Bürgerkrieg in SyrienAuf krummen Wegen zum neuen Staat

Syrien droht ein nach Religionen und Volksgruppen fragmentierter Staat zu werden. Doch das bedeutet nicht zwangsläufig ein Ende der Nation. von Ayad Al-Ani

Aleppo

Bürgerkrieg in Syrien: Das Viertel Saif al-Dawla in Aleppo, 25. August  |  © STR/AFP/GettyImages

Der fragile Libanon als Vorbild? Oder gar der Irak ? Angesichts des Syrien-Krieges werden heute Szenarien der vergangenen Jahrzehnte hochaktuell. Doch nicht immer ausschließlich aus der Perspektive einer Katastrophe. In einer jüngst vom arabischen Sender Al-Dschasira übertragenen Diskussion über das Thema Stabilität in Nahost kamen die eingeladenen Fachleute zu einem durchaus überraschenden Ergebnis, wenn auch mit resignierendem Unterton: Ein Weg, wie ihn der Libanon gehen musste , also eine weitgehend nach Religion und Clanen segregierte Nation, die nach außen aber weiter als Einheitsstaat auftritt, ist demnach auch für Syrien , Libyen und den Jemen ein wahrscheinliches Modell. De facto vorzufinden ist es bereits im Irak.

Ayad Al-Ani
Ayad Al-Ani

Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani lehrt Business Policy und Public Management an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor war er Partner und Senior Executive bei Accenture, Geschäftsführer Accenture Österreich und Rektor der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin.

Diese Regionalisierung-Szenarien sind zudem nicht neu. 1991 prognostizierte eine Gruppe von Ökonomen für die Jahre 2011 bis 2015 eine Auflösung des Iraks in einen schiitischen, sunnitischen und kurdischen Teil, eine Aufteilung Syriens in einen alawitischen und sunnitischen Landesteil und eine Spaltung des Libanon in sunnitische, schiitische, christliche und drusische Regionen. Diese Auflistung lässt sich heute um die Unabhängigkeit des Südsudan vom Norden, einer drohenden Desintegration Libyens in die Region um Tripolis und der Cyrenaika und die Aufspaltung der Palästinenser des Gaza-Streifens und des Westjordanlandes ergänzen.

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Politischer Interessenausgleich ist noch nicht eingeübt

Die Revolutionen werden den Zusammenhalt der Staaten zunächst schwächen. Zum einen haben die politischen Kräfte der Länder unterschiedliche Entwicklungsstufen, was den Vorsprung der Muslimbrüder erklärt. Andere Gruppen brauchen Zeit, um sich ebenfalls zu artikulieren und sollten dies auch tun, um den Demokratisierungsprozess zu komplettieren. So beginnen jetzt in Ägypten Arbeiterbewegungen in der Textilindustrie mit Arbeitskämpfen, auch mit dem Ziel, ihre "gestohlene" Revolution zu vollenden, wie dies ein Gewerkschafter formulierte.

Die Erhebungen in Tunesien , Libyen und Ägypten fanden anfangs ebenfalls ohne Repräsentation durch etablierte Gruppen und damit auch ohne Programm statt. Syrien folgt diesem Muster. Die Mobilisierung von Widerstand ist ein unvergleichlich weniger komplexer Prozess als kollektives Handeln, welches meist erst nach einer Konsolidierung und Austarierung von Interessen möglich wird und der Disziplin vor allem der unterlegenen Meinungsvertreter bedarf. Da politischer Interessenausgleich in diesen Regionen nicht eingeübt ist, wird eine Artikulation von Partikularinteressen zunächst wohl die einzige Chance auf eine Art Selbstbestimmung sein.

Diese internen Differenzierungen sind so schnell nicht rückgängig zu machen. Ist der Geist einmal aus der Flasche, ist er zumeist auch nicht mehr leicht bezwingbar. Der Soziologe Niklas Luhmann etwa war skeptisch, ob ein System, das einmal ausdifferenziert ist, wieder "vereinfacht" werden kann: "Eine Rückkehr ins Paradies ist nicht mehr möglich." Sind sich gesellschaftliche Gruppen ihrer Identität bewusst, ist diese also zunächst nicht mehr negierbar. Zudem werden diese von den einzelnen Regimen auch bewusst geschürt. So werfen etwa Saudi Arabien und Bahrain ihren schiitischen Minderheiten eine Allianz mit dem Iran vor und der Westen hat seit jeher eine Präferenz, diese Region aus dem Blickwinkel seiner ethnischen und religiösen Zusammensetzung zu betrachten und zu beeinflussen.

Leserkommentare
    • Kobuk
    • 01. Oktober 2012 17:56 Uhr

    Dieses von diesen "Fachleuten" favorisierte Modell ist auch gemeinhin bekannt als "Balkanisierung". Die Folge wäre ein nicht mehr existenter Staat Syrien und somit die Vernichtung eines Nationalstaates.

    Dieses Modell mag uns (NATO-Staaten) und sicher auch den Scheichs gut schmecken, da es einen Akteur/Gegenspieler auf der Weltbühne eliminiert. Kleine Teilstaaten kann man sicherlich einfacher kontrollieren.

    Alles in allem halte ich das für eine völlige Schnapsidee, die ihren Ursprung in eiskalt kalkulierten machtpolitischen Überlegungen hat. Man destabilisiert einen Staat, indem man einen Bürgerkrieg forciert und tritt dann mit einer rettenden Idee auf "die alle glücklich macht".

    Übrig bleiben ein paar macht- und damit auch rechtlose Kolonien, die man beliebig kontrollieren kann.

    Mensch, Syrien hat jahrzehntelang mit all diesen Minderheiten gelebt. Als ob eine Zerschlagung und konfessionelle Trennung eine Lösung wäre.

    Der konfessionelle Konflikt ist doch nur das Problem einer Minderheit, die von aussen massiv gefördert wird. Hass von Extremisten, der ganz aktiv unterstützt wird.

    Die meisten Syrer haben vorallem wirtschaftliche Probleme und sind deswegen auf die Straße gegangen. Doch dieses Problem wird durch Zerschlagung nurnoch schlimmer!

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich muss Ihnen zustimmen.

    Anfangs wares es nicht konfessionelle Konflikte, sondern die Spannungen zwischen einer sehr armen Landbevölkerung und der wirtschaftlich besser situierten Stadtbevölkerung.

    ".. Zudem ist die syrische Gesellschaft in eine westlich orientierte, moderne, gut gebildete Gruppe und eine stammesorientierte, traditionelle Gruppe gespalten. Die bewaffneten Gruppen fassen dort Fuß, wo die Armen, wenig gebildeten und traditionell-religiös orientierten Menschen leben.."
    http://www.sdaj-hamburg.d...

    Dem Rat der im Beitrag zitierten Experten folgend, müsste also eine "Segregation entsprechend dem Libanon- Modell" zwischen zwischen Stadt und Land erfolgen. Wäre doch eine interessante Aufgabe für unsere Politiker.

    Niklas Luhmann zu zitieren, ist ebenfalls beeindruckend.
    "..Luhmann etwa war skeptisch, ob ein System, das einmal ausdifferenziert ist, wieder "vereinfacht" werden kann".

    Wenn man will, geht es.

    Passender ist es, den Ausspruch von Luhmann
    " „Aktivität wird als Passivität, Freiheit als Zwang getarnt.“ umzukehren in

    " Passsivität wird als Aktivität, Zwang wird als Freiheit getarnt". Ersteres trifft z. B. für die deutsche Politik zu, letzteres insbesondere für die USA.

    Schlussbemerkung: wo bleibt die Berichterstattung über die tatsächliche Lage in Syrien, Meldungen wie "am Wochenende wurden in Aleppo 235 Aktivisten getötet" oder über die wirklichen Hindernisse der Friedensbemühungen?

    "Dieses Modell mag uns (NATO-Staaten) und sicher auch den Scheichs gut schmecken, da es einen Akteur/Gegenspieler auf der Weltbühne eliminiert. Kleine Teilstaaten kann man sicherlich einfacher kontrollieren."

    Diese Nation spaltet sich durch die Blutschuld der Akteure untereinander. Entlang der Kulturlinien verläuft der Bruch. Arabische Liga, Türkei, UNO, sonstige haben versucht zu vermitteln. Da geht so gut wie nichts mehr.

    Ist es eine Szenerie, wie Korea, Vietnam, Deutschland, als diese Länder in Nord und Süd bzw. in Ost und West gespalten wurden? Die Teilung eines Landes zwischen den Machtpolen?

    Die Akteuere können noch einmal die Initiative des Iraks nutzen, um die eine Teilungslösung auszuschließen.

  1. für die EU, die USA und Kanada nach deren Zerfall.

    6 Leserempfehlungen
    • fs0
    • 01. Oktober 2012 18:14 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Mutmaßungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

    4 Leserempfehlungen
  2. Naja hört sich ja alles nicht so berauschend an. Vielleicht findet Syrien ja auch so wieder zu stabilen Verhältnissen ohne weiter Gewalt zu schnüren ob das mit Assad gelingen kann bleibt fraglich wäre aber wünschenswert.

    Ganz schöner Bericht einer alawitischen Frau die sich öffentlich für die Revolution einsetzt. Finde ich stark das es friedliche Intitiativen gibt was ja eigentlich der kern der Revolution sein sollte das sich gerade eine alawitin dafür öffentlich einsetzt ist auch mal schön zu sehen und das es auch ohne religiöse Vorurteile geht.
    http://www.spiegel.de/pol...

  3. Ich muss Ihnen zustimmen.

    Anfangs wares es nicht konfessionelle Konflikte, sondern die Spannungen zwischen einer sehr armen Landbevölkerung und der wirtschaftlich besser situierten Stadtbevölkerung.

    ".. Zudem ist die syrische Gesellschaft in eine westlich orientierte, moderne, gut gebildete Gruppe und eine stammesorientierte, traditionelle Gruppe gespalten. Die bewaffneten Gruppen fassen dort Fuß, wo die Armen, wenig gebildeten und traditionell-religiös orientierten Menschen leben.."
    http://www.sdaj-hamburg.d...

    Dem Rat der im Beitrag zitierten Experten folgend, müsste also eine "Segregation entsprechend dem Libanon- Modell" zwischen zwischen Stadt und Land erfolgen. Wäre doch eine interessante Aufgabe für unsere Politiker.

    Niklas Luhmann zu zitieren, ist ebenfalls beeindruckend.
    "..Luhmann etwa war skeptisch, ob ein System, das einmal ausdifferenziert ist, wieder "vereinfacht" werden kann".

    Wenn man will, geht es.

    Passender ist es, den Ausspruch von Luhmann
    " „Aktivität wird als Passivität, Freiheit als Zwang getarnt.“ umzukehren in

    " Passsivität wird als Aktivität, Zwang wird als Freiheit getarnt". Ersteres trifft z. B. für die deutsche Politik zu, letzteres insbesondere für die USA.

    Schlussbemerkung: wo bleibt die Berichterstattung über die tatsächliche Lage in Syrien, Meldungen wie "am Wochenende wurden in Aleppo 235 Aktivisten getötet" oder über die wirklichen Hindernisse der Friedensbemühungen?

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Balkanisierung"
  4. weil reiche und mächtige Patronats-Akteure sich darauf verständigt hatten.

    Zudem ist einer der Segregierten im Irak und im Libanon jewils etwas gleicher, als die anderen und solange nicht so klar war, wer das sein werde, floss Blut.

    Hierarchien unter den Segregierten anzuerkennen gehört dazu.

    Die Anerkennung von Hierarchien verläuft jedoch im Wege von blutigen Kräftefeststellungen, zu denen jetzt alle Akteure aufmarschieren, die zur Neukonstitution des Libanon diesen noch seinerzeit als Schlachtfeld=Problem loswerden wollten, bzw. anderweitig nutzen wollten.

    Die Schaffung der Gelegenheit zu solchen Kräftefeststellungen nennt man in der Tat: Balkanisierung, nach einer Region mithin, in der auch vieles wieder doch als noch nicht ganz abgeschlossen erscheint.

    In der Al-Dschasira-Diskussion, die ich gesehen habe, wurde übrigens erwähnt, dass die vielgerühmte Arabische Friedenstruppe zu 90% aus sowieso schon anwesenden Syrern bestand; und mithin die Kräfteverhältnisse bereis festgestellt waren und nur noch sanktioniert wurden.

    Eine Leserempfehlung
  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/jz

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    • THAROS
    • 01. Oktober 2012 19:25 Uhr

    Leider ist Unwissen gefährlich. Es scheint dass Sie nicht gelernt haben dass man in "fremden Gärten" nicht schaffelt. Ich glaube nicht dass Sie eine andere Sprache ausser deutsch sprechen, da würden Sie spanisch, arabisch, griechisch, albanisch sprechen, hätten Sie eine viel tolerantere Art zu denken. Ob jemand "Diktator" ist, "Terrorist" (der super Slogan unserer Zeit!), "Schlächter" etc. lassen Sie es dem eigenem Volk sein Entscheid sein und schauffeln sie mal vor Ihrer eigene Tür (da gibt es genug Dreck!)

    • THAROS
    • 01. Oktober 2012 19:14 Uhr

    "Kubuk" und Thomas Holm! Super Berichte!
    Die Art und Weise wie die westlichen Spezialisten über andere Mentalitäten, Lebenarten, Andersgläubige so wissenschaftlich dahinreden.... Würde man den Spiegel umdrehen und uns mit den Augen der "Fremden" sehen, was würden wir dann über uns selber denken? Was hat der Westen noch zu bieten, was nicht verrottet, verlogen, unecht ist? Diese Einmischung in anderen Kulturen, die Kriegsführung mit Wörter und Waffen dort wo der Westen gar nichts zu suchen hätte, Urteilen und Veruteilen, Richter und Henker zu sein.... irgendwann kommt die Rechnung...und dann gibt es kein "Spezialisten" der sie zahlen kann!!

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bürgerkrieg | Syrien | UN | Irak | Al-Dschasira | Allianz
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