Burnley in Lancashire: Großbritannien geht es wirtschaftlich schlecht. © Christopher Furlong/Getty Images

Der britische summer of love samt ungewohnt großer Harmonie, fröhlichem Patriotismus und olympischen Erfolgen erwies sich wie erwartet als flüchtige Episode. Jetzt ist der politische Alltag zurückgekehrt samt seiner ungelösten Probleme. Großbritanniens Staatsdefizit ist in der Zwischenzeit nicht geschrumpft, sondern größer geworden. Die Koalition von Tories und Liberaldemokraten muss daher die Staatsausgaben weiter herunterfahren.

Austerity also, und Tristesse – verheerende Regenfälle und Überschwemmungen im Norden des Landes liefern die passende Begleitmusik zur Eröffnung des traditionellen, eigentlich überlebten Rituals der britischen Parteikongresse. Einst waren sie Diskussions- und Entscheidungsforen für Massenparteien. Doch handelt es sich mittlerweile weitgehend um perfekt inszenierte Selbstdarstellungen von Parteien, die immer stärker schrumpfen.

Den Reigen eröffneten die Liberaldemokraten, ab Sonntag folgt die oppositionelle Labour-Partei . Die Delegierten der Liberalen haben noch Entscheidungsrechte, die Labour und Konservative ihrer Basis nicht einräumen. Das spricht für die Libdems, führt jedoch oft zu Entscheidungen, die Aktivisten erfreuen, die Wähler aber kaltlassen, wenn nicht gar abschreckt. Den Liberaldemokraten steht derzeit das Wasser buchstäblich bis zum Hals. In den letzten beiden Dekaden eine Partei, die in den Umfragen immer um 18 bis 20 Prozent lag, was zu ihrem Leidwesen unter den Bedingungen des Mehrheitswahlrechts nie mit einer entsprechenden Zahl von Abgeordneten belohnt wurde, krebst sie jetzt  um die zehn Prozent herum.

Libdem-Chef Clegg ist unpopulär

Liberale anderswo in Europa mögen sich nach solchen Zahlen die Finger lecken. Für die britischen Libdems signalisiert es die Gefahr des politischen Todes, jedenfalls des Endes ihres beinah hundertjährigen Traumes, wieder zu einer Partei zu werden, der man zutraut, das Land zu führen.

Nick Clegg , Parteichef und Vizepremier, erträgt seit zwei Jahren den Ruf des wohl unpopulärsten Politikers im Lande. Er stürzte so tief, weil er sich im Wahlkampf 2010 als neuer, geläuterter Politikertyp präsentierte, der seine Versprechen zu halten garantierte. Nun ist er verschrien als schlimmster aller politischen Sünder, weil er im Wahlkampf hoch und heilig versprochen hatte, jegliche Studiengebühren abzulehnen. Die Koalition von Tories und Libdems aber machte dort weiter, wo Labour aufgehört hatte – sie führte höhere Studiengebühren ein, verbunden mit einem allerdings äußerst generösen System der Rückzahlung. Cleggs vollmundige Worte hat ihm das Volk nicht verziehen.

Entlastende Argumente stießen in der Öffentlichkeit auf taube Ohren. Auch das, wonach sich in einer Koalition nicht alles durchsetzen lässt, schon gar nicht die Anliegen eines Juniorpartners. Jeder andere potentielle Parteiführer erhält nun bessere Umfragewerte als Clegg. Handelsminister Vince Cable, prominentester Vertreter des sozialdemokratischen Flügels bei den Libdems, steht auch schon bereit. Ihm wäre eine Koalition mit Labour am liebsten. Cleggs politische Karriere wird spätesten mit der Wahl 2015 enden, vielleicht in Brüssel als EU-Kommissar.