Demonstration gegen Kürzungen der beiden US-Gesundheitsprogramme Medicare und Medicaid in Chicago (Archivfoto) © Scott Olson/Getty Images

"Für mich seid ihr Amis alle miteinander verrückt", beschloss ein guter Freund neulich im Biergarten. "Ihr habt keine Krankenkasse und kein Rentensystem und überhaupt keinen Sozialstaat – und nun wollt ihr auch noch Medicare und Medicaid abschaffen!" Er nahm noch einen Schluck und dachte kurz nach. "Moment mal", sagte er, etwas verwirrt: "Wie könnt ihr etwas abbauen, das ihr nicht habt?"

In Wahrheit hat Amerika – jedenfalls in absoluten Zahlen – den größten und teuersten Sozialstaat der Welt. Das wissen nicht einmal die meisten Amerikaner. Jedes Jahr gibt der Staat rund 2,2 Billionen Dollar für soziale Leistungen aus, von Social Security (Rente und Arbeitslosenversicherung) über subventionierte Krankenkassen bis hin zum Bildungssystem.

60 Prozent des US-Gesamthaushalts fließen in den Sozialstaat. Zum Vergleich: Das Militär bekommt läppische 24 Prozent. Und diese Zahlen betreffen nur den Bundeshaushalt. Jeder einzelne unserer 50 Bundesstaaten investiert noch einmal fast genauso viel für soziale Leistungen.

Unser Problem ist nicht, dass wir kein Sozialsystem haben, sondern dass es ständig wächst. Nicht nur die Republikaner Mitt Romney und Paul Ryan wollen es deshalb verschlanken . Das wollen beide Parteien, was auch immer sie im Wahlkampf behaupten. Beiden gilt unser Apparat als aufgeblasen, überteuert, ineffizient und ungerecht.

Da ist auch etwas dran: In Patchwork-Manier zusammengeschustert, besteht das Sozialsystem aus einer Vielzahl von Ämtern und Programmen auf Bundes- und bundesstaatlicher Ebene, die sich gegenseitig widersprechen. Den Antragsteller erwartet eine Odyssee durch ein Labyrinth von Zuständigkeiten, besetzt von einer Heerschar staatlicher Angestellter, die mit dem üblichen Elan die Akten von rechts nach links schieben, während sie auf ihren Gehaltsscheck warten.

Zwei der teuersten und zugleich beliebtesten Posten im Sozialstaat sind die subventionierten Krankenkassen für einkommensschwache und ältere Menschen: Medicare und Medicaid. Wer den Staatshaushalt reduzieren will, muss dort den Rotstift ansetzen.

Im Moment suchen beide Seiten folgerichtig nach Möglichkeiten, Medicare und Medicaid günstiger zu finanzieren. Interessanterweise handelt es sich in beiden Fällen um Pläne, die in Deutschland schon ausprobiert und für gut befunden wurden: Obamas Gesundheitsreform ist in vielen Aspekten dem deutschen System recht ähnlich, und der Romney /Ryan-Plan basiert auf demselben Prinzip wie die Riester-Rente.