SchuldspruchAmish müssen für Bart-Raub an Glaubensbrüdern ins Gefängnis

In Ohio wurden 16 Amish-Mitglieder wegen eines religiös motivierten Hassverbrechens schuldig gesprochen. Grund: Sie schnitten nachts ihren Glaubensbrüdern die Bärte ab. von afp

Zwei Amish verlassen das Gericht in Ohio

Zwei Amish verlassen das Gericht in Ohio  |  © Mark Duncan/AP/dapd

Dem Anführer einer Splittergruppe der Glaubensgemeinschaft der Amish droht in den USA eine lange Haftstrafe, weil er rivalisierenden Glaubensbrüdern gewaltsam die Bärte abschneiden ließ. Ein Geschworenengericht im Bundesstaat Ohio befand Bischof Samuel Mullet eines Hassverbrechens schuldig. Auch 15 seiner Anhänger, die in die Bartattacken verwickelt waren, sprach die Jury schuldig.

Der 66-jährige Mullet führt eine Gemeinde von 18 Familien, die in der abgelegenen Siedlung Bergholz rund 160 Kilometer von Cleveland entfernt leben. Zeugen beschrieben den Vater von 18 Kindern als autokratischen Herrscher über seine Gemeinde. So habe Mullet die Post seiner Anhänger geöffnet und Vergehen mit Schlägen bestraft, außerdem soll er mit mehreren jungen Frauen aus der Gemeinde Geschlechtsverkehr gehabt haben. Während des Verfahrens wurde die Gemeinschaft von mehreren Zeugen als Sekte bezeichnet.

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Die Staatsanwaltschaft warf Mullet vor, gegen Abweichler und religiöse Gegenspieler unter den Amish im vergangenen Herbst eine "Terrorkampagne" gestartet zu haben. Bei fünf Gelegenheiten sollen seine Anhänger ihre Opfer in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und brutal Haare und Bärte abgeschnitten haben. Bei den Amish gilt der Bart als Ausdruck von Männlichkeit, Würde und Frömmigkeit. Nach der Eheschließung darf der Bart nicht mehr geschnitten werden – das Abschneiden wird als Erniedrigung empfunden.

"Wie Tiere geschoren"

Staatsanwalt Steven Dettelbach sagte, die Angeklagten seien auf Mullets Geheiß in die Häuser der Opfer eingedrungen, hätten sie körperlich angegriffen und "fast wie Tiere geschoren". Um eine Verurteilung wegen Hassverbrechen zu erreichen, musste die Staatsanwaltschaft beweisen, dass die Bartattacken religiös motiviert waren und damit mehr als nur eine einfache Körperverletzung darstellen. Die Geschworenen folgten dieser Argumentation – nun kommt auf Mullet und seine Anhänger eine mehrjährige Gefängnisstrafe zu. Der Bischof selbst wurde schuldig gesprochen, die Angriffe angeordnet zu haben, nicht jedoch, daran teilgenommen zu haben. Unter den Tatbeteiligten sind drei seiner Söhne.

Nach US-Bundesrecht können aus Hass auf Minderheiten begangenen Verbrechen dem Nachrichtensender CNN zufolge in bestimmten Fällen sogar mit lebenslanger Haft bestraft werden. Das genaue Strafmaß im Fall Mullet muss das Gericht noch verkünden. Als Datum wurde der 24. Januar 2013 angekündigt. Mullets Verteidiger Edward Bryan sagte, es habe nur "wenige, eigentlich keine Beweise für eine Verbindung zwischen Sam Mullet und diesen Angelegenheiten gegeben".

Die Angriffe hatten die pazifistischen Amish schockiert, denen jede Form von Rache verboten ist. Die Amish sind Angehörige einer Täufergemeinschaft, die im 18. und 19. Jahrhundert vor allem aus Deutschland, der Schweiz und dem Elsass in die USA auswanderte. Die Gemeinschaft zählt rund 260.000 Mitglieder, die meisten von ihnen leben in Pennsylvania und Ohio. Sie sind bekannt dafür, dass sie die meisten Aspekte des modernen Lebens wie Autos oder Telefone ablehnen.

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Leserkommentare
    • krister
    • 21. September 2012 8:08 Uhr

    "Die Angriffe hatten die pazifistischen Amish schockiert, denen jede Form von Rache verboten ist."

    Vor kurzem war eine sehr bemerkenswerte Doku auf Arte über die Amish.Sie leben extrem fundamentalistisch und "altmodisch",teilweise fast mittelaterlich,aber völlig gewaltfrei,und waren sich dadurch des Respekts immer sicher trotz extrem fundamentlistischen Glaubens.Dass jetzt auch bei ihnen radikale Kräfte sich hervortun ist bedauerlich,und es verdient wiederum großen Respket,dass sich die große Mehrheit unverzüglich und völlig von den Gewalttaten distanziert hat.

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    Wo bitte haben sie gelesen das sich die anderen Amish davon distanziert haben?
    In diesem Artikel habe ich dazu nichts gefunden.

    Diese Dokumentation habe ich auch gesehen. Sobald dem Hirten widersprochen wird, setzen Repressionen ein, die bis zum Ausschluss aus der Gemeinschaft reichen. Wenn das keine Gewalt ist.
    Selbstständiges Lesen in der Bibel verboten, mit Mitgliedern der Gemeinschaft über Bibelstellen Diskutieren verboten. Kleiderordnung wie in einem Umerziehungslager.

    • H.Z.
    • 21. September 2012 8:40 Uhr

    Ich als bibeltreuer Christ wüsste gern mal, wo solch ein Verhalten in der Bibel gebilligt wird...

  1. Wo bitte haben sie gelesen das sich die anderen Amish davon distanziert haben?
    In diesem Artikel habe ich dazu nichts gefunden.

    Antwort auf "Respekt!"
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    Die hätten keine Anzeige erstattet ansonsten. Normalerweise erstatten Amisch niemals Anzeige, auch nicht, wenn sie wirklich körperlich verletzt werden von Nicht-Amischen ("Gott wird es richten"). Ist tatsächlich so.

    Dass in diesem Fall Anzeige erstattet wurde grenzt schon beinah an ein Wunder.

    • krister
    • 21. September 2012 16:27 Uhr

    @namehier
    Es heißt im Artikel:"Die Angriffe hatten die pazifistischen Amish schockiert, denen jede Form von Rache verboten ist."
    Bei den Amish ist jede Form von Rache und Gewalt verboten,aber sowas von!
    Distanziert war mein "weltlicher "Begriff,bei den Amish heißt es schlicht"strengstens und absolut verboten."

  2. Die Motiv-Argumentation, die der Religion einen Stellenwert für das Strafverbrechen einräumt, öffnet religiös motivierten Straftaten Tür und Toren. Denn dann bekämen auch "Ehrenmorde" wieder eine Bedeutung, die eine andere ist, als die eines gemeinen Raubmordes. Aber kann eine Gesellschaft so etwas zulassen? Soll eine Tat unter Amish anders bestraft werden, als unter Muslimen, Christen, Juden, Agnostikern und Atheisten? Dies wäre eine fatale Entwicklung. Daher hätten die Gerichte nicht mehr und nicht weniger feststellen müssen, als was sie religionsfrei wahrnehmen können: Nämlich nichts mehr und nichts weniger, als daß der Bart ab ist.

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    • Marobod
    • 21. September 2012 9:28 Uhr

    auch hierzulande eine mutwillige Koerperverletzung.
    Auch ist die Motivation dahingehend entscheidend, wenn ich jemanden angriefe und Verletze oder dergleicen um ihm in seinen Dnken zu treffen ist zu beruecksichtigen.

    Und diese Attacken mit Ehrenmorden gleichzusetzen finde ich schon sehr sehr weit hergeholt.

    Wir unterscheidn zwischen Mord und (fahrlaessiger) Toetung
    Wobei Mord heimtueckisch ist und von vornherein das Ableben eines Menschen vorsieht und wird daher immer mit dem selben Strafmaß baehaengt.

    Außerdem ist ihre Argumentation lächerlich.
    Eher schreckt dieser Urteil ab, da wegen religiöser Motivation eine höhere Strafe zu erwarten ist und nicht anders herum.

    • TDU
    • 21. September 2012 9:39 Uhr

    Schön gesagt. Aber die Logik, man soll etwas ehren, aber wenn es beschädigt wird, macht es auch nichts, wäre auch widersprüchlich.

    Das Problem ist eben, dass dem Bart und Anderem eine bestimmte Bedeutung zugemessen wird. Ich glaube Khomeini wars, der verfügte, dass sich muslimische Männer wieder einen Bart wachsen lassen müssten. Und die Juden haben es ja auch damit.

    Unabhängig vom Ganzen sollte mal untersucht werden, was es mit der tieferen Bedeutung des Bartes auf sich hat, und seit wann der relevant ist.

    Die Verehrung der weiblichen Brust hatte wenigstens einen ökonomischen Sinn. War sie doch lebensspendend als es noch keine künstlich hergestellten Nahrungsmittel für den Nachwuchs gab und vermutlich 99,9% der Menschen sich an ihr gelabt hatten.

    Ihr Argument ist - mit Verlaub - selten dämlich.

    Eine Glaubensgemeinde hat eben Rechte, wie jeder andere auch. Wenn Sie in der Kirche ins Weihwasser pinkeln, dann haben Sie auch mit einem Prozess zu rechnen. Wenn Sie während des Freitagsgebets der Muslime einfach in die Mosche springen und Bauchtanz tanzen, dann haben Sie auch mit einem Prozess zu rechnen.

    Sie diffarmieren hier Gläubige und sprechen Ihnen Rechte einfach mal so eben aus dem Grund ihrer Religionszugehörigkeit ab. Das ist intolerant und wenn Sie einen Blick ins Grundgesetz werfen, werden Sie einen netten Artikel vorfinden, in dem darauf aufmerksam gemacht wird: ALLE sind gleich, egal woher, wie alt, wie schön, religiös oder nicht.

    mit verlaub, da sind sie schlecht informiert....

    der ungewollte eingriff in das erscheinungsbild eines menschen (z.b. durch haare abschneiden) kann und wird als körperverletzung gewertet werden,
    http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperverletzung_%28Deutschland%29#Obj...

    mit entscheidend für die bewertung als solche ist die missgünstige motivation der täter, die in diesem fall ist, wie sie gelesen haben, sogar die frage ob es aufgrund der religiösen motivation sogar von hass gesprochen werden kann.

    Dieser Argumentation könnte man sich vielleicht anschließen, wenn den Tätern die Bedeutung des Bartes für die Opfer nicht bekannt gewesen wäre. Genau dies war jedoch der Fall und genau aus dem Grund haben sie ihren Opfern auch den Bart abgeschnitten. In diesem Sinne war das Abschneiden der Bärte der Opfer das Mittel zum Zweck der absichtlichen Verletzung der persönlichen Ehre der Opfer.

  3. Ich habe eingie Amish in Pennsylvania kennengelernt und auch einen kleinen Einblick in ihre Lebensweise und auch das friedliche Miteinander mit der "normalen" US-Bevölerung. Obwohl sie schon sehr eigen sind und sich weitgehend in ihre Gesellschaft zurückziehen, kann ich mir kaum vorstellen, dass solche Ereignisse die Regel sind, es muss sich wirklich um Einzelfälle handeln. Die gibt es leider immer wieder.

    • Marobod
    • 21. September 2012 9:28 Uhr

    auch hierzulande eine mutwillige Koerperverletzung.
    Auch ist die Motivation dahingehend entscheidend, wenn ich jemanden angriefe und Verletze oder dergleicen um ihm in seinen Dnken zu treffen ist zu beruecksichtigen.

    Und diese Attacken mit Ehrenmorden gleichzusetzen finde ich schon sehr sehr weit hergeholt.

    Wir unterscheidn zwischen Mord und (fahrlaessiger) Toetung
    Wobei Mord heimtueckisch ist und von vornherein das Ableben eines Menschen vorsieht und wird daher immer mit dem selben Strafmaß baehaengt.

    Antwort auf "Der Bart ist ab"
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    ZITAT: "Wir unterscheidn zwischen Mord und (fahrlaessiger) Toetung
    Wobei Mord heimtueckisch ist und von vornherein das Ableben eines Menschen vorsieht und wird daher immer mit dem selben Strafmaß baehaengt."

    Wir unterscheiden zwischen Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung.

    Totschlag begeht, wer einen Menschen tötet, ohne ein Mörder zu sein.

    Mord begeht, wer einen Menschen tötet und dabei bestimmte Mordmerkmale erfüllt von denen die Heimtücke nur eines ist. Andere wären z.B. Habgier, Grausamkeit oder unter Verwendung von gemeingefährlichen Mitteln.

    Mord und Totschlag sind beides Vorsatzstraftaten, bei beiden wird der Tod des Menschen "vorausgesehen" bzw. "gewollt" wird bzw. ist.

    Fahrlässige Tötung erklärt sich von selbst.

  4. Außerdem ist ihre Argumentation lächerlich.
    Eher schreckt dieser Urteil ab, da wegen religiöser Motivation eine höhere Strafe zu erwarten ist und nicht anders herum.

    Antwort auf "Der Bart ist ab"
    • TDU
    • 21. September 2012 9:39 Uhr

    Schön gesagt. Aber die Logik, man soll etwas ehren, aber wenn es beschädigt wird, macht es auch nichts, wäre auch widersprüchlich.

    Das Problem ist eben, dass dem Bart und Anderem eine bestimmte Bedeutung zugemessen wird. Ich glaube Khomeini wars, der verfügte, dass sich muslimische Männer wieder einen Bart wachsen lassen müssten. Und die Juden haben es ja auch damit.

    Unabhängig vom Ganzen sollte mal untersucht werden, was es mit der tieferen Bedeutung des Bartes auf sich hat, und seit wann der relevant ist.

    Die Verehrung der weiblichen Brust hatte wenigstens einen ökonomischen Sinn. War sie doch lebensspendend als es noch keine künstlich hergestellten Nahrungsmittel für den Nachwuchs gab und vermutlich 99,9% der Menschen sich an ihr gelabt hatten.

    Antwort auf "Der Bart ist ab"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte CNN | Bischof | Geschlechtsverkehr | Körperverletzung | Sekte | Staatsanwaltschaft
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