Gut möglich, dass man kürzlich im Bundeskanzleramt ein wenig wehmütig wurde, als der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager den Besuch des griechischen Premiers in Berlin kommentierte. Deutschland und die Niederlande sollten eine strenge Position gegenüber Griechenland einnehmen, sagte er, "die Reformen dürfen nicht aufgeschoben werden." Doch ob de Jager noch länger als Politiker diesen Kurs verfechten kann, ist fraglich, denn am 12. September finden in den Niederlanden vorzeitig Parlamentswahlen statt . Und mit deren ungewissem Ausgang steht auch der europapolitische Kurs zur Disposition. Im für Kanzlerin Merkel ungünstigsten Fall verliert sie nach Sarkozy einen weiteren Verbündeten ihrer Austeritätspolitik.

Nun liegt die regierende wirtschaftsliberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) von Mark Rutte eine Woche vor dem Stichtag durchaus auf Kurs. Umfragen sehen sie mit gut 20 Prozent der Stimmen leicht vor der Socialistische Partij (SP) und der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA), die jeweils knapp unter 20 Prozent stehen. Sollte die VVD gewinnen, wird sie bei der Bildung einer Koalition jedoch um beide nicht herumkommen. Zwar wird eine Verbindung mit den Sozialisten beiderseits quasi ausgeschlossen. Deren EU-Standpunkte – mehr politische Integration nur nach Referendum, Ablehnung des ESM – sind dafür triftige, wenn auch nicht die einzigen Gründe.

Geert Wilders will den Euro-Austritt

Nur ist die SP keineswegs ein Phänomen, das losgelöst vom Rest des Spektrums am linken Rand bizarre Parolen von sich gibt. Ihre Inhalte spiegeln sich vielmehr in bürgerlichen Parteien wider. Als die Minderheitsregierung Ruttes im April am Streit um die Neuverschuldung scheiterte, forderte auch die PvdA einen flexiblen Umgang mit der Drei-Prozent-Grenze des Stabilitätspakts. Daran hält man im Wahlkampf fest. "Wir finden es unvernünftig, nun knallhart zu kürzen, um auf oder unter diese drei Prozent zu kommen", so Spitzenkandidat Diederik Samsom unlängst. Für diesen Kurs will er in Brüssel Gleichgesinnte suchen.

Ein Alptraum wäre dies für die Sparkurs-Anhänger der VVD. Doch auch in ihrem Wahlprogramm finden sich eurokritische Töne – freilich ganz anders motiviert. Passend zum liberalen Duktus, Sparen beginne mit einem schlankeren Beamtenapparat, soll auch die EU billiger und effizienter werden. "Nicht mehr Europa , sondern ein funktionierendes", lautet das Ziel.

Neue EU-Gesetze will die VVD künftig scharf kontrollieren, alte, so "überflüssig", rückgängig machen. "Kräftig sinken" müssen die niederländischen Beitragsgelder nach Brüssel, und die Kontrollmöglichkeiten der Mitgliedsstaaten zum Schutz der "nationalen Souveränität" verbessert werden. Vollends auf den "Brüsseler Superstaat" hat sich die rechtspopulistische Partij voor de Vrijheid (PVV) eingeschossen, deren Chef Geert Wilders bei jeder Gelegenheit den niederländischen Austritt aus Euro-Zone und EU beschwört .