"Wir sollten keine Wunder erwarten. Wunder gibt es nicht", fasst der UN-Sondergesandte für Syrien , Lakhdar Brahimi, die Hoffnungslosigkeit seiner Mission zusammen. Täglich sterben in Syrien mehr als 100 Menschen, und obwohl Präsident Baschar al-Assads Lage Monat für Monat auswegloser erscheint, hält er sich eisern an der Macht.

Die größte Gefahr hat das Regime zudem offenbar vorerst abgewendet: Die Zahl hochrangiger Überläufer zum syrischen Nationalrat und der Freien Syrischen Armee stagnierte in den vergangenen Wochen. Nach dem Anschlag auf die nationale Sicherheitsbehörde Mitte Juli war schnell die Rede davon, der Baath-Partei drohe ein rasanter Machtverlust. Davon ist nichts zu spüren . Wie hat Assad das geschafft?

Häufig hört man, die Religionsgemeinschaft der Alawiten – etwa 13 Prozent der Bevölkerung – kontrolliere in ihrer Gesamtheit den syrischen Staat. Diese Sicht greift zu kurz. Tatsächlich wurden die Angehörigen dieser Glaubensrichtung, wie auch Drusen, Christen und Kurden, über Jahrhunderte hinweg von den nahezu ausschließlich sunnitischen Großgrundbesitzern und der ebenfalls sunnitischen Stadtbevölkerung marginalisiert. Das Osmanische Reich stützte seine Herrschaft auf urbane Eliten, während die Landbevölkerung hungerte.

Erst die Bildungsreformen der Jahrhundertwende und der Aufbau französisch geführter Militärakademien während der Mandatszeit bis 1946 ermöglichten vielen Minderheiten einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg. Die sozialistische Baath-Partei gewann vor diesem Hintergrund vor allem unter Nicht-Sunniten viele Anhänger. Und bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung entwickelte sich ein einflussreicher militärischer Arm, aus dem sich die Kader der Staatsführung bis heute rekrutieren. Obwohl die aktuelle Regierung streng anti-imperialistische Positionen vertritt, wären ihre Mitglieder historisch gesehen ohne die Kolonialpolitik der Franzosen nie in ihre Positionen gelangt. Zivile Funktionsträger kennt die Baath-Partei kaum.

Loyalität hängt an Personen und Profiten

Trotz aller Bekundungen, dem Tribalismus ein Ende setzen zu wollen, spielten Abstammung und Religion eine zentrale Rolle bei der Etablierung der Baath-Diktatur: 1966 erhoben sich alawitische und drusische Offiziere um General Salah Jadid gegen die Präsidentschaft Amin al-Hafiz'; dabei griffen sie auf wenige, strategisch um die Hauptstadt Damaskus stationierte Truppenverbände zurück, die allesamt von Mitgliedern dieser beiden Ethnien kommandiert wurden. Hafiz al-Assad, Vater des heutigen Präsidenten, beteiligte sich an diesem Aufstand, der seinen politischen Aufstieg rasant beschleunigen sollte.

Bis heute stützt sich das Regime auf einzelne Eliteeinheiten wie die 4. Motorisierte Division, die bis zu seiner vermuteten Verwundung von Maher al-Assad befehligt wurde. Dem Bruder des Präsidenten persönlich loyal ergebene Truppen sichern die Hauptstadt und gingen insbesondere in Homs und Hama gegen Rebellenverbände vor. Sunnitische Offiziere hingegen sind gezielt nur in unbedeutenden Gebieten, insbesondere nahe der Grenzen, stationiert – um die Zahlen von Befehlsverweigerungen und Deserteuren gering zu halten. Häufig sind die sunnitischen Offiziere auch nur als Strohmänner eingesetzt, während die Befehlsgewalt über ihre Verbände tatsächlich bei anderen liegt.

Die mehrheitlich von Sunniten bestimmten und einflussreichen Handelskammern des Landes stehen bislang voll auf der Seite des Regimes. Nach Ansicht vieler Experten verhinderten allein sie 1982, dass Hafiz al-Assad während des Aufstands der Muslimbrüder die Kontrolle über das Land verlor. Die mittelständischen Unternehmer erhalten die ungewöhnliche Allianz aufrecht – der Aufruf zum Generalstreik insbesondere in den Wirtschaftszentren Damaskus und Aleppo bleibt aus.