Junge Mormonen auf einer Wahlkampfveranstaltung von Mitt Romney © Justin Sullivan/Getty Images

Auf Mitt Romney lassen Rebecca, Scott und Peter nichts kommen. Steif? Roboterartig? "Überhaupt nicht", sagt Rebecca. Einmal habe es in ihrer Nachbarschaft einen Brand gegeben, da habe Romney selbst mit angepackt, den Schutt aufzuräumen. "Obwohl er einen gebrochenen Arm hatte." Ein hartherziger Stellenvernichter soll der republikanische Präsidentschaftskandidat sein, nur an Geld interessiert?

Oh nein, sagt Peter. Romney spende den Zehnten seines Einkommens an die mormonische Kirche. Und was Bain Capital betreffe: Manchmal sei es eben notwendig, Stellen zu streichen, um eine Firma zu retten. Ein "Flip-Flopper", der seine Meinung mitten im Satz ändert? "So müssen sich Politiker geben, damit sie gewählt werden – leider", sagt Scott. Und dass Romney auf einer Fahrt nach Kanada seinen Hund auf dem Dach seines Autos transportiert hat? "Ach", sagt Rebecca. "Das wird nur von den Medien aufgeblasen."

Rebecca und Scott sind Mormonen, Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, oder "Saints", wie sie sich nennen. Das Ehepaar wohnt in La Jolla, einem wohlhabendem Vorort von San Diego : weiße Villen, Palmen, Meer. 40.000 Menschen leben hier, fast alle weiß, außer einer substanziellen asiatischen Minderheit, viele davon Mormonen. Auch die Romneys besitzen eine Villa in La Jolla .

Wir sitzen im Wohnzimmer von Rebecca und Scott, bei Tacos, Guacamole, Kuchen und Saft. Mormonen trinken nicht. Kein Alkohol, kein Kaffee. Auch kein Tee. Nicht einmal grünen Tee. Coca Cola allerdings dürfen sie trinken, das hat die Kirche nicht verboten. Peter ist an diesem Abend zu Gast – ein Katholik, der seiner Frau Sherri zuliebe konvertiert hat –, dazu Jake und seine Frau.

Mormonen wählen konservativ

Am Nachmittag habe ich mit Rebecca den Tempel in La Jolla besucht. Es ist ein gewaltiger schneeweißer Sakralbau mit zwei spitzen hohen Türmen. Nur gläubige Mormonen dürfen hier eintreten. Aber zwei junge "Sisters", Missionarinnen, zeigen mir Bilder vom Inneren des Tempels. Sie würden auch gern bei mir zu Hause vorbeikommen, um mir alles über die mormonische Religion zu erklären. Wann wäre es mir denn recht?

Aber ich bin nicht auf einer spirituellen Suche. Ich will herausfinden, ob Romneys Glaube die Wahl beeinflusst . Mit ihm könnte, erstmals, ein Nicht-Christ die USA führen. So sehen das die Evangelikalen. "Evangelikale haben mich schon als Teufelsanbeterin beschimpft", sagt Rebecca. Eine protestantische Mitschülerin habe ihr gesagt, sie werde zur Hölle gehen. "Von Katholiken habe ich das noch nie erlebt." Scott nickt. "Ein Bischof hat mir mal erzählt, wenn es darum geht, zu helfen, haben Katholiken die Ideen, die Juden geben das Geld, die Mormonen stellen die Freiwilligen, und die Evangelikalen meckern rum", sagt er. "Der Jesus, an den die glauben, ist nicht unser Jesus."

Peter ist hoffnungsvoll, was Romneys Chancen betrifft. "Das Land ist viel toleranter und diverser als früher", sagt er. Sonst wäre ja auch Obama nicht gewählt worden. Sechs Millionen "Saints" gibt es in Amerika . Romney, da sind sich alle sicher, wird mehr als 90 Prozent ihrer Stimmen bekommen, "aber nicht weil er Mormone ist, sondern weil Mormonen konservativ wählen", sagt Scott.

Von oben befohlen

Frauen dürfen bei Mormonen bis heute nicht Priester werden, Afro-Amerikanern war die Priesterschaft bis 1978 verwehrt. "Viele denken, wenn sich die Mitglieder gegen so etwas auflehnen, dann ändert sich das, aber so funktioniert das bei uns nicht", sagt Rebecca. "Das muss von oben befohlen werden." So wie das Rauchverbot, das habe die Kirche auch von oben verfügt. "Deshalb ist die mormonische Kirche auch in allen Ländern gleich." "So wie McDonalds", werfe ich ein, und alle kichern.

Mormonen haben eine ur-amerikanische Religion. Ihr Gründer war Joseph Smith, dem ein Engel 1823 angeblich ein goldenes Buch brachte, das Smith ins Englische transkribierte: das Buch Mormon. Lange wurden sie verfolgt. "Früher durfte uns jeder einfach abknallen", sagt Scott. Als man Smith lynchte, wurde Bringham Young der neue Prophet. Er führte seine Jünger in ein entlegenes Indianerterritorium: Utah . Die Mormonen errichteten ein neues Zion am Fuß der Rocky Mountains: Salt Lake City . Als Utah 1890 zum Staat erklärt wurde, wurde Polygamie verboten. Miles Park Romney, Mitts Großvater, floh mit allen seinen Frauen in eine polygame Kolonie nach Mexico, wo George Romney geboren wurde, Mitt Romneys Vater.

Heute feiert das Broadway-Musical The Book of Mormon Erfolge, TV-Serien wie Big Love werden von Millionen gesehen. Meine Mormonen finden Big Love blöd, aber seit Romneys Kandidatur werden sie dauernd über die Kirche befragt. Das sehen sie positiv. "Mein Leben hat sich dadurch wirklich verbessert", sagt Rebecca. "Für mich ist das geradezu eine Erleichterung, darüber reden zu können."