Die große Demonstration in Barcelona am 11. September für die Unabhängigkeit Kataloniens hat womöglich bei vielen Deutschen Unverständnis oder sogar Ablehnung hervorgerufen. Viele werden die Forderung der Katalanen als anachronistisch und provinziell bezeichnen. Sie ist aber nur die logische Folge der spanischen Politik der Kränkungen, der Ausbeutung und der Schikanen der letzten 300 Jahre.

Katalonien war vom 10. bis zum 18. Jahrhundert ein unabhängiger Staat. Vom 12. bis zum 16. Jahrhundert war es mit dem Königreich Aragon und bis zum 18. Jahrhundert mit Spanien konfederiert. Im Zusammenhang des spanischen Nachfolgekrieges eroberten 1714 die vereinten Armeen der bourbonischen Könige Spaniens und Frankreichs Katalonien mit Waffengewalt, lösten alle seine politischen, kulturellen und juristischen Institutionen auf und verboten den öffentlichen Gebrauch der katalanischen Sprache. Seitdem gehört Katalonien zu Spanien, das es oft mit Waffengewalt unterdrückt und wie eine Kolonie behandelt hat.

 
Die katalanische Sprache, das wichtigste Merkmal der katalanischen Nation, wurde auch in den Zeiten bekämpft, in denen sie mit Ausnahme der Justiz und der Verwaltung erlaubt war. Sie wurde als Dialekt des Spanischen, als Bauernsprache und als ungeeignet für Kultur und Wissenschaft diskreditiert.

Im heutigen Spanien wird katalanisch außerhalb Kataloniens nur an drei Universitäten gelehrt, in Deutschland an mehr als einem Dutzend. Die spanischen Beamten, die in Katalonien eingesetzt werden, zum Beispiel Richter, sind nicht verpflichtet, Katalanisch zu verstehen. Unvorstellbar, dass schweizer Richter in Genf oder in Lugano eingesetzt werden, ohne Französisch und Italienisch wenigstens zu verstehen.

Entgegen manchen Behauptungen sind die Rechte der spanischen autonomen Regionen weit entfernt von denen der deutschen Bundesländer. Die Katalanen haben schon mehrfach versucht, einen Status zu erreichen, der ihnen den würdevollen Verbleib im spanischen Staat ermöglichen würde. Ein neues Autonomiestatut wurde 2005 erarbeitet und mit 90 Prozent der Stimmen des katalanischen Landtags verabschiedet.

Anschließend hat das spanische Parlament das Statut stark beschnitten. Der katalanische Landtag hat die neue Version akzeptiert, die katalanische Bevölkerung hat ihr in einem Referendum zugestimmt, der spanische König hat sie unterschrieben, sodass das es in Kraft treten konnte. Dann aber hat das spanische Verfassungsgericht nach einer Klage der konservativen Volkspartei das Statut noch einmal in einigen Punkten eingeschränkt, die für die Katalanen entscheidend waren. Seitdem ist die Unabhängigkeitsbewegung unaufhaltsam gewachsen.

Als unabhängiger Staat würde Katalonien heute finanziell viel besser dastehen als mit dem jetzigen Autonomiestatus innerhalb Spaniens. Die Region überweist weit mehr Geld an die Zentralregierung als sie von ihr zurückbekommt. Die Differenz in den letzten zwanzig Jahren betrug mehr als 200 Milliarden Euro. Das ist der Grund für die jetzigen finanziellen Schwierigkeiten Kataloniens.

Die Deutschen können also beruhigt sein: Als unabhängige Nation wäre Katalonien kein neues Griechenland. Wenn sie frei über ihre eigenen Mittel verfügen könnten, wären die Katalanen in Europa Nettozahler. Sie würden keine Hilfen Europas benötigen und wären für die Stabilität des Euros kein Problem.

Die Unabhängigkeit Kataloniens würde auch keine Änderung der Lissaboner oder Maastrichter Verträge erfordern. Als provisorische Lösung könnte Katalonien in Straßburg eine Zahl von Abgeordneten zugesprochen werden, die dem Anteil der Katalanen an der Bevölkerung Spaniens entspräche – rund 16 Prozent.

Diese 16 Prozent wünschen sich, in Frieden mit den anderen Nationen Europas zu leben – einschließlich Spanien. Sie wollen in einem unabhängigen Katalonien ein Leben in Würde führen und die Früchte ihrer Arbeit ernten.