Ausgaben pro Kopf im Gesundheitsbereich ist in etwa vergleichbar bzw. liegt in den USA noch etwas über demjenigen von Deutschland. Richtig teuer wird Gesundheitsversorgung aber erst durch die exorbitant höheren zusätzlichen, privat aufzuwendenden Kosten, die die Gesamtaufwendungen soweit in die Höhe treiben, dass der Staatsanteil pro Nase mehr als verdoppelt wird -> http://www.oecd.org/healt... Das ist natürlich Irrsinn.

    ....der (privaten) Krankenkassen in den USA stimmt nicht! ich kenne beide System, die staatliche deutsche Krankenkasse und die amerikanische Privatversicherung, und würde - oh welch ein Schreck für meine deutschen Leser! - die letztere nicht gegen die erstere austauschen.

    Die Kosten sind niedriger, die Leistungen besser. Einen US Doktor muss man eher bremsen, wenn er zuviel Tests anordnen möchte, Wartezeiten sind meist unter 10 Minuten. Ein Unterschied besteht bei Arbeitnehmern von Kleinstfirmen, die sich keinen Krankenversicherung leisten (können) oder in bestimmten Bundesstaaten, wie Alabama, wo sich Monopole gebildet haben die zu extrem hohen Kosten geführt haben. Beides liesse sich lösen, und - noch so ein Schock wie schon oben! - Bush hatte recht gute Vorschläge dazu eingebracht, die allerdings damals von den US Demokraten blockiert wurden, die ihm dieses nicht gönnten, so wie heutzutage umgekehrt die Republikaner den Demokraten nicht, und um es für ihren Wahlkampf in Reserve zu halten.

    Auf diese Fälle aber stürzen sich die deutschen Medien natürlich, den Nachrichten aus den USA müssen ja negativ sein. Der Leser verlangst es, wohl damit man es damit durch den grauen deutschen Alltag schafft, und die Leistungskürzungen der eigenen Krankenkasse nicht mehr so drakonisch erscheinen. Dieser Bedarf nach der täglichen Dosis Anti-Amerikanismus hat natürlich auch so eine Ähnlichkeit mit dem eines Drogensüchtigen...

  2. Das sind wir nicht ganz so zimperlich. Hier MUSS es nicht nur so aussehen. ;-)

  3. die in Deutschland schon ausprobiert und für gut befunden wurden: [...] die Riester-Rente
    Naja, eigentlich nicht, nur die Versicherungswirtschaft findet die gut!

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    • zacc
    • 21. August 2012 12:33 Uhr

    Exakt der zitierte Satz hat in dem Artikel wehgetan...
    Riester-Renter 'für gut befunden' ?
    Vor einer Weile kam dazu noch ein (seltener) Bericht im Fernsehen - Monitor war es glaub ich - in dem vorgerechnet wurde wie ineffizient und ungerecht dieses System funktioniert.

    Bitte, liebe US-Amerikaner, nehmt Euch das nicht zum Vorbild, um Eurer selbst willen.
    Letztens hieß es doch zum Beispiel noch dass Griechenland hinter vorgehaltener Hand auch deswegen gerettet werden müsse, weil dort unsere Rentenrücklagen lägen.

    ... verbringen möchte, oder muß, darf den staatlichen Zuschuß nicht mitnehmen. Bei dem was übrig bleiben würde, kann man sich das Geld auch unter die Matratze legen. Versicherungen zur Risikoabdeckung - O.K., aber zur Alterssicherung: Nein, Danke!

  4. So wie wir von dem zerstörerischen amerikanischen Einfluss befreit sein wollen?

    "Unser Problem ist nicht, dass wir kein Sozialsystem haben, sondern dass es ständig wächst." schreibt der Autor.[...] Das Problem ist die desaströs unfaire Verteilung, die dafür sorgt, dass es immer mehr Bedürftige gibt. Es wird wieder knallen! Die Armen werden sich wieder erheben! Fragt sich nur wann. Und solche meiner Meinung nach dämlichen Kommentare, wie dieser hier, lösen die Aufgaben nicht. Purer Zynismus.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

  5. als Sozialleistung ist schon eine eigenwillige Betrachtungsweise.
    Aber Fakt ist, die, die ständig gegen die angeblich zu hohen und ständig steigenden Sozialleistungen wettern, lassen sich nur zu gerne pampern von allen möglichen staatlichen Bonbons, dort wie hier!

  6. "Ausgerechnet dieser Teil des Sozialstaats wird nämlich nicht nur von vermeintlich arbeitsscheuen Sozialschmarotzern genutzt, die sich eine Wasserpfeife nach der anderen reinziehen, sondern von ganz normalen mittelständischen Familien."

    Der Codebegriff "Wasserpfeife" ist in diesem Text leider der einzige Hinweis auf das eigentliche Problem: Die von Armut am stärksten betroffenen Gruppen sind in den USA (wie auch in Deutschland und den meisten anderen Industriestaaten) ethnische Minderheiten - und der klassische Republikaner-Wähler stört sich nicht an finanzieller Unterstützung für die weiße Großmutter in Kansas, wohl aber an Lebensmittelmarken für die alleinerziehende schwarze Mutter in New Orleans.

    Leider sind genau diese Minderheiten aber diejenigen, die von der marktliberalen "Charity"-Ideologie (gute Christenmenschen geben auch ohne staatlichen Zwang Geld für wohltätige Zwecke aus) immer wieder übersehen werden. Da lobe ich mir doch den bürokratischen, trägen, macnhmal ineffizienten, aber FARBENBLINDEN Sozialstaat.

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    "Leider sind genau diese Minderheiten aber diejenigen, die von der marktliberalen "Charity"-Ideologie (gute Christenmenschen geben auch ohne staatlichen Zwang Geld für wohltätige Zwecke aus) immer wieder übersehen werden."

    "Charity" gilt ausschließlich dem Selbstmarketing: man möchte zeigen, dass man nicht so ist, wie man ist. Man gefällt sich in der Rolle des "Gönners" und des "Großherzigen" und pflegt dieses Image. Andere Aspekte des Handelns und der eigenen Überzeugungen kann man somit medienwirksam überspielen.

  7. Das Problem des amerikanischen Sozialwesens ist seine Ineffizienz und seine Bürokratie.

    Antwort auf "Lieber Mr. Hansen,"
  8. "Leider sind genau diese Minderheiten aber diejenigen, die von der marktliberalen "Charity"-Ideologie (gute Christenmenschen geben auch ohne staatlichen Zwang Geld für wohltätige Zwecke aus) immer wieder übersehen werden."

    "Charity" gilt ausschließlich dem Selbstmarketing: man möchte zeigen, dass man nicht so ist, wie man ist. Man gefällt sich in der Rolle des "Gönners" und des "Großherzigen" und pflegt dieses Image. Andere Aspekte des Handelns und der eigenen Überzeugungen kann man somit medienwirksam überspielen.

    Antwort auf ""Wasserpfeife""

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