Ostasien"China will die führende Macht im Westpazifik werden"

Peking streitet im Chinesischen Meer mit Nachbarstaaten um Rohstoffe. Treibende Kraft ist dabei auch der Nationalstolz in Ostasien, sagt Militärexperte James R. Holmes. von 

Proteste gegen Japans Außenpolitik in der chinesischen Stadt Hangzhou

Proteste gegen Japans Außenpolitik in der chinesischen Stadt Hangzhou  |  © AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE: Der jüngste Streit zwischen China und Japan um die Senkaku-Diayu-Inseln ist nur einer der zahlreichen Territorialkonflikte, in die China verstrickt ist. Bei diesen Auseinandersetzungen – sei es mit Vietnam und Malaysia um die Parcel- und Spratly-Inseln oder mit den Philippinen um die Scarborough-Bucht – geht es vornehmlich um Wirtschaftsinteressen, um Fischgründe und Eigentumsrechte an Gas- und Erdölvorkommen. Wie konnten sich diese Konflikte über Jahrzehnte hinziehen, ohne dass eine Lösung gefunden wurde?

James R. Holmes

ist Professor für Strategische Studien am Naval War College der US-Marine. Er war zuvor Artillerieoffizier auf der USS Wisconsin und ist Veteran des ersten Golf-Krieges. Sein letztes Fachbuch "Red Star over the Pacific: China’s Rise and the Challenge to U.S. Maritime Strategy" beschäftigt sich mit Chinas Rolle im Pazifik.

James R. Holmes: Ich glaube, dass diese Konflikte vor allem zeigen, dass internationale Verträge und Abkommen – in diesem Fall das UN-Seerechtsübereinkommen – bei langjährigen Disputen nicht besonders wirksam sind. Der griechische Historiker Thukydides schrieb, dass es drei Faktoren gibt, die das Handeln eines Staates beeinflussen: Angst, Ehre und Interessen. Im Fall der Territorialkonflikte im Chinesischen Meer haben alle Anspruchsteller ein erhebliches Interesse daran, das Gebiet und die umliegenden Seegebiete zu kontrollieren, um dadurch einen Anspruch auf die dort gelagerten Bodenschätze zu erheben.

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ZEIT ONLINE: China pflegt enge wirtschaftliche Beziehungen zu seinen Nachbarländern. Wäre es nicht im Interesse aller Kontrahenten, einen Kompromiss zu erreichen?

Holmes: Alle Beteiligten haben Angst vor Verhandlungen. Um überhaupt verhandeln zu können, müssten sie eine gewisse Kompromissbereitschaft zeigen. Territoriale Souveränität ist jedoch nicht etwas, über das man Kompromisse erzielen kann. Zumindest nicht im fernen Osten. Dabei spielt Nationalstolz eine große Rolle. Die Regierungen in China, Japan, Vietnam und den Philippinen stützen ihr Prestige nach wie vor darauf, die Grenzen ihrer territorialen Macht zu verteidigen. Das Volk würde es ihnen nie verzeihen, wenn sie hier mit den Nachbarländern Tauschhandel betreiben würden.

ZEIT ONLINE: Die Meeresstrecke zwischen Singapur und Japan wird von einigen Verteidigungsexperten als die Achse der maritimen Macht in Ostasien angesehen. Will China dieses Gebiet militärisch kontrollieren?

Holmes: China versucht gerade, die führende Macht im Chinesischen Meer und im Westpazifik zu werden. Demnächst wird die Volksrepublik voraussichtlich ihre Bemühungen auf den Indischen Ozean konzentrieren. Ich glaube allerdings nicht, dass China die Rolle einer globalen Seemacht anstrebt. Mit Ausnahme der asiatischen Seegebiete scheinen die Chinesen keine Einwände gegen die Übermacht der USA auf See zu haben. Irgendwie erinnert mich das an die Vorkriegszeit, als Japan gerade seine Rolle als führende Macht in der Westpazifik-Region ausbaute. Kurz gesagt: China gibt sich mit der Rolle einer regionalen Militärmacht, die ihre Interessen mit diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln vertritt, zufrieden.

ZEIT ONLINE: Die USA hatten in der letzten Zeit zunehmend Schwierigkeiten, neue Streitkräfte im Chinesischen Meer zu stationieren. Japan, Indonesien und die Philippinen sind nicht mehr so einfach bereit, wie früher US-Militärstützpunkte aufzunehmen. Das lässt den Chinesen mehr Spielraum. Welche Konsequenzen das für die Machtbalance im Pazifik ?

Leserkommentare
  1. die Karten in den Magazinen chinesischer Fluglinien zu sehen. Ein riesiger gestrichelter Kreis um das ganze Südchinesische Meer. Man kann praktisch nach Borneo schwimmen. Aber natürlich gibt es keine Verbindungen dahin. Warum auch?

  2. die Führung der Welt im 21. Jahrhundert gehört Rußland und China, die es in der Hand haben ob der Westen weich oder hart fallen darf. Ach ja, das Südchinesische Meer -fällt meiner Meinung nach in die Kategorie Golf von Mexico und was gibt es da nochmal zu diskutieren?

  3. aber wenn man sich das Seegebiet ansieht,was sie zu ihren Lokalgewässern zählen),dann kann man nur hoffen,das es nicht zu einer militärischen Erzwingung kommt,sonst muss ich vorher in Beijing anfragen,ob ich auf Palawan ins Wasser darf.Die US Navy ist wieder gerngesehener Hafenbesucher in Ländern,die mal anders dachten.

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    in Ländern, die mal anders dachten"

    Genau da haben wir den Grund für die derzeit zunehmenden Reibereien in dieser Ecke der Welt.

    Unter der Ägide des Friedensnobelpreisträgers haben die USA ihre Interessen neu durchdacht (kann aber auch sein, dass das diesbezügliche Denken schon früher einsetzte, da will ich mich nicht festlegen), und entschieden, dass sie sich in Zukunft mehr dem pazifischen Raum zuwenden wollen.

    Und zwar, imho, nicht unbedingt aus pazifistischen Motiven.

    Seit Jahren kann man, besonders im Fachgebiet von ex-Artillerieoffizier James R. Holmes, stark angestiegene Aktivitäten beobachten, da wird manövert mit jedem, der nicht rechtzeitig im Hafen ist.

    Und plötzlich werden aus allen Ecken Ansprüche angemeldet, Ansprüche auf weit weg liegende Felsen im Wasser, die bis dato in der Schublade "disputed" gelegen haben und eigentlich nicht so recht für Stress taugten.

    Ich erzähl' gleich weiter

    ist Japan:

    1945 bedingungslose Kapitulation nach einem verlorenen flächendeckenden Angriffskrieg, in dem die Japaner eigentlich kein bekanntes Kriegsverbrechen (incl. chemische und biologische (!!!) Kriegsführung) ausgelassen haben,
    dadurch Verlust aller militärisch errungenen territorialen Ansprüche,

    sowie Reduzierung der Streitkräfte auf eine "Selbstverteidigungs"-Armee.

    Zur Zeit erleben wir in Japan ein Erstarken nationalistischer Kräfte, was sich mit der Aufnahme der Namen der für die o.g. Kriegsverbrechen Verantwortlichen in die Liste der zu verehrenden Seelen im Yakusuni-Schrein manifestiert.
    Und natürlich in den Besuchen höchster Politiker, die an dieser Gedenkstätte den toten Kriegern, nun eben auch einschließlich der verurteilten Kriegsverbrecher, ihre Aufwartung machten.
    Und machen.

    Japan ist zur Zeit, den großen Bruder hinter sich wissend, an allen Fronten aktiv bezüglich der "Rückgabe" japanischer Inseln.
    Man streitet mit China.
    Man zankt sich mit Russland.
    Und auch Südkorea kriegt seinen Teil ab, wobei das mit Sicherheit nicht geplant war von den Strategen im Pentagon.

    Weil einem das die Strategie der Sündenböcke China und Russland versaut.

  4. in Ländern, die mal anders dachten"

    Genau da haben wir den Grund für die derzeit zunehmenden Reibereien in dieser Ecke der Welt.

    Unter der Ägide des Friedensnobelpreisträgers haben die USA ihre Interessen neu durchdacht (kann aber auch sein, dass das diesbezügliche Denken schon früher einsetzte, da will ich mich nicht festlegen), und entschieden, dass sie sich in Zukunft mehr dem pazifischen Raum zuwenden wollen.

    Und zwar, imho, nicht unbedingt aus pazifistischen Motiven.

    Seit Jahren kann man, besonders im Fachgebiet von ex-Artillerieoffizier James R. Holmes, stark angestiegene Aktivitäten beobachten, da wird manövert mit jedem, der nicht rechtzeitig im Hafen ist.

    Und plötzlich werden aus allen Ecken Ansprüche angemeldet, Ansprüche auf weit weg liegende Felsen im Wasser, die bis dato in der Schublade "disputed" gelegen haben und eigentlich nicht so recht für Stress taugten.

    Ich erzähl' gleich weiter

  5. ist Japan:

    1945 bedingungslose Kapitulation nach einem verlorenen flächendeckenden Angriffskrieg, in dem die Japaner eigentlich kein bekanntes Kriegsverbrechen (incl. chemische und biologische (!!!) Kriegsführung) ausgelassen haben,
    dadurch Verlust aller militärisch errungenen territorialen Ansprüche,

    sowie Reduzierung der Streitkräfte auf eine "Selbstverteidigungs"-Armee.

    Zur Zeit erleben wir in Japan ein Erstarken nationalistischer Kräfte, was sich mit der Aufnahme der Namen der für die o.g. Kriegsverbrechen Verantwortlichen in die Liste der zu verehrenden Seelen im Yakusuni-Schrein manifestiert.
    Und natürlich in den Besuchen höchster Politiker, die an dieser Gedenkstätte den toten Kriegern, nun eben auch einschließlich der verurteilten Kriegsverbrecher, ihre Aufwartung machten.
    Und machen.

    Japan ist zur Zeit, den großen Bruder hinter sich wissend, an allen Fronten aktiv bezüglich der "Rückgabe" japanischer Inseln.
    Man streitet mit China.
    Man zankt sich mit Russland.
    Und auch Südkorea kriegt seinen Teil ab, wobei das mit Sicherheit nicht geplant war von den Strategen im Pentagon.

    Weil einem das die Strategie der Sündenböcke China und Russland versaut.

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  • Schlagworte China | Japan | USA | Allianz | Bodenschätze | Ostasien
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