EnergiewendeJapan steigt aus Atomkraft aus

Bis 2040 sollen alle Reaktoren im Land schrittweise abgeschaltet werden. Mit dem Beschluss zieht Japans Regierung die Konsequenzen aus der Katastrophe von Fukushima. von afp

Demonstration gegen Atomkraft in Tokio

Demonstration gegen Atomkraft in Tokio  |  © Toru Yamanaka/AFP/GettyImages

Japans Regierung hat den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2040 verkündet. Mit dem Beschluss folgt Tokio anderthalb Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima dem Beispiel Deutschlands, wo die Bundesregierung bereits kurz nach dem Unglück die Abschaltung aller AKW bis 2022 beschlossen hatte.

Allerdings schlug Ministerpräsident Yoshihiko Noda vor, dass die nach der Katastrophe zwischenzeitlich heruntergefahrenen Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden, um die Energieversorgung bis zum Ausstieg zu sichern. Die Regierung Nodas könnte sich in noch diesem Jahr einer Wahl stellen, ist derzeit aber eher unbeliebt in der Bevölkerung. In Japan hatte sich seit Fukushima zunehmend Widerstand gegen die Atomkraft formiert.

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Japan müsste seine Energieversorgung mit dem Ausstieg vollkommen neu strukturieren und aufbauen. Vor der Katastrophe von Fukushima bezog das Land 30 Prozent seiner Energie aus Atomkraft.

Japans Katastrophe
Tage am Abgrund nach Beben, Tsunami und GAU
11. März 2011, 14.46 Uhr
Satellitenbild von Japan

Satellitenbild von Japan  |  © Nasa/Goddard/SeaWiFS/ORBIMAGE

Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans erschüttert rund sechs Minuten das Land mit einer Stärke von 9,0. Das Epizentrum liegt rund 130 Kilometer vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu. Die Auswirkungen sind dramatisch: Auf dem Meeresgrund reißt die Erdkruste auf 400 Kilometern Länge, Teile der Küste verlagern sich ruckartig um bis zu 50 Meter nach Osten. Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein hebt sich um einige Meter an.

11. März 2011, ca. 15.40 Uhr
Zerstörung in der Stadt Natori

Zerstörung in der Stadt Natori  |  © STR/AFP/Getty Images

Ein Tsunami rast mit 800 Kilometern pro Stunde auf die Küste zu. Über zehn Meter sind die Flutwellen mancherorts hoch, an einzelnen Stellen erreichen sie fast 40 Meter. Kilometerweit dringen die Wassermassen landeinwärts. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Ganze Städte werden ausgelöscht. Im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt der Strom aus. Das Beben hat die Leitungen gekappt, der Tsunami Dieselgeneratoren überspült.

11. März 2011, 16.30 bis 20.30 Uhr
Das AKW Fukushima am 12. März 2011

Das AKW Fukushima am 12. März 2011  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Wasserkühlung zweier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima-Daiichi ist ausgefallen. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sagt, die Lage in den 54 Reaktoren des Landes sei stabil, weil sie sofort nach dem Beben automatisch heruntergefahren wurden. Um 20.30 Uhr muss die Regierung dann für Fukushima-Daiichi den atomaren Notfall verkünden. Etwa 2.000 Bewohner in der Umgebung werden aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen.

12. März 2011, morgens
Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.

Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.  |  © STR/AFP/Getty Images.jpg

Nach Strahlenmessungen am Kernkraftwerk wird die Evakuierungszone vergrößert. Mindestens 60.000 Personen sind auf der Flucht. Ministerpräsident Kan fliegt im Hubschrauber nach Fukushima, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im AKW lassen Ingenieure Dampf durch die Notventile ab, um den Druck in den Reaktorbehältern zu senken. Inzwischen kocht das Wasser in den Notkühlbecken.

12. März 2011, 15.36 Uhr
Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.

Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.  |  © Park Ji-Hwan/AFP/Getty Images

In Fukushima-Daiichi entzündet sich Wasserstoff und zerfetzt die Außenhülle von Reaktor 1. Ohne Strom für die Pumpen, die den Kühlkreislauf antreiben, waren Temperatur und Druck zu stark angestiegen. Trotz Abschaltung des Blocks begannen so die Brennstäbe zu glühen, Wasser verdampfte und Wasserstoffgas bildete sich, während der Reaktorkern schmolz. Japan und die Welt fürchten die atomare Apokalypse.

13. März 2011
Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.

Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.  |  © JIJI PRESS/AFP/Getty Images

In der Nähe des von Reaktor 1 in Fukushima-Daiichi wird eine vierhundertfach erhöhte Radioaktivität gemessen. Ministerpräsident Kan räumt erstmals ein, dass eine Kernschmelze möglich sei. Simulationen und Messdaten von außen bestätigen die Schmelze in den Wochen nach der Havarie. Heute ist die Ruine, die von Block 1 übrig ist, luftdicht in Plastik eingehüllt.

14. März 2011
Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.

Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

Allein in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans werden 2.000 Tote gefunden. 390.000 Menschen sind auf der Flucht aus dem Tsunami-Katastrophengebiet, mehr als 1.400 Notlager werden eingerichtet. Inzwischen gibt es an vielen Orten kein Heizöl mehr, die Menschen frieren. Rund 400.000 Häuser sind zerstört weitere Huntertausende Gebäude beschädigt, Straßen, Zugstrecken und ganze Landstriche unpassierbar.

14. März 2011
Fallout nahe der Küste

Fallout nahe der Küste  |  © ZEIT-Grafik

Obwohl die AKW-Arbeiter die Reaktoren verzweifelt mit Meerwasser kühlen, gibt es eine weitere Wasserstoffexplosion, im Reaktor 3 von Fukushima-Daiichi. Radioaktives Material dringt nach draußen, der Großteil wird in den kommenden Tagen auf den Pazifik geweht. Doch ein Teil verbreitet sich auch über dem Festland. Die Abbildung zeigt, wo sich langlebiges Cäsium konzentriert hat (rot steht für die höchsten Strahlenwerte).

15. März 2011
Strahlenuntersuchung

Strahlenuntersuchung  |  © Issei Kato/AFP/Getty Images

Eine dritte und vierte Explosion ereignen sich in Fukushima. Das Gebäude von Reaktor 2 bleibt intakt, Wasserstoff aus Block 3 sprengt das Dach von Reaktor 4. Von vorher 800 Arbeitern bleiben etwa 40 im stockfinsteren Kraftwerk. Vergeblich hatten sie versucht, weitere Detonationen zu verhindern. Das Unglück wird als nukleares Ereignis der Stufe 6 bewertet. Einen Monat später erhält es wie Tschernobyl die Höchststufe 7: GAU.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie

Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

In einem der sechs Reaktorblöcke ereignete sich offenbar eine komplette Kernschmelze, in zwei weiteren verflüssigten sich die Brennstäbe wohl mindestens zur Hälfte. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Eine Stadt in Trümmern

Eine Stadt in Trümmern  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Die Strahlenbelastung der Menschen war weit geringer als für die Bewohner von Tschernobyl. Das Strahlenschutz-Komitee der UN schätzt, dass die Zunahme der Krebsfälle nicht messbar sein wird. Das liegt vor allem daran, dass kaum radioaktives Jod von Menschen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen worden ist. Der Tsunami hingegen tötete mehr als 18.000 Menschen. Bis heute wohnen Überlebende in provisorischen Wohnungscontainern.

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Leserkommentare
    • edgar
    • 14. September 2012 10:39 Uhr

    Natürlich unter Unkenrufe der anderen 50%.

    Es war kurz nach der Katastrophe in Fukushima, als Merkel hier den Rückzug verkündete.

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    • xpeten
    • 14. September 2012 11:05 Uhr

    (bezogen auf die Forumsteilnehmer, was nicht repräsentativ für die gesellschaftliche Situation ist...)

    • Karl63
    • 14. September 2012 11:07 Uhr

    und die Folgen der Havarie der Reaktoren in Fukushima sind den Japanischen Steuerzahler sehr teuer zu stehen gekommen. Ich meine mich daran zu erinnern, der SPIEGEL hätte im vergangenen Jahr publiziert, TEPCO habe von der Regierung finanzielle Unterstützung im Wert von 43 Milliarden Euro erhalten und die finanziellen Folgen der dreifachen Kernschmelze zu bewältigen. Wie bekannt, ist eine kurzfristige Demontage / Entsorgung der von der Kernschmelze betroffenen Reaktoren überhaupt nicht möglich und was dies dann in der Zukunft noch an Kosten nach sich zieht, bleibt offen.
    Japan ist besteht aus einer Kette von Vulkaninseln. Von daher müssten dort ideale Voraussetzungen für die Nutzung von geothermischer Energie vorhanden sein.

  1. ...vor meinen Augen, in denen hönisch und von oben herab die Dummheit des deutschen Atomausstieges gegeißelt wurde, immer mit dem Verweis auf die Japaner die nach der Katastrophe im eigenen Land so cool geblieben seien.

    Es gäbe dort ja gar keine "Anti-Atomkraft" Bewegung (weil "Der Japaner an sich" ja sowieso nicht demonstriere... Kultur und so...)

    Und überhaupt wäre Deutschland bald bei dieser "Zukunftstechnologie" abgehängt, und man sollte sich ein Beispiel an den Japanern nehmen, die ja nach wie vor hinter ihrer Atomkraft stehen...

    Aber wie sagte Colbert doch so schön: „Ich glaube nicht an die Realität. Sie ist ja bekannt für ihre linksliberalen Tendenzen.“

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    Deutschland und Japan genauso realitätsfern .....

    Wer behauptet, in Japan werde "kulturell bedingt" nicht demonstriert, hat keine Ahnung von dem Land und eine (teilweise militante) Anti-Atomkraft-Bewegung gab es dort schon, als die Grünen nur ein Glitzern im Auge der 68er waren.
    Japan hat die Konsequenzen aus den enormen Umweltschäden von Fukushima gezogen. Wer dagegen spricht, muss schon sagen, wie er eine zukünftige Katastrophe 100%ig verhindern will oder soll mal Urlaub dort machen.

    Eine logische Konsequenz aus den Ereignissen.

  2. Das ist ja großartig. Also mit so etwas hätte ich nicht gerechnet. Gerade die Japaner haben mir immer den Eindruck gemacht, als ob sie fast blind an alten Fortschrittskonzepten festhalten. Auch aus China hört man ja Gerüchte, dass die beginnen sich massiv für den Umweltschutz zu interessieren. Vielleicht ist es ja so, dass Asiaten wirklich eine Funktion als Erneuerer bekommen nachdem sie den Westen jahrzehntelang einfach nur abkopiert haben.

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    schna´sel schreibt:

    ..."Gerade die Japaner haben mir immer den Eindruck gemacht, als ob sie fast blind an alten Fortschrittskonzepten festhalten."...

    Die weitere Entwicklung der erneuerbaren Energiekonzepten ist ein Forschrittskonzept. Das Konzept muss nicht blind, seinder viel mehr nur vernünftig entwickelt werden.

    Eine Zusammenarbeit zwei der fortschrittlichsten technologischen Länder dieser Welt beim Ausbau dieses Konzeptes, wäre der nächste vernünftige Schritt.

    Ich glaube, China ist da weiter, als man (bei uns) denkt/unterstellt.

    Nur ist es eben auch eine Frage, wie man rasantes Wachstum, Fortschritt und Nachhaltigkeit unter einen Hut bekommt. Dass aber China (oder auch Indien) mit den Energie-Konzepten der westlichen Staaten (aus der Vergangenheit) nicht nur sich selber, sondern auch die Welt insgesamt vor die Wand fährt, wird wohl nur US-Republikaner überraschen.

    Es ist vermutlich nur die Frage, wie ein Weg aussehen kann, gleichzeitig die Erwartungen an den Weltmarkt zu erfüllen und gleichzeitig auf erneuerbare Energien zu setzen, die noch nicht in dem Maße verfügbar sind, wie es notwendig wäre.

    Entsprechend würde ich übrigens auch die Subventionierung interpretieren, unter der die Deutschen Solar-Unternehmen so leiden: Die Chinesischen Solar-Unternehmen sollen auf "Teufel-komm-raus" wachsen um sowohl im Welthandel als auch national die billigsten und meisten Module herzustellen: Denn so kann auch in China selber eine maximale Solarstrom-Menge erzeugt werden. Dass dadurch auch Weltmarktführer entstehen, wird natürlich gerne mitgenommen.

  3. 4. LIKE !

    OWT

    • Gerry10
    • 14. September 2012 10:51 Uhr

    ...damit hätte ich nicht gerechnet.
    Hoffentlich macht die deutsche Regierung da was draus.

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    • Bashu
    • 14. September 2012 12:48 Uhr

    in die Hosen.
    Weltmarktführung in Umwelttechnologie dürfte bei den sich wie ein zähfließenden Masse schleppenden Entwicklungen hierzulande und so potenten Konkurrenten wie Japan und China, die auf den Zug aufgesprungen sind und bestimmt nicht lange fackeln werden, dann ein vergangener Traum sein.

    Zwischen den vollmundigen Erklärungen der deutschen Politiker und der Realität bei der Implementierung großer Projekte (BER Bruch-airport, Elbphilharmonie, Stuttgart 21 usw) klaffen große Realitätslücken, Korruption, Misswirtschaft und Selbstüberschätzung.

    Zurück zum Thema: Gratulation an die Japaner, der richtige Schritt zur richtigen Zeit.

  4. .. und wir in Deutschland sind jetzt bei fast 25% erneuerbarer Energieerzeugung.

    Das sollte für ein Hochtechnologieland wie Japan doch zu schaffen sein. Drücken wir die Daumen.

  5. Das bedeutet einen Ausstieg in 27 Jahren. Wesentlich länger dürfte die Betriebsdauer der existierenden Anlagen ohnehin nicht dauern.

    Man müsste sich die Modalitäten mal genauer ansehen. Ich vermute die Regierung spielt einfach auf Zeit und will den Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen, wenn jetzt weitere AKW wieder ans Netz gehen sollen.

    Was dann 2040 ist, wer dann regiert und ob der dann wieder anders entscheidet, kann man heute gar nicht sagen.

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    Hätte Japan dies einen Tag nach der Katastrophe verkündet - ich hätte ihre Meinung teilen können.
    Aber so? Warum sollten sie jetzt auf Zeit spielen. Auf mich als außenstehenden wirkt dies so lange nach dem Unfall wohlüberlegt und nicht irgend einem Hype nachlaufend.

    wird es sich kaum um ein taktisches Manöver handeln.

    Nein, diese Entscheidung trägt der Tatsache Rechnung, daß die japanische Bevölkerung der Energieerzeugung mittels AKWs das Vertrauen entzogen hat und einen Ausstieg fordert.

    Zusammen mit der Überlegung, daß Kernenergie die am höchsten subventionierte Energieerzeugung darstellt (man stelle sich nur vor, die AKW-Betreiber müßten sich volldeckungsgemäß haftpflichtversichern), ist der Entschluß zum Ausstieg logisch, wirtschaftlich zwingend und demokratisch notwendig.

    k.

    • henry06
    • 14. September 2012 10:55 Uhr

    denn laut CDU/CSU/FDP und Atomlobby geht Deutschland mit dem Atomausstieg doch ein Sonderweg.... Kein Land der Welt steigt aus der Atomkraft aus...

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    Insiderwissen?

    • Bashu
    • 14. September 2012 12:53 Uhr

    bereits zerstört oder aufgekauft.

    http://www.wiwo.de/techno...

    Atomausstieg hin oder her, viele entwickelte Nationen investieren in die grüne Zukunft.

    Dass wir hier einen besonderen Weg beschreiten sollen ist entweder Propaganda oder Realitätsverweigerung. In beiden Fällen gibt's ein böses Erwachen.

    • lead341
    • 14. September 2012 20:53 Uhr

    ...völlig korrekt: Deutschland geht einen Sonderweg des Absurden. Diesem schließt sich Japan lediglich an und werden ebenfalls wie Deutschland mit den desaströsen Konsequenzen leben müssen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Bundesregierung | Bevölkerung | AKW | Atomenergie | Atomkraft | Energie
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