MillenniumszieleHorst Köhler fordert stärkere Entwicklungspolitik von Deutschland

Noch immer leben mehr als eine Milliarde Menschen weltweit in Armut. Der frühere Bundespräsident Köhler fordert deshalb neue Ziele der deutschen Entwicklungspolitik. von dpa

Der ehemalige Bundespräsident, Horst Köhler (Archiv)

Der ehemalige Bundespräsident, Horst Köhler (Archiv)  |  © Henning Kaiser/ddp

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat Deutschland aufgefordert, bei der Weiterentwicklung der internationalen Entwicklungsziele mitzuwirken. "Wir werden weder unseren Wohlstand noch unsere Sicherheit noch unseren Frieden erhalten, wenn wir uns nicht als Partner der Armen begreifen", sagte Köhler. Erforderlich sei jetzt eine "Entwicklungsagenda für den ganzen Planeten".

Köhler ist das einzige deutsche Mitglied in einem neuen Beratergremium der Vereinten Nationen , das heute seine Arbeit aufnimmt. Der Ausschuss soll die sogenannten Millenniums-Ziele weiterentwickeln , die sich die Staatengemeinschaft zur Jahrtausendwende gesetzt hatte. Zu diesen zählen beispielsweise die Halbierung der Armut oder die Gleichstellung von Mann und Frau. Für Köhler ist die Arbeit im UN-Beratergremium die erste politische Aufgabe nach seinem überraschenden Rücktritt vor zweieinhalb Jahren.

Köhler sagte, die bis 2015 laufenden Ziele seien "insgesamt eine Erfolgsgeschichte". Sie hätten dem Armutsproblem und seinen Folgen auf der ganzen Welt Aufmerksamkeit verschafft und der Entwicklungspolitik mehr Wirkung gegeben. Trotzdem könne man mit dem Erreichten nicht zufrieden sein. Immer noch lebten mehr als eine Milliarde Menschen in tiefster Armut. Vor allem Afrika müsse eine bessere Perspektive bekommen.

Die acht UN-Millenniumsziele: 1.

Armut und Hunger bekämpfen: Die Zahl der extrem armen Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar (knapp ein Euro) am Tag leben, soll bis 2015 halbiert werden, ebenso die Zahl der Hungernden. Die Umsetzung dieser Ziele ist zweifelhaft. Etwa 1,4 Milliarden Menschen weltweit sind immer noch extrem arm, 2010 wird ihre Zahl wegen der globalen Wirtschaftskrise vermutlich sogar um 64 Millionen steigen. 830 Millionen Menschen leiden immer noch Hunger.

2.

Grundschulausbildung für alle Kinder gewährleisten: Alle Jungen und Mädchen sollen bis 2015 mindestens eine Grundschulausbildung erhalten. Inzwischen gehen 89 Prozent aller Kinder zur Grundschule, im Jahr 2000 waren es 83 Prozent. Angesichts des langsamen Fortschritts halten die Vereinten Nationen ein Erreichen des Ziels für unwahrscheinlich. Derzeit gehen immer noch 69 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter nicht in einen geregelten Unterricht.

3.

Gleichstellung und größeren Einfluss der Frauen fördern: Die Benachteiligung von Mädchen in der Schule soll bis 2015 beseitigt werden. Weltweit kommen jedoch auf 100 Grundschüler immer noch nur 96 Grundschülerinnen. Als Erfolg verbucht es die UN, dass der Anteil der weiblichen Parlamentsabgeordneten von 1990 bis 2010 von elf auf 19 Prozent gestiegen ist.

4.

Die Kindersterblichkeit senken: Die Sterberate von Kindern unter fünf Jahren soll bis 2015 um zwei Drittel sinken. Hier sieht die UN Teilerfolge: Starben 1990 noch 100 von 1000 Lebendgeborenen vor dem fünften Lebensjahr, sind es inzwischen nur noch 72 von 1000. Das bedeutet täglich 10.000 weniger Todesfälle von Kleinkindern. Nach derzeitigem Stand könnten aber nur zehn von 67 Ländern mit hoher Kindersterblichkeit bis 2015 das UN-Ziel erreichen.

5.

Die Gesundheit der Mütter verbessern: Die Zahl der Mütter, die während Schwangerschaft oder Geburt sterben, soll bis 2015 um drei Viertel sinken. Doch noch immer sterben jährlich Hunderttausende Frauen an Komplikationen, die Zahl hat sich seit 2000 kaum verringert.

6.

HIV/Aids, Malaria und andere Krankheiten bekämpfen: Hier gibt es Nachholbedarf: Immer noch stecken sich jeden Tag weltweit etwa 7000 Menschen mit dem HI-Virus an. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sank aber von 3,5 Millionen im Jahr 1996 auf 2,2 Millionen im Jahr 2008. Die Zahl der Infizierten mit Zugang zu HIV-Medikamenten in armen Ländern hat sich binnen fünf Jahren verzehnfacht.

7.

Eine nachhaltige Umwelt gewährleisten: Hierzu gehört unter anderem der Erhalt der Artenvielfalt und der Kampf gegen die Abholzung gefährdeter Wälder. Und vor allem die Trinkwasserversorgung: Die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser soll bis 2015 halbiert werden. Seit 1990 haben 2,7 Milliarden Menschen zusätzlich Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. 884 Millionen haben ihn derzeit nicht. Weniger gut läuft die Entwicklung bei hygienischen Sanitäranlagen: Derzeit haben 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang dazu, bis 2015 wird diese Zahl nach UN-Schätzungen sogar leicht ansteigen.

8.

Eine globale Partnerschaft im Dienst der Entwicklung schaffen: Die Exporte aus armen Ländern in Industrieländer nehmen laut den Vereinten Nationen stark zu, der Verschuldungsgrad armer Länder sinkt. Allerdings sind die reichen Länder noch weit vom UN-Ziel entfernt, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Entwicklungshilfe zu geben; derzeit liegt die Quote bei 0,31 Prozent.

Quelle: United Nations Regional Information Centre for Western Europe (UNRIC Brussels), AFP

Zu Deutschlands Rolle sagte der ehemalige Bundespräsident: "Auch wir müssen begreifen, dass wir in einer Welt leben. Nicht in einer ersten, zweiten oder dritten Welt." In Zeiten der Globalisierung seien "längst alle wechselseitig voneinander abhängig". Kein Land, sei es noch so groß und stark, habe auf Dauer etwas davon, wenn es die Voraussetzungen für ein globales Gemeinwohl gering schätze.

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Köhler sagte, von Frieden und Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit oder einem stabilen Finanzmarkt müssten "alle Völker auf unserem Planeten" profitieren. 

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    • Mmblfrz
    • 25. September 2012 13:00 Uhr

    Aber (auch) diese Institution umgeht die Hauptursache der Probleme:
    Die viel zu hohe Geburtenrate in den armen Ländern. In den siebziger Jahren war das ein echtes Thema. Warum wird darüber heute nicht mehr diskutiert? Liegt das etwa daran das Religionen die das "seit fruchtbar und mehret euch" predigen schleichend auf dem Vormarsch sind? Oder gibt es andere Gründe. Weiß da jemand was?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gerry10
    • 25. September 2012 13:31 Uhr

    ...sondern nur ein Teil des Problems.
    Im Prinzip ist es eine Schlange die sich selbst in den Schwanz beisst.
    Soziale Unsicherheit, Verteilungsprobleme, der Mangel an Frauenrechten und Bildungsarmut sind die Hauptursachen für die hohe Geburtenrate, die wiederum für Hunger und Armut sorgen. Religion mag eine weiter Komponente sein, aber schon seit anbeginn der Zivilisation waren Kinder die beste Garantie für ein einigermaßen sicheres (Über)Leben im Alter.
    In Ländern ohne Sozialversicherung, wo man sich vor der Polizei/Armee fürchtet, anstatt von ihr beschützt zu werden, es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gibt bleiben nur Kinder...
    Man muss all diese Probleme gleichzeitig bekämpfen, dann sinkt auch die Geburtenrate.
    Auch Europa wurde zuerst "reich" erst dann sanken die Geburtsraten.

    Entfernt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke. Die Redaktion/Kvk

    • Gerry10
    • 25. September 2012 13:31 Uhr

    ...sondern nur ein Teil des Problems.
    Im Prinzip ist es eine Schlange die sich selbst in den Schwanz beisst.
    Soziale Unsicherheit, Verteilungsprobleme, der Mangel an Frauenrechten und Bildungsarmut sind die Hauptursachen für die hohe Geburtenrate, die wiederum für Hunger und Armut sorgen. Religion mag eine weiter Komponente sein, aber schon seit anbeginn der Zivilisation waren Kinder die beste Garantie für ein einigermaßen sicheres (Über)Leben im Alter.
    In Ländern ohne Sozialversicherung, wo man sich vor der Polizei/Armee fürchtet, anstatt von ihr beschützt zu werden, es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gibt bleiben nur Kinder...
    Man muss all diese Probleme gleichzeitig bekämpfen, dann sinkt auch die Geburtenrate.
    Auch Europa wurde zuerst "reich" erst dann sanken die Geburtsraten.

    Antwort auf "ist ja alles ganz nett"
  2. ... "over to you", Dirk Niebel! Und schon sinken die Herzen.....

  3. wenn niemand bereit ist, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, sollte man solche Themen nicht zur Diskussion stellen. Es ist so, als wenn sich Kfz-Experten um ein Auto versammmeln, um zu mutmaßen, warum der Motor nicht läuft. Aber niemand darf erwähnen, dass der Tank leer ist.
    Da kann ich noch so salbungsvoll und hochtrabend über technische Raffinessen schwadronieren, hochwissenschaftliche Geistesblitze über Nockenwellen, Einspritzanlagen und Turbolader von mir geben. Wenn der Tank leer ist, ich es aber nicht äußern darf, spart man sich besser jeden Kommentar - denn es ist überflüssig und nicht problemlösungsorientiert! Also pulvert weiterhin Milliarden von Euros in Länder, deren Regierungen Waffen und sonsigen Mist mit diesem Geld von unserer Wirtschaft kaufen.
    Ist eure arrogante Ignoranz eigentlich Absicht, oder könnt ihr gar nichts dafür?

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke. Die Redaktion/Kvk

    Antwort auf "ist ja alles ganz nett"
  5. China gehörte bis vor kurzen ja auch noch zu den Staaten
    die Entwicklungshilfe bekommen haben. Sicher wurde mit
    den Geldern in China und den anderen armen Ländern, die
    Entwicklungshife aus Deutschland bekommen, auch Straßen
    gebaut. Damit Autos aus Asien und Europa sicher Fahren
    können. Überspitzt gesagt: bezahlen wir die Straßen,damit
    unsere Autos darauf fahren können.Wenn das so ist, müssen
    wir noch froh sein, daß keine Waffen dafür gekauft werden.
    Der UN-Berater Kohler sollte vorsichtig mit Geld um-
    gehen, daß den deutschen Steuerzahler gehort, denn
    Griechenland dürfen wir auch nicht vergessen.

    • zappp
    • 25. September 2012 15:41 Uhr

    Westliche Handels- und Agrarpolitik ist immer noch vor allem protektionistisch. Dagegen kann das Bisschen Entwicklungspolitik nur wenig ausrichten. Nützt nicht viel, kostet ja auch nicht viel. Als Gegenleistung gibt es immerhin globale Gutmenschenpräsenz.

    Die praktische Entwicklungszusammenarbeit ist bei allem Gerede über Partnerschaft immer noch paternalistisch. Die Zielgruppen geben sauer selbstverdientes Geld für Mobiltelefone, Satellitenfernsehen und Autos aus. Wir verschenken Bildungs-, Gesundheits- und Wasserprojekte, bei denen die Nachfrage erst durch Propaganda künstlich erzeugt werden muss. Und weil wir das Geld für deren Betrieb nicht mitverschenken wollen gehen die Projekte schnell wieder ein. Die betroffene Zielgruppe ist zumeist vorher sogar befragt worden, ob sie eigenes Geld für den Unterhalt des Projektes hergeben will. Nur wollte man die Antwort nicht hören. Denn in dem Stadium will keiner das Projekt mehr abblasen. Zügiger Mittelabfluss ist wichtiger als Wirkung.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Horst Köhler | Vereinte Nationen | Arbeit | Armut | Bundespräsident | Entwicklungspolitik
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