Proteste gegen den islamfeindlichen Mohammed-Film in Tripoli, Libanon © Omar Ibrahim/Reuters

Schärfer konnten die Kontraste nicht sein. Feuerstürme in arabischen Hauptstädten – amerikanische und europäische Botschaften brennen, Diplomaten in Todesangst, ein wütender Mob, der Restaurants und Schulen mit westlichen Namen verwüstet. Und inmitten dieser Gewalteruption ganz in weiß der Besucher aus Rom , Papst Benedikt XVI. Einzig seine Gastgeberstadt Beirut blieb während der dreitägigen Visite eine Insel der Ruhe in einem Meer von Tumulten, Aufruhr und Ausschreitungen.

Nebenan in Syrien tobt ein furchtbarer Bürgerkrieg , gleichzeitig rufen die Radikalen der gesamten Region zur Generalabrechnung auf. Die islamischen Eiferer wollen ihren Einfluss in den Umbruchsländern festigen . In ihrer Agitation gegen den Westen machen sie sich zudem dessen jahrzehntelange Komplizenschaft mit den Autokraten der Region zunutze. Selbst manche ihrer moderaten Landsleute stimmen ihnen dabei stillschweigend zu.

Gleichzeitig werden die seit Jahrhunderten ansässigen Christen des Orients immer mehr zu Opfern fundamentalistischer Polarisierer. Geistige Brandstifter denunzieren ihre Landsleute als Handlanger des Westens, als Fremdkörper in ihren eigenen Völkern, als Ungläubige.

Seit dem Arabischen Frühling zeichnet sich ab, dass die nächsten Jahrzehnte der Region wahrscheinlich dem politischen Islamismus gehören, hinter dessen Haltung zu Freiheit und Pluralität viele Fragezeichen stehen. Hunderttausende Christen sind im vergangenen Jahrzehnt geflohen oder emigriert. Selbst das vatikanische Synodendokument über die Ostkirchen, das Benedikt XVI. im Libanon ratifizierte, spricht von einem Ausbluten der Gemeinden.

Aus Rom gekommen aber war ein alter Mann, der über viele Strecken am Ende seiner Kräfte schien. Dennoch empfanden die bedrängten Christen seine nuancierten Predigten, auch seinen persönlichen Mut zu dieser Reise, als wohltuende Zuwendung. Gespannt hingen die jungen Menschen beim Jugendtreffen an seinen Lippen, dankbar nahmen die Gläubigen beim Abschlussgottesdienst seine Worte zum Krieg in Syrien auf.

Die Regensburger Rede ist nicht vergessen

Benedikts Predigten trugen bei zur Selbstvergewisserung der orientalischen Christen, die sich einer chronisch unkalkulierbaren Heimatwelt ausgeliefert fühlen. Sie trugen bei zu einem aufgeklärteren Bewusstsein, zu einem feineren Gespür für die zivilisatorischen Gefahren von Fundamentalismus und Intoleranz. Gleichzeitig richtete sich sein Angebot von einem neuen christlich-islamischen Wertebund für Mäßigung und Respekt, Vernunft und Racheverzicht an alle Muslime guten Willens – wenngleich die Offerte zunächst in den Flammenbildern der arabischen Nachrichtenkanäle unterging.

Erschwerend kommt hinzu, dass Benedikt seit seiner Regensburger Rede nicht mehr die unbestrittene Autorität hat, mäßigend und Brücken bauend auf die islamische Welt einzuwirken. Und so wachsen in beiden Lagern der Weltreligionen Sprachlosigkeit und Ratlosigkeit, nicht zuletzt, weil sich immer mehr Kräfte breit machen, denen es einzig noch um aggressiven Fundamentalismus und gewaltbeseelte Eindeutigkeiten geht.

Der Arabische Frühling hat in der gesamten Region riesige Mühlsteine in Bewegung gesetzt, die noch vieles zerquetschen können, was einst zu dem typisch orientalischen Gewebe an kultureller und religiöser Vielfalt gehörte. Jeder Fundamentalist kann heute das anfällige und komplexe Geflecht religiösen Miteinanders mit ein paar idiotischen Videominuten in Fetzen reißen.

Für religiöse Minderheiten, wie die Christen des Nahen Ostens, sind das keine guten Aussichten. Zu den von Papst Benedikt beschworenen Werten von Frieden und Zivilität, Toleranz und Verständnis aber gibt es keine Alternative, soll das Zusammenleben von Orient und Okzident nicht eines Tages vollends aus den Händen gleiten.