Der fragile Libanon als Vorbild? Oder gar der Irak ? Angesichts des Syrien-Krieges werden heute Szenarien der vergangenen Jahrzehnte hochaktuell. Doch nicht immer ausschließlich aus der Perspektive einer Katastrophe. In einer jüngst vom arabischen Sender Al-Dschasira übertragenen Diskussion über das Thema Stabilität in Nahost kamen die eingeladenen Fachleute zu einem durchaus überraschenden Ergebnis, wenn auch mit resignierendem Unterton: Ein Weg, wie ihn der Libanon gehen musste , also eine weitgehend nach Religion und Clanen segregierte Nation, die nach außen aber weiter als Einheitsstaat auftritt, ist demnach auch für Syrien , Libyen und den Jemen ein wahrscheinliches Modell. De facto vorzufinden ist es bereits im Irak.

Diese Regionalisierung-Szenarien sind zudem nicht neu. 1991 prognostizierte eine Gruppe von Ökonomen für die Jahre 2011 bis 2015 eine Auflösung des Iraks in einen schiitischen, sunnitischen und kurdischen Teil, eine Aufteilung Syriens in einen alawitischen und sunnitischen Landesteil und eine Spaltung des Libanon in sunnitische, schiitische, christliche und drusische Regionen. Diese Auflistung lässt sich heute um die Unabhängigkeit des Südsudan vom Norden, einer drohenden Desintegration Libyens in die Region um Tripolis und der Cyrenaika und die Aufspaltung der Palästinenser des Gaza-Streifens und des Westjordanlandes ergänzen.

Politischer Interessenausgleich ist noch nicht eingeübt

Die Revolutionen werden den Zusammenhalt der Staaten zunächst schwächen. Zum einen haben die politischen Kräfte der Länder unterschiedliche Entwicklungsstufen, was den Vorsprung der Muslimbrüder erklärt. Andere Gruppen brauchen Zeit, um sich ebenfalls zu artikulieren und sollten dies auch tun, um den Demokratisierungsprozess zu komplettieren. So beginnen jetzt in Ägypten Arbeiterbewegungen in der Textilindustrie mit Arbeitskämpfen, auch mit dem Ziel, ihre "gestohlene" Revolution zu vollenden, wie dies ein Gewerkschafter formulierte.

Die Erhebungen in Tunesien , Libyen und Ägypten fanden anfangs ebenfalls ohne Repräsentation durch etablierte Gruppen und damit auch ohne Programm statt. Syrien folgt diesem Muster. Die Mobilisierung von Widerstand ist ein unvergleichlich weniger komplexer Prozess als kollektives Handeln, welches meist erst nach einer Konsolidierung und Austarierung von Interessen möglich wird und der Disziplin vor allem der unterlegenen Meinungsvertreter bedarf. Da politischer Interessenausgleich in diesen Regionen nicht eingeübt ist, wird eine Artikulation von Partikularinteressen zunächst wohl die einzige Chance auf eine Art Selbstbestimmung sein.

Diese internen Differenzierungen sind so schnell nicht rückgängig zu machen. Ist der Geist einmal aus der Flasche, ist er zumeist auch nicht mehr leicht bezwingbar. Der Soziologe Niklas Luhmann etwa war skeptisch, ob ein System, das einmal ausdifferenziert ist, wieder "vereinfacht" werden kann: "Eine Rückkehr ins Paradies ist nicht mehr möglich." Sind sich gesellschaftliche Gruppen ihrer Identität bewusst, ist diese also zunächst nicht mehr negierbar. Zudem werden diese von den einzelnen Regimen auch bewusst geschürt. So werfen etwa Saudi Arabien und Bahrain ihren schiitischen Minderheiten eine Allianz mit dem Iran vor und der Westen hat seit jeher eine Präferenz, diese Region aus dem Blickwinkel seiner ethnischen und religiösen Zusammensetzung zu betrachten und zu beeinflussen.