Vielleicht verhilft etwas Abstand ja tatsächlich zur Erkenntnis. In diesem Fall wäre Liesbeth Spies, Innenministerin des ersten Kabinetts von Premier Mark Rutte, außerordentlich befugt, die neuen Kräfteverhältnisse in den Niederlanden zu kommentieren. Aus der Entfernung gewissermaßen, denn eine Rolle spielt ihre Partei, die drastisch abgestürzten Christdemokraten (CDA), nicht mehr. Liesbeth Spies also sagte nach den ersten Prognosen am Mittwochabend: "Es scheint, als vollziehe sich ein politischer Erdrutsch."

Die Diagnose bestätigte sich im Verlauf des Abends, und keine Analyse kam um die eine Erkenntnis herum: Die Niederlande sind im Herbst 2012 eine parteipolitische Zwei-Klassen-Gesellschaft geworden . Auf der einen Seite stehen die marktliberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD), mit 41 der 150 Parlamentssitzen die Gewinnerin, und die Sozialdemokraten der Partij van de Arbeid (PvdA, 40 Sitze). Auf der anderen Seite mit jeweils 15 Sitzen links und rechts im politischen Spektrum die ehemaligen Medienhypes: Sozialisten (SP) und Wilders Freiheitspartei (PVV), heruntergestutzt auf ein kaum mehr gewohntes Normalmaß von jeweils 15 Sitzen. Und schließlich die Christdemokraten mit 13, die liberalen Democraten66 mit 12, in einigem Abstand gefolgt von den Kleinparteien mit fünf und weniger Vertretern.

Auf einen Schlag hat sich damit ein Trend umgekehrt, der die Niederlande seit Längerem dominierte: die elektorale Nivellierung, der zu Folge die Mehrheitsverhältnisse immer komplexer und Koalitionen immer kurzlebiger wurden. Sie wurzelt in der Auflösung politischer Milieus und deren assoziierten Lebenswelten (katholisch, protestantisch, liberal, sozialdemokratisch); Milieus, die sich seit den sechziger Jahren etabliert hatten. Damit einhergehend erodierten, wie in anderen europäischen Staaten auch, die früheren Volksparteien. Ein spezielles niederländisches Element beschleunigte diesen Prozess: die fundamentale Vertrauenskrise der etablierten Parteien im vergangenen Jahrzehnt.

Eurokrise bestimmte den Wahlkampf

Wenn vor diesem Hintergrund nun erneut eine drückende Dominanz zweier Parteien eintritt, müssen erhebliche Kräfte am Werk sein. Und genau darüber verfügt der Krisendiskurs, der die Niederlande im Bann hält, wie der zurückliegende Wahlkampf zeigt. Der Referenzrahmen war eng gesteckt: drohende Rezession, Flaute auf dem Immobilienmarkt, Abstufung der großen Banken, Verfall der Rentenfonds und ein latentes Haushaltsproblem.

Als probate Maßnahmen erschienen nur zwei Alternativen. Der radikale Sparkurs der VVD unter dem Motto "Ärmel hoch statt Hände aufhalten", und das bedächtigere Vorgehen der PvdA, Arbeitstitel "Stärker und sozialer", sozusagen die Anpassung des Spartempos an die Umstände.