Aufstand : Der Krieg spaltet Syriens Gesellschaft

Syriens Ex-Star-Moderatorin Honey Al-Sayed ist sicher, dass Assad stürzen wird. Doch sie fürchtet, es dauert Jahre, bis Versöhnung und Neuanfang möglich werden.
Das zerstörte Viertel Salaheddin in der syrischen Stadt Aleppo © ACHILLEAS ZAVALLIS/AFP/GettyImages

Manch einer mag denken, die arabische Welt sei nicht reif für die Demokratie. Blicken wir zunächst zurück: die arabische Geschichte ist auch die Geschichte tribaler Gesellschaften mit patriarchalischen Strukturen – eine wesentliche, wenn auch nicht die einzige, Voraussetzung für das Entstehen autokratischer Herrschaftsformen. Dass wir Araber uns so lange von Diktatoren haben regieren und unterdrücken lassen, dürfte wohl auch mit diesem soziohistorischen Erbe zu tun haben. Aber nicht nur. Denn ebenso wie die Gier der arabischen Herrscher nach Macht und Ressourcen hat auch der Einfluss anderer Staaten den Fortbestand der Diktaturen für lange Zeit gesichert. Und wir, das Volk, zahlen wie immer die Zeche.

Honey Al-Sayed

moderierte bis Anfang 2012 eine beliebte Morgen-Show auf Al-Madina FM, Syriens erstem unabhängigen Radiosender. Vor acht Monaten entschied sie sich, Syrien zu verlassen. Sie lebt derzeit in den USA. Ihr Beitrag ist Teil einer Reihe, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.

Auch wenn das Assad-Regime oder andere autoritäre Regierungen hier und da einen zaghaften Kurs der Öffnung verfolgt haben: diese Bemühungen gingen nie in die Tiefe. Die Korruption wucherte weiter. Die Wirtschaft schien zu boomen. Doch die Reichen wurden immer reicher, die Armen immer ärmer, und die Mittelschicht schrumpfte. Und die Demografie? In einer Region, in der die Bevölkerungen zu 60 Prozent aus jungen, häufig arbeitslosen, aber über das Internet mit der Welt verbundenen Menschen bestehen, tut sie ihr Übriges. All diese Faktoren bilden zusammengenommen den Nährboden für radikalen Wandel. Und die Furcht vor den Diktatoren? Sie hat sich allmählich aufgelöst.

Auch wir Syrer sind inzwischen ziemlich furchtlos. Millionen von Menschen in den Städten und auf dem Land verleihen ihrer politischen Meinung Ausdruck – aktiv, mutig und ohne Rücksicht auf Verluste. Ihre Stammeszugehörigkeit spielt dabei oft eine entscheidende Rolle, auch wenn es darum geht, die politische und bewaffnete Opposition gegen Assad zu mobilisieren oder aber paramilitärische Kräfte zur Unterstützung des Regimes zu organisieren.

Folgt auf Assad ein libanesisch-irakisches Modell?

Unabhängig von ihrer Stammeszugehörigkeit sehnen sich die Syrer nach Veränderung, nach Würde, Demokratie und Freiheit. Aber können wir echte Veränderungen bewirken? Von März 2011 bis heute haben mehr als 30.000 Syrer ihr Leben gelassen, damit wir, die Lebenden, die richtigen Entscheidungen treffen. Aber werden wir dazu in der Lage sein? Werden wir den nächsten Diktator wählen – nach dem "Vorbild" der Islamischen Revolution in Iran? Oder werden wir uns für eine libanesisch-irakische Mischung entscheiden – religiös und ethnisch motivierte Gewalt inbegriffen? Wird Syrien nach Assad in seine Einzelteile zerfallen? Werden wir am Ende nach ägyptischem Modell einen Vertreter der Muslimbrüder zum ersten Mann im Staat wählen? Und wäre das wirklich eine schlechte Wahl?

Wenn ein Volk beschließt, sich aus jahrelanger Unterdrückung zu befreien, dann sind viele Szenarien denkbar. Im Fall Syriens geben die allerwenigsten Anlass zur Zuversicht. Nein, der Übergang wird nicht leicht für Syrien. Es wird ein blutiger Prozess nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum".

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Marktkonforme Islamisten

In einer Region, in der die Bevölkerungen zu 60 Prozent aus jungen, häufig arbeitslosen, aber über das Internet mit der Welt verbundenen Menschen bestehen, tut sie ihr Übriges. All diese Faktoren bilden zusammengenommen den Nährboden für radikalen Wandel.

Hiermit wette ich um 100€, dass eine syrische Revolte mit sozialistischen oder gar kommunistischen Zielen von uns nicht unterstützt werden würde. Man stelle sich mal vor, die syrischen Milizen wären Marxisten und nicht marktkonforme Islamisten - was wollen wir wetten dass diese als terroristische Vereinigung eingestuft werden würde?

Zudem wir auch große oppositionelle Gruppen in Syrien völlig ignorieren, weil sie im linken lager verankert sind.

Nein, eine Revolution in Nahost ist keine Revolution, wenn nicht neben den Macht- auch die Eigentumsverhältnisse angegangen werden. Wenn am Ende ein Islamist Staatsoberhaupt ist udn die Kleptokraten trotzdem noch die Wirtschaft leiten, was hat sich dann geändert?

Mehr Mut aufzubauen, statt zu zerstören

Eisenhower:

„Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, an denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“

Da fehlt was!

Ich zitiere:
"In einem stabilen Staatsgefüge, dem Fundament für den Demokratisierungsprozess nach Assad, muss Platz sein für Säkularisten ebenso wie für moderate Islamisten, für die syrisch-arabischen Stämme und für religiöse und ethnische Minderheiten."
Es fehlt m.E. der Zusatz: "... und für Assad, die Alewiten bzw. die Angehörigen der bisherigen Führung!"
Meiner Ansicht nach kann ein Neuanfang nur beginnen, in dem das Land auf seine bisherige Geschichte, inkl. seiner bisherigen Führung und allen, die dazu gehörten aufbaut.
Die Opposition sollte nicht den Fehler machen zu glauben, sie würde quasi tabula rasa machen können und auf der grünen Wiese von Null anfangen können.
Es muss eine Exit-Strategie für den riesigen Apparat der bisherigen Führung her - oder auch eine Übergangslösung - die zwangsläufig die bisherige Führung einbezieht.
Alle Versuche/Ansätze, die das übersehen, sind entweder zum Scheitern oder zur Fortsetzung des Blutvergießens verurteilt!

Nach Niedergang der DDR wurden ...

... die alten Eliten bis auf wenige Ausnahmen geschont. Die alte SED-Nachfolgepartei regiert als Die Linke sogar in einem Bundesland mit. Die ehemaligen Blockparteien sind in CDU und FDP aufgegangen. In allen anderen Ostblockstaaten lief dies ähnlich. Auch nach 1945 ging man mit den Mitläufern sehr großzügig um. So kam aber auch keiner auf die Idee zu versuchen, die Amerikaner und Sowjets durch Untergrundarbeit und Bombenanschläge etc. zu vertreiben. In der neuen syrischen Gesellschaft sollte Platz sein für alle Minderheiten einschließlich der Alawiten sowie für eine Post-Assad-Baath-Partei.

Klare Verhältnisse

Für langsame Veränderungen ist in Syrien die Zeit abgelaufen, die Risse in der Gesellschaft sind zu tief. Ein militärischer Sieg muss jetzt klare Verhältnisse herstellen, um bei Null anfangen zu können. Assad, seine Elite und die Teile der Zivilbevölkerung, die ihn trotz des monatelangen Abschlachtens der Zivilbevölkerung weiterhin unterstützen, müssen beseitigt werden, damit die Macht von der demokratischen Opposition übernommen werden kann.

Heilige Einfalt!

Zitat: "Assad, seine Elite und die Teile der Zivilbevölkerung, die ihn trotz des monatelangen Abschlachtens der Zivilbevölkerung weiterhin unterstützen, müssen beseitigt werden, damit die Macht von der demokratischen Opposition übernommen werden kann."

Es müssen also die Teile der Zivilbevölkerung "beseitigt" werden, die Assad unterstützten?! damit dann die wunderbare "demokratische Opposition" übernehmen kann ?!
Haben Sie eventuell den Verstand verloren?