ZEIT ONLINE: Der jüngste Streit zwischen China und Japan um die Senkaku-Diayu-Inseln ist nur einer der zahlreichen Territorialkonflikte, in die China verstrickt ist. Bei diesen Auseinandersetzungen – sei es mit Vietnam und Malaysia um die Parcel- und Spratly-Inseln oder mit den Philippinen um die Scarborough-Bucht – geht es vornehmlich um Wirtschaftsinteressen, um Fischgründe und Eigentumsrechte an Gas- und Erdölvorkommen. Wie konnten sich diese Konflikte über Jahrzehnte hinziehen, ohne dass eine Lösung gefunden wurde?

James R. Holmes: Ich glaube, dass diese Konflikte vor allem zeigen, dass internationale Verträge und Abkommen – in diesem Fall das UN-Seerechtsübereinkommen – bei langjährigen Disputen nicht besonders wirksam sind. Der griechische Historiker Thukydides schrieb, dass es drei Faktoren gibt, die das Handeln eines Staates beeinflussen: Angst, Ehre und Interessen. Im Fall der Territorialkonflikte im Chinesischen Meer haben alle Anspruchsteller ein erhebliches Interesse daran, das Gebiet und die umliegenden Seegebiete zu kontrollieren, um dadurch einen Anspruch auf die dort gelagerten Bodenschätze zu erheben.

ZEIT ONLINE: China pflegt enge wirtschaftliche Beziehungen zu seinen Nachbarländern. Wäre es nicht im Interesse aller Kontrahenten, einen Kompromiss zu erreichen?

Holmes: Alle Beteiligten haben Angst vor Verhandlungen. Um überhaupt verhandeln zu können, müssten sie eine gewisse Kompromissbereitschaft zeigen. Territoriale Souveränität ist jedoch nicht etwas, über das man Kompromisse erzielen kann. Zumindest nicht im fernen Osten. Dabei spielt Nationalstolz eine große Rolle. Die Regierungen in China, Japan, Vietnam und den Philippinen stützen ihr Prestige nach wie vor darauf, die Grenzen ihrer territorialen Macht zu verteidigen. Das Volk würde es ihnen nie verzeihen, wenn sie hier mit den Nachbarländern Tauschhandel betreiben würden.

ZEIT ONLINE: Die Meeresstrecke zwischen Singapur und Japan wird von einigen Verteidigungsexperten als die Achse der maritimen Macht in Ostasien angesehen. Will China dieses Gebiet militärisch kontrollieren?

Holmes: China versucht gerade, die führende Macht im Chinesischen Meer und im Westpazifik zu werden. Demnächst wird die Volksrepublik voraussichtlich ihre Bemühungen auf den Indischen Ozean konzentrieren. Ich glaube allerdings nicht, dass China die Rolle einer globalen Seemacht anstrebt. Mit Ausnahme der asiatischen Seegebiete scheinen die Chinesen keine Einwände gegen die Übermacht der USA auf See zu haben. Irgendwie erinnert mich das an die Vorkriegszeit, als Japan gerade seine Rolle als führende Macht in der Westpazifik-Region ausbaute. Kurz gesagt: China gibt sich mit der Rolle einer regionalen Militärmacht, die ihre Interessen mit diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln vertritt, zufrieden.

ZEIT ONLINE: Die USA hatten in der letzten Zeit zunehmend Schwierigkeiten, neue Streitkräfte im Chinesischen Meer zu stationieren. Japan, Indonesien und die Philippinen sind nicht mehr so einfach bereit, wie früher US-Militärstützpunkte aufzunehmen. Das lässt den Chinesen mehr Spielraum. Welche Konsequenzen das für die Machtbalance im Pazifik ?