SyrienWie Assad sich an der Macht hält

Das Militär, eine treue Wirtschaftselite und die Bevorzugung von Alawiten stützen in Syrien den Präsidenten und seine Baath-Partei. Das zahlt sich nun im Bürgerkrieg aus. von Nils Metzger

Assad-Anhänger mit syrischer Flagge

Assad-Anhänger mit syrischer Flagge  |  © Louai Beshara/AFP/GettyImages

"Wir sollten keine Wunder erwarten. Wunder gibt es nicht", fasst der UN-Sondergesandte für Syrien , Lakhdar Brahimi, die Hoffnungslosigkeit seiner Mission zusammen. Täglich sterben in Syrien mehr als 100 Menschen, und obwohl Präsident Baschar al-Assads Lage Monat für Monat auswegloser erscheint, hält er sich eisern an der Macht.

Die größte Gefahr hat das Regime zudem offenbar vorerst abgewendet: Die Zahl hochrangiger Überläufer zum syrischen Nationalrat und der Freien Syrischen Armee stagnierte in den vergangenen Wochen. Nach dem Anschlag auf die nationale Sicherheitsbehörde Mitte Juli war schnell die Rede davon, der Baath-Partei drohe ein rasanter Machtverlust. Davon ist nichts zu spüren . Wie hat Assad das geschafft?

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Häufig hört man, die Religionsgemeinschaft der Alawiten – etwa 13 Prozent der Bevölkerung – kontrolliere in ihrer Gesamtheit den syrischen Staat. Diese Sicht greift zu kurz. Tatsächlich wurden die Angehörigen dieser Glaubensrichtung, wie auch Drusen, Christen und Kurden, über Jahrhunderte hinweg von den nahezu ausschließlich sunnitischen Großgrundbesitzern und der ebenfalls sunnitischen Stadtbevölkerung marginalisiert. Das Osmanische Reich stützte seine Herrschaft auf urbane Eliten, während die Landbevölkerung hungerte.

Erst die Bildungsreformen der Jahrhundertwende und der Aufbau französisch geführter Militärakademien während der Mandatszeit bis 1946 ermöglichten vielen Minderheiten einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg. Die sozialistische Baath-Partei gewann vor diesem Hintergrund vor allem unter Nicht-Sunniten viele Anhänger. Und bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung entwickelte sich ein einflussreicher militärischer Arm, aus dem sich die Kader der Staatsführung bis heute rekrutieren. Obwohl die aktuelle Regierung streng anti-imperialistische Positionen vertritt, wären ihre Mitglieder historisch gesehen ohne die Kolonialpolitik der Franzosen nie in ihre Positionen gelangt. Zivile Funktionsträger kennt die Baath-Partei kaum.

Loyalität hängt an Personen und Profiten

Trotz aller Bekundungen, dem Tribalismus ein Ende setzen zu wollen, spielten Abstammung und Religion eine zentrale Rolle bei der Etablierung der Baath-Diktatur: 1966 erhoben sich alawitische und drusische Offiziere um General Salah Jadid gegen die Präsidentschaft Amin al-Hafiz'; dabei griffen sie auf wenige, strategisch um die Hauptstadt Damaskus stationierte Truppenverbände zurück, die allesamt von Mitgliedern dieser beiden Ethnien kommandiert wurden. Hafiz al-Assad, Vater des heutigen Präsidenten, beteiligte sich an diesem Aufstand, der seinen politischen Aufstieg rasant beschleunigen sollte.

Bis heute stützt sich das Regime auf einzelne Eliteeinheiten wie die 4. Motorisierte Division, die bis zu seiner vermuteten Verwundung von Maher al-Assad befehligt wurde. Dem Bruder des Präsidenten persönlich loyal ergebene Truppen sichern die Hauptstadt und gingen insbesondere in Homs und Hama gegen Rebellenverbände vor. Sunnitische Offiziere hingegen sind gezielt nur in unbedeutenden Gebieten, insbesondere nahe der Grenzen, stationiert – um die Zahlen von Befehlsverweigerungen und Deserteuren gering zu halten. Häufig sind die sunnitischen Offiziere auch nur als Strohmänner eingesetzt, während die Befehlsgewalt über ihre Verbände tatsächlich bei anderen liegt.

Die mehrheitlich von Sunniten bestimmten und einflussreichen Handelskammern des Landes stehen bislang voll auf der Seite des Regimes. Nach Ansicht vieler Experten verhinderten allein sie 1982, dass Hafiz al-Assad während des Aufstands der Muslimbrüder die Kontrolle über das Land verlor. Die mittelständischen Unternehmer erhalten die ungewöhnliche Allianz aufrecht – der Aufruf zum Generalstreik insbesondere in den Wirtschaftszentren Damaskus und Aleppo bleibt aus.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für den bemüht objektiven Bericht.

    Der Krieg wird wohl noch eine Weile andauern, es steht für beide Seiten (und das sind nicht nur die Syrer selbst) zuviel auf dem Spiel.

    Für einige Hintergrundinformationen

    http://apxwn.blogspot.de/...

    auch nicht 100% objektiv, trotzdem sollte man beide Seiten des Konflikts kennen, wie sonst kann man als Unbeteiligter urteilen?

    • kitoi
    • 21. September 2012 13:50 Uhr

    "Das System basiert auf wirtschaftlicher Abhängigkeit"

    Ist das in Deutschland wirklich anders?

    "Die sozialistische Baath-Partei gewann ... vor allem unter Nicht-Sunniten viele Anhänger."

    Sie schreiben doch: die Baath-Partei (Assads Partei) hat viele Anhänger.

    "1966 erhoben sich alawitische und drusische Offiziere um General Salah Jadid gegen die Präsidentschaft Amin al-Hafiz'"

    Auch hier schreiben Sie es: Hinter der Baath-Partei standen die Menschen. Die hatte die Nase von Hafiz voll!

    Wenn Sie jetzt 1 und 1 zusammenrechnen, kommen Sie auf das ganz einfache Ergebnis, dass die Mehrheit der Syrer offensichtlich noch immer hinter Assad steht. Denn im Gegensatz zu 1966 wird die angebliche Opposition heute von vielen fremden Mächten unterstützt und trotzdem gelingt es dieser nicht, Assad zu stürzen - weil Sie nicht den Rückhalt in der Bevölkerung haben.

    Also: Finger Weg von Syrien! Überlasst Syrien den Syriern! Ansonsten passiert jenes, was wir aus Afghanistan, Irak, Iran und Libyen bereits kennen.

  2. Ich schätze die Mehrheit der Syrer hat, nach all den Gräueltaten der "friedl. Opposition" längst erkannt, gegen wen hier eigentlich gekämpft wird. Das zu erkennen, dazu braucht es auch keiner Partei-Propaganda. Selbst in den hiessigen Medien, wird nach langem Hinhalten, eine ausländische Beteiligung und damit die Anfachung des Konflikts von Aussen nicht mehr bestritten, sondern bestätigt.

    Wenn mindestens die Hälfte der Terroristen, Kämpfer, Söldner, Aktivisten oder wie auch immer, Ausländer sind, wie es z.B. Vertreter von Ärzte ohne Grenzen berichten, so verwundert es auch nicht, dass ein gewisser Zusammenhalt im syrischen Volk besteht, um diesen Feind zu bekämpfen. Mit Wirtschaftseliten und Baath-Partei, hat das dann eher weniger zu tun. Der "westlich-zionistische Feind", wie Assad ihn nennt, kann sich nicht ewig verstecken.

  3. http://www.presstv.ir/det...

    Sicher eine parteiische Sichtweise.
    Aber das ist bei uns in den Medien nicht weniger, eher mehr.

    Und es sind zu viele Fakten, um komplett aus den Fingern gesogen zu sein.

    Bevor wir also in Syrien weiter die Scheiße anrühren, sollten wir hinter uns sehen, was wir schon angerichtet haben.

    Das ist nicht sehr erbaulich!

    Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Lybier sich heute besser fühlt als unter Gaddafi.

  4. Entfernt. Bite diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Noch einmal sachlich dargelegt: Über den Massenmörder Assad "vertritt" die Volksgruppe der Aleviten die eigenen Interessen: Rücksichtslos und auf Kosten der anderen, mehrheitlichen, Volksgruppen Syriens. Dieses Verhalten ist extrem antidemokratisch. Will die nun aufziehende Demokratie Erfolg haben, müssen die Kader der alten Elite, nämlich die alevitische Volksgruppe, mit derselben Rigurosität zerschlagen werden. Mit ein bisl Ringelpietz mit Anfassen wirds nicht klappen.

  5. die Zeit ist tollkühn. Nachdem hier noch kürzlich auch von Experten wie dem BND-Fuzzi etwa 1000 und 1 Grund dafür gegeben wurden, warum Assad so gut wie weg ist vom Fenster, erläutert man jetzt genauso intensiv, warum Assad wohl noch eine Weile im Amt bleibt.

    Schade um die Zeit.

  6. Noch einmal sachlich dargelegt: Über den Massenmörder Assad "vertritt" die Volksgruppe der Aleviten die eigenen Interessen: Rücksichtslos und auf Kosten der anderen, mehrheitlichen, Volksgruppen Syriens. Dieses Verhalten ist extrem antidemokratisch. Will die nun aufziehende Demokratie Erfolg haben, müssen die Kader der alten Elite, nämlich die alevitische Volksgruppe, mit derselben Rigurosität zerschlagen werden. Mit ein bisl Ringelpietz mit Anfassen wirds nicht klappen.

    Antwort auf "Massenmörder"
  7. Sehr geehrter Herr Metzger,
    Glauben Sie wirklich wenn das Volk in Syrien den Assad nicht will, dann bleibt er nicht einen Tag an der Macht.
    Es gibt keinen Bürgerkrieg in Syrien, das ist Alkaida gegen das syrische Volk.
    leider werden Alkaida von den Westlichen Ländern unterstützt und Ihr Name in Syrien heißt „Rebellen“

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    • PGMN
    • 21. September 2012 16:33 Uhr

    Aus demselben Grund hat sich Ungarn auch 1956 auch aus dem Ostblock gelöst und der Prager Frühling war erfolgreich.

    Nein, die Tatsache, dass Assad noch an der Macht ist hat rein gar nichts damit zu tun, ob eine Mehrheit des Volkes für oder gegen ihn eingestellt ist. Vielmehr ist der Anteil seiner Unterstützer gerade so groß, dass der Umsturz nicht kurzfristig gelingt. Und jeder Tag, den er sich noch an seinen Sessel klammert, wird mit Menschenleben bezahlt.

    Und die behauptung "al Quaida wird vom Westen unterstützt" ist so irre, dass ich nicht einmal wissen will, wo Sie diese Behauptung aufgeschnappt haben.

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