Parteitagsreden sind keine Spiegelstrichvorträge, schon gar nicht in Amerika. Der Druck auf Obama war riesig, mehr als blumige Worte und wolkige Aussichten zu liefern. Das hat er getan. Er zeichnete auf, wohin er das Land führen will und was er auf dem Weg vorhat. Er bat zugleich um Geduld und plädierte in dieser oft von kurzfristigem Denken und Handeln besessenen Zeit für eine Politik nachhaltiger Veränderungen.

Obama warb für Investitionen in die Bildung, in die Infrastruktur und in die Energieunabhängigkeit Amerikas. Er versprach ein einfacheres und zugleich faireres Steuersystem, eine Million neuer Jobs in der Industrie und den Abbau des horrenden Schuldenbergs um vier Billionen Dollar.

Und unter großem Jubel blieb er bei seiner Forderung, alle Amerikaner, die mehr als 250.000 Dollar im Jahr verdienen, stärker zu besteuern. Angesichts der Not leidenden Staatskassen, sagte der Präsident, sei das gerechter als weitere Lehrer zu entlassen.

Sein Herausforderer Mitt Romney verspricht weniger Steuern, weniger Staat und weniger Regulierungen. Obama hält dem sein eigenes Zukunftsmodell entgegen: Eine solidarische Gesellschaft, die in Bildung, Infrastruktur und Energieunabhängigkeit investiere, die auch illegalen Einwanderern eine Chance gebe, den Klimawandel nicht für einen Witz halte und die Sozial- und Gesundheitssysteme so reformiere, dass sie nicht ihren Sinn verlören.



Es gehe bei der Wahl um zwei fundamentale Visionen, zwei grundverschiedene Vorstellungen, sagte der Präsident: Um eine Gesellschaft, in der jeder auf sich selber gestellt sei, oder ein Gemeinwesen, in dem alle füreinander einstünden.

Es gehe um ein Amerika, in dem Staat und Regierung Statisten seien oder eine Rolle als Weichensteller für die Zukunft hätten.

Seinen Anhängern präsentierte sich in Charlotte ein Präsident, der nüchterner, abgeklärter und auch bodenständiger geworden ist. Er sei nicht mehr derselbe wie vor vier Jahren, sagte er. Wie die Zeit, so habe auch er sich verändert.

Allerdings hat er auf dieser Wegstrecke auch ein wenig seines ursprünglichen Zaubers verloren. Es trat kein Messias mehr auf, der einst glaubte, nur mit seiner Wahl habe sich die Welt bereits verändert.

Stattdessen sprach ein gewöhnlicher Sterblicher, ein Politiker, der sich in vier harten Jahren zum kühlen Pragmatiker gewandelt hat. Der aber trotz aller Ernüchterung und Enttäuschung immer noch mit großer Überzeugungskraft darlegen kann, warum er – im Vergleich zu seinem Herausforderer Mitt Romney – die bessere Wahl sei und die wundgeschlagene Nation in eine bessere Zukunft führen könne.

"Ihr habt mich gewählt, um euch die Wahrheit zu sagen," rief der Präsident. "Und die Wahrheit ist, es wird dauern!" Und in Anlehnung an einen berühmten Satz von John F. Kennedy sagte er: "Es geht nicht darum, was für uns getan wird, sondern was wir selber tun." Nicht er sei der Wandel, sondern der Wandel geschehe allein dank der Menschen, die ihn wählten.

Obama wies am Ende seinen Weg in die Zukunft. Als zweifele er für einen kurzen Moment, ob ihm die Wähler auf diesem Weg folgen werden, mahnte er: "Solltet ihr euch abwenden, wird der Wandel nicht weitergehen." – Doch dann brüllten 20.000 begeisterte Menschen: "Four more years!" Vier weitere Jahre!