Pro-Deutschland-Demonstranten in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Darf man die öffentliche Aufführung eines Filmes, der die Gefühle einer Glaubensgemeinschaft verletzt , im Namen des sozialen Friedens verbieten? Die Debatte um das Video The Innocence of Muslims und die Reaktionen darauf haben den scheinbaren Widerspruch zwischen Meinungsfreiheit und öffentlicher Sicherheit ins Rampenlicht gerückt. Zur großen Freude sowohl der Islamisten als auch der Islamophoben weltweit.

Matthew Goodwin, Professor an der Universität Nottingham, glaubt, dass dieser Widerspruch, den die Islamophoben als Grundproblem der multikulturellen Gesellschaft ansehen, nichts anderes sei, als Teil einer politischen Strategie. Gemeinsam mit anderen Kollegen hat Goodwin in diesem Jahr das Projekt Extremis ins Leben gerufen, eine Plattform für Politologen und Soziologen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Phänomen des Extremismus auf einer objektiven, unabhängigen und fundierten Basis zu untersuchen.

"Was die anti-islamische Rechte immer wieder versucht", sagt Goodwin, "ist, Massenparteien in eine Debatte über die Kompatibilität des Islams mit unseren liberaldemokratischen Idealen zu verwickeln. Durch ihre Provokationen wollen sie zeigen, dass ihre Vorstellung vom Islam als Religion der Gewalt und des Hasses berechtigt ist. Eine selbsterfüllende Prophezeiung."

Monopolisierte Integrationsdebatte

Die Islamophoben kennen sich meistens gut mit dem Islam aus und nutzen diese Kenntnisse, um die Wirkung ihrer Provokationen zu maximieren. Sobald die islamische Gemeinschaft vehement auf eine Provokation reagiert , verwandelt sich die Debatte um existierende kulturelle Unterschiede in einen Konflikt zwischen zwei Gesellschaftsmodellen. "Das ist genau das, was die Islamophoben wollen", sagt Goodwin. "Durch ihre aggressive Herangehensweise haben sie es in vielen Ländern geschafft, die Integrationsdebatte zu monopolisieren. Die Massenparteien sind dann gezwungen, ihnen auf ihr Terrain zu folgen."

Eine Regierungspartei, die sich in erster Linie um die Sicherheit der Bürger kümmert, gerät damit zwangsläufig in ein Dilemma: Entweder schränkt sie die Meinungsfreiheit ein, oder geht das Risiko einer gewaltsamen Eskalation ein.

"Nehmen wir zum Beispiel Geert Wilders Besuch in London im Jahr 2009", sagt Goodwin. "Der holländische Rechtspopulist wurde damals von einem Parlamentsmitglied eingeladen, um seinen anti-islamischen Dokumentarfilm Fitna im House of the Lords zu zeigen. Gordon Brown sprach sich dagegen aus. Wilders zwang die britische Politik Partei zu ergreifen. Plötzlich ging es nicht mehr um eine politische Werbeaktion, sondern um die Verteidigung der Meinungsfreiheit."