Manch einer mag denken, die arabische Welt sei nicht reif für die Demokratie. Blicken wir zunächst zurück: die arabische Geschichte ist auch die Geschichte tribaler Gesellschaften mit patriarchalischen Strukturen – eine wesentliche, wenn auch nicht die einzige, Voraussetzung für das Entstehen autokratischer Herrschaftsformen. Dass wir Araber uns so lange von Diktatoren haben regieren und unterdrücken lassen, dürfte wohl auch mit diesem soziohistorischen Erbe zu tun haben. Aber nicht nur. Denn ebenso wie die Gier der arabischen Herrscher nach Macht und Ressourcen hat auch der Einfluss anderer Staaten den Fortbestand der Diktaturen für lange Zeit gesichert. Und wir, das Volk, zahlen wie immer die Zeche.

Auch wenn das Assad-Regime oder andere autoritäre Regierungen hier und da einen zaghaften Kurs der Öffnung verfolgt haben: diese Bemühungen gingen nie in die Tiefe. Die Korruption wucherte weiter. Die Wirtschaft schien zu boomen. Doch die Reichen wurden immer reicher, die Armen immer ärmer, und die Mittelschicht schrumpfte. Und die Demografie? In einer Region, in der die Bevölkerungen zu 60 Prozent aus jungen, häufig arbeitslosen, aber über das Internet mit der Welt verbundenen Menschen bestehen, tut sie ihr Übriges. All diese Faktoren bilden zusammengenommen den Nährboden für radikalen Wandel. Und die Furcht vor den Diktatoren? Sie hat sich allmählich aufgelöst.

Auch wir Syrer sind inzwischen ziemlich furchtlos. Millionen von Menschen in den Städten und auf dem Land verleihen ihrer politischen Meinung Ausdruck – aktiv, mutig und ohne Rücksicht auf Verluste. Ihre Stammeszugehörigkeit spielt dabei oft eine entscheidende Rolle, auch wenn es darum geht, die politische und bewaffnete Opposition gegen Assad zu mobilisieren oder aber paramilitärische Kräfte zur Unterstützung des Regimes zu organisieren.

Folgt auf Assad ein libanesisch-irakisches Modell?

Unabhängig von ihrer Stammeszugehörigkeit sehnen sich die Syrer nach Veränderung, nach Würde, Demokratie und Freiheit. Aber können wir echte Veränderungen bewirken? Von März 2011 bis heute haben mehr als 30.000 Syrer ihr Leben gelassen, damit wir, die Lebenden, die richtigen Entscheidungen treffen. Aber werden wir dazu in der Lage sein? Werden wir den nächsten Diktator wählen – nach dem "Vorbild" der Islamischen Revolution in Iran? Oder werden wir uns für eine libanesisch-irakische Mischung entscheiden – religiös und ethnisch motivierte Gewalt inbegriffen? Wird Syrien nach Assad in seine Einzelteile zerfallen? Werden wir am Ende nach ägyptischem Modell einen Vertreter der Muslimbrüder zum ersten Mann im Staat wählen? Und wäre das wirklich eine schlechte Wahl?

Wenn ein Volk beschließt, sich aus jahrelanger Unterdrückung zu befreien, dann sind viele Szenarien denkbar. Im Fall Syriens geben die allerwenigsten Anlass zur Zuversicht. Nein, der Übergang wird nicht leicht für Syrien. Es wird ein blutiger Prozess nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum".