TruppenabzugEin Bundeswehr-Lager wird in Kleinteile zerlegt

Der Geldautomat muss weg, das Postamt auch: Die Bundeswehr plant ihren Abzug aus Afghanistan. Wie verpackt man ein Feldlager in Kisten? von Ronja von Wurmb-Seibel

Acht Jahre lang sind deutsche Soldaten nach Faizabad gekommen. Sie haben Panzer und Fahrräder mitgebracht. Sie haben Mauern gezogen, Container aufgestellt, ein Lager errichtet und es zweimal erweitert. Krankenhaus, Kirche, Postamt, Geldautomat, Grillplatz, Beachvolleyball-Feld: Das alles muss jetzt wieder weg. Das Soldaten-Lager passt in 350 Seecontainer und 112 Fahrzeuge.

Faizabad ist das erste große Feldlager der Bundeswehr, das geschlossen wird. Es ist ein Lackmustest für die deutschen Soldaten, der Ende Oktober beendet sein soll. Bis Ende 2014 sollen dann alle Kampftruppen das Land verlassen haben.

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"Eine Oase" in Afghanistan

Der Mann, der den Abbau koordiniert, steht vor seinem Büro, einem geschützten Container, und raucht. Es ist vier Uhr nachmittags in Afghanistan, die gröbste Hitze des Tages ist vorüber: Knapp vierzig Grad, die Luft steht. Die vierzig Spezialkräfte, die Rainer Barth für den Abbau mit nach Faizabad gebracht hat, arbeiten an diesem Tag bereits seit neun Stunden. Sie bauen Holzgestelle auseinander, decken Dächer ab und zerlegen Container.

Rainer Barth ist zum vierten Mal hier, er hängt an "seinem" Lager, wie er sagt. Es liegt im äußersten Norden Afghanistans, 1.200 Meter über dem Meeresspiegel, umgeben von hohen Gebirgsketten, die sich je nach Jahreszeit sandgelb, schneeweiß oder saftig grün färben. "Eine Oase", sagt der Kommandeur. "Theoretisch ein perfekter Urlaubsort", finden Soldaten. Noch sind in Faizabad etwa 250 Bundeswehr-Angehörige stationiert. Jeder kennt jeden, fast alle duzen sich.

"Was habt ihr heute wieder kaputtgemacht?"

An Barths Seite arbeitet Marius Plinke, der Logistiker in Faizabad. Plinke plant, wann etwas abgebaut werden soll, Barth sorgt dafür, dass es auch tatsächlich passiert. Beide müssen sich vor allem über die richtige Reihenfolge des Rückbaus Gedanken machen: Einerseits muss möglichst viel möglichst früh abgebaut werden. Andererseits sollen alle "Fähigkeiten" im Lager möglichst lange erhalten bleiben: Verpflegung, Sicherheitsanlagen, ärztliche Versorgung, die Wachen.

"Was habt ihr heute wieder kaputtgemacht?", fragt ein Soldat den Logistiker Marius Plinke, als dieser abends ins "P8" kommt, einen mit Tarnnetz überspannten Biergarten, benannt nach der Standardpistole der Bundeswehr. Ja, was eigentlich? Nicht immer wissen die beiden Männer eine Antwort. Der Zahnarzt ist schon weg, die Apotheke, die Pommesbude.

Die Gebäude übernehmen die Afghanen

Um die Gebäude an sich müssen sich Plinke und Barth allerdings zumeist gar nicht kümmern. Die Bundeswehr hinterlässt keine grüne Wiese, sondern ein ausgeräumtes, nur teilweise abgebautes Camp. Die verbleibende Infrastruktur wird von der paramilitärischen afghanischen Spezialpolizei ANCOP übernommen. Büros, Schlafcontainer, Duschen, Toiletten, Möbel und Teile des Stromnetzes – nach heutigem Stand werden es Lagerreste im Wert von 5,9 Millionen Euro sein. "Wir werden es als Eigentum des Landes betrachten und darauf aufpassen", sagt der ANCOP-Kommandeur. Momentan haust er mit seinen Soldaten unweit des deutschen Feldlagers in alten Zelten und Containern.

Was nicht an die Afghanen übergeben wird, muss nach Masar-i-Sharif, ins größte Feldlager der Deutschen. Von dort aus geht es entweder an andere Bundeswehr-Standorte innerhalb des Landes oder zurück nach Deutschland. Zwischen Faizabad und Masar-i-Sharif liegen 390 Kilometer – bei afghanischen Straßenverhältnissen sind das mindestens zwölf Stunden Fahrtzeit. Den Transport übernehmen lokale Unternehmen mit sogenannten Jingle Trucks: Lastwagen, die in Deutschland nicht mehr die geringste Chance auf Zulassung hätten. Bevor die Soldaten die Container in Faizabad auf die Ladeflächen hieven, müssen sie alles "sicherheitsempfindliche Material" entfernen: Antennen, Navigationssysteme, Funkgeräte. "Wir wollen keine Einladung hinterlassen", erklärt Plinke. In Afghanistan, wo selbstgebastelte Sprengkörper mit die größte Gefahr sind, muss auf jeden Kabelrest geachtet werden.

Leserkommentare
  1. den Kindern dort schenken, die hätten über Jahre hinweg einen riesen Gaudi daran (:

    Wie ich den Deutschen kenne lässt er sich zu solchen Torheiten aber nicht hinreißen und fliegt ihn zurück in die Magdeburger heide, wo er dan "fachgerecht" entsorgt wird.

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    • MB1983
    • 11. Oktober 2012 11:51 Uhr

    Woher nehmen Sie den das Wissen das "die Deutschen" sowelche Torheiten machen?

    Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, das z.B. Tischkicker oder ähnliches im Land bleiben und der Bevölkerung geschenkt werden.

    Grüße

    • MB1983
    • 11. Oktober 2012 11:51 Uhr

    Woher nehmen Sie den das Wissen das "die Deutschen" sowelche Torheiten machen?

    Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, das z.B. Tischkicker oder ähnliches im Land bleiben und der Bevölkerung geschenkt werden.

    Grüße

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  • Schlagworte CDU | Afghanistan | Bundeswehr | Fahrzeug | Post | Soldat
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