ZEIT ONLINE:  Herr Wałęsa, wie ernst steht es um Europa ? Kann es die Krise bewältigen?

Lech Wałęsa: Die Krise gibt es nur, weil wir keine ordentlichen Strukturen und Programme in Europa haben. Wir denken in Strukturen, die am Ende des 20. Jahrhunderts gültig waren, und benutzen Lösungsansätze aus dieser Zeit. Diese Ansätze sind für Nationalstaaten in ihren Grenzen entwickelt worden. Aber wir sollten nicht mehr in Staaten denken, sondern global, Europa ohne Grenzen. Wenn wir das nicht verstehen und ändern , werden wir in der Krise bleiben. Es gibt bei den meisten Themen kein Deutschland mehr, kein Polen . Es gibt nur Europa!

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie die deutsche EU-Politik ein? Sorgt sie für neue Strukturen?

Wałęsa: Ich wünsche mir eigentlich, dass die Deutschen noch mutiger sind. Das Schicksal hat es nun mal so gewollt, dass Deutschland das größte Land mit großem Potenzial in Europa ist. Die Deutschen tendieren auch in die Richtung eines vereinigten Europas. Also sie sollten größeren Einfluss auf die Entwicklung und Planung in Europa haben. Allerdings: Wer führt, hat auch Verpflichtungen!

ZEIT ONLINE: Wie stellen Sie sich das Europa der Zukunft vor?

Wałęsa: Ich warte ehrlich gesagt darauf, dass einige junge, schlaue Menschen auf Europa schauen und sich fragen: Welches Land hat welche Stärken und welche Fähigkeiten? In naher Zukunft schon wird zum Beispiel Die Ukraine zu Europa gehören. Gott hat der Ukraine so gute Böden gegeben, so dass sie ganz Europa ernähren könnte. Wir sollten der Ukraine sagen, dass sie das ganze Getreide für Europa produzieren kann – aber dafür keine Maschinen. Die Maschinen könnte Polen produzieren. Die junge Generation muss das jetzt angehen und die Struktur Europas verändern. Sonst wird es weiterhin eine Krise geben, sonst wird es Streiks geben. Wenn wir das alte Marktmodell und die alten Ideen verwenden, dann wird Europa in der Krise bleiben. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe und viele sagen, dass eine Lösung unmöglich ist. Aber mir hat man auch mal gesagt, es sei unmöglich, als ich gegen den Kommunismus gekämpft habe. Ich habe bewiesen, dass es möglich ist.